Theaterpremiere mit Jörg Hartmann Am Krankenbett der Zeit

Die Berliner Schaubühne macht aus Arthur Schnitzlers Ärtztedrama "Professor Bernhardi" ein Gegenwartsstück über fremdenfeindliche Hetze. Und Jörg Hartmann besticht als Arzt und Eigenbrötler.

Arno Declair

Als der Ekel unerträglich wird, stöhnt der Held kurz auf, schüttelt den sehnigen Leib und schreitet mit flatterndem Arztkittel zur Desinfektionsmittelpumpe. Aber gegen die Widerwärtigkeiten, mit denen der stolze Medizinprofessor Bernhardi durch die Menschen seiner kollegialen und politischen Umgebung beschmutzt wird, ist das Bespritzen von Handflächen und Unterarmen mit bakterientötender Flüssigkeit natürlich absolut wirkungslos.

Grelles OP-Licht flutet am Samstabend zweieinhalb Stunden lang die karg möblierte Bühne der Berliner Schaubühne, auf denen der Schauspieler Jörg Hartmann einen jüdischen Arzt spielt, der das Opfer einer infamen volksverhetzenden Kampagne wird und doch auf keinen Fall ein Märtyrer sein will. Immer wieder hört man wiedererkennendes Gelächter und zustimmendes Aufseufzen im Zuschauersaal bei dieser Premiere - wenn die Darsteller vom "derzeitigen politischen Klima" sprechen, von den angeblich zu verteidigenden Werten des "christlichen Abendlands" und von den "Populisten", die "bei den nächsten Wahlen vielleicht schon wieder verschwunden" seien.

Der Regisseur und Schaubühnenchef Thomas Ostermeier hat gemeinsam mit seinem Dramaturgen Florian Borchmeyer ein mehr als hundert Jahre altes Stück von Arthur Schnitzler umgeschrieben und auf die heutigen politischen Verhältnisse getrimmt. "Professor Bernhardi" heißt das Drama. Der Titelheld ist Jude und leitet die Privatklinik Elisabethinum. Als eine seiner Patientinnen nach einer missglückten illegalen Abtreibung zwar im Sterben liegt, sich aber in einem hellwachen Wahnzustand für geheilt hält, hindert der Mediziner einen katholischen Pfarrer daran, das todkranke Mädchen zu besuchen und ihm die Sterbesakramente zu erteilen: weil der Gottesmann der Patientin einen unnötigen Schock versetzen und den Exitus beschleunigen könnte.

Während Arzt und Priester vor der Krankenzimmertür streiten, stirbt die Kranke. Missgünstige Kollegen machen die Sache öffentlich, es gibt Aufruhr im Parlament und einen Prozess gegen Bernhardi, weil er angeblich religiöse Gefühle verletzt hat; er lässt seinen Job als Klinikchef ruhen, landet für zwei Monate im Gefängnis und wird schließlich rehabilitiert.

Der Regisseur erkennt im historischen Stoff den Streit um Jan Böhmermann

"Professor Bernhardi" ist ein kluges, sarkastisches Rededrama. Die Uraufführung 1912 musste in Berlin stattfinden, weil die Wiener Zensurbehörden das Stück mit der Begründung verboten, es betreibe die "Entstellung hierzuländischer Zustände". Der Regisseur Ostermeier hingegen möchte das nun vorsichtig modernisierte Drama zur Verdeutlichung deutscher Gegenwartszustände benutzen. "Es gibt viele Dialoge, die stark an Debatten im heutigen Deutschland erinnern: Böhmermanns Schmähgedicht, Burka, Religionsfreiheit", hat Ostermeier vor der Premiere in einem Interview gesagt. "Auf eine sehr komplexe Art wird hier über Rassismus und seine Folgen erzählt."

Tatsächlich kann man in den "Heuchlern und Vollidioten", mit denen sich Jörg Hartmanns Bernhardi nun in der Berliner Fassung konfrontiert sieht, durchaus Ähnlichkeiten mit Anhängern, Aktivisten und Günstlingen der AfD erkennen. Der von dem Schauspieler Sebastian Schwarz gespielte Dr. Ebenwald zum Beispiel, Bernhardis Stellvertreter und abgefeimtester Gegenspieler, ist ein öliger Karrierist und Eiferer, der sich blendend auf das Spiel mit antisemitischen Provokationen versteht und sich stets als missverstandene Unschuld geriert, wenn er beim Wort genommen wird.

Der von dem Schauspieler Johannes Flaschberger gespielte Arzt mit dem sprechenden Namen Dr. Tugendvetter ist ein jovialer Abwiegler, der im entscheidenden Moment feige den Mund hält. Und der von Hans-Jochen Wagner mit schnaufender Beflissenheit gespielte Gesundheitsminister Flint, ein ehemaliger Studienkollege Bernhardis, glaubt als eine Art zappelige Horst-Seehofer-Karikatur die Welle der rechten Empörung für seine Zwecke surfen zu können, während der Plebs auf den Straßen Pegida-Parolen wie "Volksverräter" und "Bernhardi muss weg" brüllt.

Es wird ständig geredet und kaum gehandelt

Kniffligerweise passiert während der vielen hin- und herwogenden Diskussionen in "Professor Bernhardi" fast nichts. Der berühmte Kritiker Joachim Kaiser hat die Eigenart des Stücks einmal so beschreiben: "Kaum Handlung, keine Weiber. Nur Ärzte und Politiker." Der Regisseur Ostermeier hat in Berlin nun zwei der Ärzte im Kollegium mit Frauen besetzt (Eva Mackbach und Veronika Bachfischer). Das ist ein bisschen seltsam, weil gerade diese beiden als indifferente, überangepasste jüdische Figuren angelegt sind. Aber es ist auch egal, denn an der Statuarik des Debattierstücks ändert es nichts. Es wird in dieser Aufführung zwar filigran, aber nahezu ununterbrochen mit fuchtelnden und gekneteten Händen gearbeitet, mit Kopfschütteleien, mit bösen Blicken und aufbrausend geschwellten Brustmuskeln. Anders, deutlicher gesagt: Ostermeiers politisches Statement zur "Wir schaffen das"-Krise des Jahres 2016 pflegt einen Theaterrealismus, die immer in Gefahr ist, in die Lächerlichkeit der Salonkomödie abzukippen.

Dass man diesem "Professor Bernhardi" zweieinhalb Stunden lang nicht unbedingt hitzig ergriffen, aber doch bestens und intelligent unterhalten zusieht, hat vor allem mit der Kunst des Schauspielers Jörg Hartmann zu tun, den viele Fernsehzuschauer als Darsteller eines hochneurotischen "Tatort"-Kommissars verehren. Hartmann spielt den Titelhelden als bis zuletzt vollkommen unberechenbaren Eigenbrötler. Mal ist er der hellauf Empörte, der zu vibrieren scheint vor Zorn über die Niedertracht, die ihm begegnet; mal wirkt er gerührt von der Liebe, mit der ihm seine Unterstützer wie der von Lukas Turtur gespielte Dr. Löwenstein begegnen; meist aber ist er ein souveräner Kämpfer, der mit kühler Ausgeruhtheit die Sache der Medizin vibrieren lässt.

In einigen wenigen Momenten lässt Bernhardi die Glut der Eitelkeit in seinen kleinen Augen flackern. Sein einziger Irrtum, sein Selbstbetrug lautet: "Ich führe keinen politischen Kampf." Dafür wird er in dieser Stückfassung tatsächlich ein "Rindvieh" genannt. Ansonsten aber sind sich der Titelheld und der Regisseur der Schaubühnen-Aufführung absolut einig - in ihrem unbedingten, optimistischen Glauben an die Kraft der Vernunft, des besseren Arguments, des präzisen Denkens. Dafür gibt es am Ende jubelnden Beifall.


"Professor Bernhardi" Schaubühne Berlin, nächste Vorstellungen 19. bis 23.12., Tel. 030/89 00 23,



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