Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ateliers von Joan Miró: Wände, die die Welt bedeuten

Von Ronja Merkel

Wandbild-Ausstellung: Mirós Giganten Fotos
Archiv F. Català-Roca, Arxiu Fotogràfic del Col·legi d¿Arquitectes de Catalunya/ Schirn

Ausnahmekünstler Joan Miró war von Wänden angetan: Auf den Mauern seiner Ateliers auf Mallorca sieht man noch heute die Graffiti des Meisters. Jetzt kommen seine großformatigen Werke nach Deutschland.

Joan Miró war ein Rebell. Er wollte seinerzeit die Malerei "ermorden", wollte anders sein, ging Risiken ein. "Er fürchtete niemals den Tod oder das Versagen. Sondern bloß die Wiederholung", sagt Joan Punyet Miró , der Enkel des katalanischen Kunst-Genies. Heute gehört Miró zu den bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts, die Frankfurter Schirn Kunsthalle eröffnet am Freitag eine neue Einzelausstellung: Rund 50 Werke werden in "Wandbilder, Weltenbilder" zu sehen sein.

Mirós künstlerisches Erbe wird von einer Stiftung in Palma de Mallorca verwaltet, die vom 47-jährigen Enkel Punyet Miró geführt wird. Von hier aus koordiniert der Enkel die Zusammenarbeit mit großen Ausstellungshäusern wie der Schirn Kunsthalle, für den aktuellen Katalog verfasste Joan Punyet Miró, der in New York Kunstgeschichte studiert hat, einen Essay. Das Haus der Miró-Stiftung thront über den ehemaligen Ateliers des Meisters Taller Sert und Son Boter und über dem 1992 von Rafael Moneo erbauten Museum.

Gegründet wurde die Stiftung bereits 1981 - zwei Jahre vor dem Tod Mirós, von dem Künstler selbst und seiner Ehefrau Pilar Juncosa. Mit der Einrichtung der Fundació Pilar i Joan Miró vermachte Miró der Stadt Palma de Mallorca, in der er seit den Fünfzigerjahren lebte, seine Ateliers und rund 2500 seiner Werke. "Mein Großvater wollte Kunst möglichst vielen Menschen zugänglich machen, das führen wir mit der Stiftung fort", sagt der Enkel.

Noch heute stapeln sich Leinwände

Dabei geht es der Stiftung nicht nur um Ausstellungen in großen Häusern: An Geschäftsideen mangelt es dem Enkel nicht. In Kürze eröffnet in der Nähe der Stiftung ein "Joan Miró Hotel" in Kooperation mit der Künstlerfamilie, regelmäßig soll es dann Bustouren zum Museum und den angrenzenden Ateliers geben.

Punyet Miró bewunderte schon früh das Werk des großen Malers. "Schon als Kind fühlte ich eine enge Verbindung zu meinem Großvater. Für mich war er ein Magier, seine Kunst hat mich stark berührt", erklärt Punyet. "In New York beschloss ich, dass ich mein Leben Miró widmen möchte, indem ich sein Schaffen lebendig halte." Es habe aber auch Jahre der Psychoanalyse gebraucht, bis er es schaffte, den Druck, den dieser Name mit sich brachte, zu überwinden. Joan Punyet musste es erst lernen, den bedeutenden Namen und den dazugehörigen Nachlass für seine eigenen Visionen und den Erfolg des Familienunternehmens zunutze zu machen.

Wenn er nun über das Stiftungsgelände führt, ist er ein zuvorkommender Gastgeber, der herzlich lacht, viele Anekdoten erzählt und Tapas und Sangria anbietet. Mitarbeiter, denen er bei einer Führung durch die Stiftung begegnet, spricht er mit Namen an und stellt sie vor, dabei spielt es keine Rolle, ob die Person eine Servierschürze trägt oder einen maßgeschneiderten Anzug. Gleichzeitig ist Punyet Miró ein Geschäftsmann mit dem klaren Ziel vor Augen, das Unternehmen Miró zu internationalem Erfolg und Ansehen zu führen. Im Shop auf dem Stiftungsgelände bietet der Enkel dem Besucher Miró-Nippes an: mit kleinen Skizzen verzierte Tassen und Teller, Schmuck, Halstücher, bedruckte Einkaufstaschen.

Als heilige Hallen auf dem Gelände der Stiftung gelten die Ateliers des Meisters. Das Atelier Son Boter, ein traditionelles Bauernhaus, liegt auf dem ehemaligen Nachbargrundstück, Miró kaufte es in den Fünfzigerjahren hinzu. Noch heute stapeln sich dort im Halbdunkel meterhohe Leinwände. Grobe Linien auf den Oberflächen zeugen von angefangenen Werken, in einem Eimer liegen dicke Pinsel. Grelle Farbkleckse auf dem Boden erwecken den Eindruck, der Herr des Hauses sei nie fortgegangen.

Sogar die Mauern des Hauses sind mit graffitiartigen Zeichnungen versehen. "Er wollte immer weiter arbeiten, er konnte einfach nicht aufhören. In seinen Ateliers brauchte er absolute Ruhe um sich konzentrieren zu können, gleichzeitig ließ er seine Emotionen geradezu aggressiv heraus", berichtet der Enkel.

Gelegentlich tritt Punyet selbst als Künstler auf. In exzentrischen Performances hauche er den Bildern Mirós Leben ein, wie er sagt. So erschien er bei einer Ausstellungseröffnung in Zürich beispielsweise mit Motorrad und in knallenger, pinker Montur, um sich anschließend auszuziehen und seinen nackten Körper mit Farbe zu übergießen. Das sei Surrealismus, das sei Dada, erklärt Punyet: Das sei die Poesie, die sein Großvater malte.


"Joan Miró - Wandbilder, Weltenbilder", Schirn-Kunsthalle Frankfurt, bis 12. Juni 2016

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: