Unwort des Jahres "Opfer-Abo"? Findet Kachelmann gut

"Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist." So die Twitter-Antwort von Jörg Kachelmann darauf, dass "Opfer-Abo" Unwort des Jahres wurde. Alice Schwarzer applaudierte der Unwort-Jury. Opferhelfer reagierten zurückhaltend.

Miriam und Jörg Kachelmann bei der Frankfurter Buchmesse: "Wer hat's erfunden?"
dapd

Miriam und Jörg Kachelmann bei der Frankfurter Buchmesse: "Wer hat's erfunden?"


Darmstadt/Hamburg - Im SPIEGEL-Interview (Heft 41/2012, ab Seite 138) ist der Fall eindeutig: Es ist Jörg Kachelmann, der im Doppel-Interview mit seiner Frau Miriam davon spricht, dass Frauen in unserer Gesellschaft ein "Opfer-Abo" hätten. Dieser Begriff wurde nun von Sprachwissenschaftlern zum "Unwort des Jahres 2012" gewählt.

Nur ein Einsender hatte den Begriff vorgeschlagen, teilte die "Unwort"-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Der Schweizer Moderator Kachelmann hatte im Zusammenhang mit Vergewaltigungsvorwürfen im Herbst 2012 davon gesprochen, dass Frauen ein "Opfer-Abo" hätten. Gemeint war damit, dass Frauen aus Kachelmanns Sicht stets die Opferrolle zugesprochen wird.

Der mittlerweile 54-Jährige war in einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess im Mai 2011 von dem Vorwurf freigesprochen worden, eine frühere Freundin vergewaltigt zu haben. Er reagierte mit Spott auf die Wahl des von ihm mitgeprägten Begriffes. "Hui, das Unwort des Jahres. Wer hats erfunden? ;-) Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist", schrieb der Wettermoderator auf seinem Twitter-Account. Er nannte seine Frau Miriam als "mutmaßliche Urheberin" des Ausdrucks.

Die Jury kritisierte den Begriff "Opfer-Abo", weil er Frauen "pauschal und in inakzeptabler Weise" unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein. "Es ist problematisch, dass ein so Prominenter den Begriff verwendet hat", erklärte Janich. Der am häufigsten eingeschickte Vorschlag "Schlecker-Frauen" wurde unter anderem verworfen, weil die Frauen den Begriff auch selbst benutzten.

Dass ein selten vorgeschlagener Begriff gewählt wurde, sei aber auch schon 2009 mit "betriebsratsverseucht" der Fall gewesen, meinte Janich. Die "Unwort"-Jury, die im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten besteht, richte sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, das Gremium entscheide völlig unabhängig. "Die Entscheidung war schwierig, aber ein Konsens", sagte Janich.

Schwarzer lobt "bemerkenswert engagierte Begründung"

Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig Eichinger, sagte, das "Unwort" sei "zu wenig bekannt". Allerdings handele es sich "um eine nicht nett gemeinte Wortbildung in einem sehr emotional geführten Streit".

Die Opferorganisation Weißer Ring meinte, es bestehe die Gefahr, ein Wort auf diese Weise erst populär zu machen. Auf der anderen Seite sei es wichtig, solche Begriffe zu enttarnen.

Alice Schwarzer gratulierte zu der Wahl. Die Jury habe damit "ein bedeutendes Zeichen dafür gesetzt, dass die Verunglimpfung und Einschüchterung der Opfer sexueller Gewalt nicht so einfach durchgeht". Auf der Website ihrer Zeitschrift "Emma" sprach Schwarzer von einer "bemerkenswert engagierten Begründung" der Jury.

Zum "Unwort des Jahres 2011" war "Döner-Morde" gewählt worden. Für die "Unwort"-Wahl damals war mit 2420 Einsendungen ein Spitzenwert erreicht worden. Dieses Mal gingen 2241 Einsendungen ein.

"Opfer-Abo" kam 2012 in den etwa 470.000 Meldungen der Deutschen Presse-Agentur dpa nur einmal vor - nämlich in der Berichterstattung über das besagte "Spiegel"-Interview mit Kachelmann. "Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden", sagte der Moderator dem Magazin. "Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind."

Für 2012 wählte die Jury zu weiteren "Unwörtern" den Begriff "Pleite-Griechen". Er diffamiere "ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung in unangemessener und unqualifizierter Weise". Gerügt wurde auch die Bezeichnung "Lebensleistungsrente": Sie sei "irreführend bis zynisch". In Zusammenarbeit mit der Börse Düsseldorf wurde "freiwilliger Schuldenschnitt" als "Börsen-Unwort 2012" bekanntgegeben.

Neben der "Unwort"-Jury wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden den Begriff "Rettungsroutine" zum "Wort des Jahres 2012". Er stehe für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.

feb/dpa



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