Magische Kunst in Berlin: Das Metall tanzt

Von Lars-Olav Beier

Spiegel schweben, Metallplatten drehen sich beinahe schwerelos im Raum zur Musik. Der Berliner Künstler Joachim Sauter schafft einzigartige bewegliche Objekte, die sich ständig verändern. Ein magisches Ballett, das auch erwachsene Betrachter als staunende Kinder zurücklässt.

Kunst besteht darin, etwas vorzuspiegeln. Das ist das Credo des deutschen Künstlers Joachim Sauter. In seinen Installationen gelingt es ihm, den Betrachter in eine Welt der unaufhörlichen Verwandlungen hineinzuziehen, eine schillernde Welt, die nur aus reflektierenden Oberflächen und Licht zu bestehen scheint, in der sich alle Grenzen auflösen. Sauter lässt den Betrachter staunen wie ein Kind in einem Spiegelkabinett.

Eine seiner sogenannten kinetischen Installationen, "Delta Phi", ist ein viereckiges Relief, das aus Kunststoff gefräst und mit Chrom überzogen wurde. Es kann so beleuchtet werden, dass es sich in die Wasseroberfläche eines Flusses zu verwandeln scheint. Man steht davor und fühlt sich mitgerissen. Strahlen von oben zwei Spots auf das Relief, spiegelt das Chrom zwei griechische Buchstaben an die Decke: "Phi" steht für Lichtstrom, "Delta" für Veränderung und Bewegung.

Der Schwerkraft enthoben

Fünf Installationen des 54-jährigen Sauter, der auch als Professor in Berlin lehrt, sind nun in der Berliner Galerie MADE zu sehen, im neunten Stock eines Hochhauses am Alexanderplatz. Ein lichter, luftiger Kunstraum, der seit 2010 besteht und schon von Künstlern wie Moby oder Architekten wie Daniel Libeskind genutzt wurde. Die Idee ist, dass hier alle Künste einen Platz finden sollen. Ein Raum, der selbst in ständiger Transformation begriffen ist.

Zum ersten Mal arbeitet Sauter in Berlin mit einem Musiker zusammen, der für die Installationen Stücke komponiert. Er hat hierfür den 27-jährigen Isländer Ólafur Arnalds gewonnen, der schon Drummer in einer Heavy-Metal-Band war, Piano spielt und als junger Virtuose elektronischer Musik gilt. Arnalds arbeitet gern interaktiv: Bei seinen Konzerten zeichnet er schon mal das Summen der Zuschauer auf und baut es live in seine Stücke ein. "Bei den Installationen ist es ein bisschen so, als würde ich ein Ballett komponieren", sagt er.

Fotostrecke

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Installationsprojekt "Symphonie Cinétique": Magische Motorenkunst
Da einige von Sauters Installationen aus vielen einzelnen Teilen bestehen, die beweglich sind und jeweils von einem eigenen Motor gesteuert werden, gibt es die Möglichkeit, sie nach Ólafurs Klängen tanzen zu lassen wie das Ensemble eines Balletts. Bei "Infinite Cube", einer gläsernen Vitrine, in der Metallkugeln an fast unsichtbaren Fäden auf- und ab schweben, entsteht auf diese Weise eine höchst komplexe Choreografie (Sehen Sie dazu bitte auch das Video oben im Artikel).

Ein Rochen fließt durch den Raum

"Infinite Cube" geht zurück auf ein Projekt, das Sauter vor einigen Jahren für den Autohersteller BMW entwickelte. Aus über 700 beweglichen Kugeln schuf er eine kinetische Skulptur, die verschiedene Formen annehmen konnte, auch die eines Autos. Diese Idee verwandte BMW später in einem Werbespot. "Dafür habe ich leider keinen Pfennig bekommen, denn ich hatte ihnen die Idee schon vorher verkauft", sagt Sauter. "Zu einem guten Preis", fügt er allerdings hinzu und grinst.

Einige der Installationen, die Sauter nun in Berlin zeigt, sind verkleinerte Versionen früherer Projekte, es ist eine Art Best-of seiner Werke. Wer sich darauf einlässt, fühlt sich bisweilen Ort und Zeit entrissen und der Schwerkraft enthoben, der Betrachter kann darin regelrecht lustwandeln. Die vielen kleinen Spiegel, aus denen zum Beispiel "Manta Rhei" besteht, ergeben zusammen das Bild eines Rochens, der voller Anmut durch den Raums schwebt.

Seltsamerweise wirkt das alles nicht kitschig. Der Grund dafür ist vermutlich die technische Sachlichkeit der Werke, ihre Abstraktheit. Die schönste von Sauters Installationen, die in Berlin ausgestellt wird, heißt übrigens "Tri". Rautenförmige Spiegel drehen und wenden sich ständig, mal wirken sie wie ein geometrisches Muster, dann wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm. Mathematik verwandelt sich in Natur. Man möchte nicht aufhören zuzuschauen.


"Symphonie Cinétique - The Poetry of Motion" findet im MADE statt, Alexanderstraße 7, 10178 Berlin. Die Ausstellung läuft bis zum 28. Juli.

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