Premiere am Thalia Theater Und das Genie tanzt!

Viel Theorie, noch mehr Comedy und eine ironische Huldigung des Kapitalismus machten die neue Thalia-Produktion "Fountainhead" zu einem zeitgeistigen Kraftakt. Doch das Publikum hielt den vierstündigen Marathon locker durch.

Marina Galic und Jens Harzer
Krafft Angerer

Marina Galic und Jens Harzer

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Das Eis schmilzt, immer weiter. Ein zwölfteiliges, drohendes Rechteck aus gefrorenem Wasser, wie ein Billboard über der Szenerie schwebend, hatte sich der kluge Bühnenkünstler Stéphane Laimé für Johan Simons' Theater-Adaption des Romans "Fountainhead" von Ayn Rand als bildgriffigen Roten Faden ausgedacht. Und dessen ständiges Abtropfen, das Wegbrechen der Eisbrocken wirkte während der gesamten Inszenierung erstaunlich kraftvoll und dauerhaft. Des Symbols kann sich der Zuschauer fast nach Belieben selbst bedienen.

Zum Beispiel für den jungen, ehrgeizigen Architekten Peter Keating, von Jörg Pohl mit burlesker Intensität und kalter Glut gespielt. Der entwickelt sich vom ideereichen Neuerer in Rekordzeit zum angepassten Karrieristen, der im Privaten wie im Beruf immer häufiger korrumpierbar wird und nach dem Erfolg wie nach Kokain greift. Jörg Pohls Bandbreite der Emotionen in der Sprache, sein Körperspiel gemeinsam mit der treffsicheren Personenregie von Regisseur Johan Simons treiben und verbildlichen seinen Ehrgeiz und naiven Erfolgsglauben bis an alle Grenzen.

Bis an alle Grenzen

Dabei bedient sich Nachwuchsarchitekt Keating hilflos/skrupellos der wagemutigen Ideen des Bau-Visionärs Howard Roark, dem wirklichen Architekten-Genie, das allerdings Armut und Integrität allen Erfolgen und Kompromissen vorzieht. Eine gefügige, in alle Richtungen knetbare Rolle für den Monologs-Berserker Jens Harzer, dessen finale, fast freejazzigen Ausbrüche in Peter Handkes "Immer noch Sturm" am Thalia Theater bereits als legendär gelten können.

Harzer spielt wie immer mit dem ganzen Körper, selbst seine wohl arrangierte, scheinbar zufällige Strähnenfrisur spielt mit. Als wolle sich der Meister der Formen stets seiner selbst versichern, streicht er sich ständig durch die Haare, sorgsam darauf achtend, dass immer ein Haar ins Gesicht hängt. Er ist eitel, der Meister, aber auch diese Eitelkeit ist bis zur Askese fast dezent. Eben ein Genie.

Die Einzige, die ihn bändigen kann, ist die selbstbewusste, exzentrische Journalistin Dominique Francon, Tochter des arrivierten Architekten-Tycoons Guy Francons, von dem sie sich als echte Nachfahrin eines erfolgreichen Firmenbosses natürlich durch scharfe Intellektualität und unkonventionelles Verhalten emanzipieren muss. Dabei bleibt sie sich dennoch treu: Marina Galic spielte diesen komplizierten und ständig neu ausgeleuchteten Charakter mit cooler Lässigkeit und Eleganz. Sie erforscht beide, Howard und Peter, wobei sie sich am Ende doch eher zur abgründigen Intellektualität von Howard Roark hingezogen fühlt.

Ballung schauspielerischer Hochkompetenz

Peter Keating muss sich für seinen größten Erfolg wieder der Ideen von Howard Roarks bedienen, als es um revolutionäre Neuentwicklungen von Sozialwohnungen geht. Der allerdings macht zur Bedingung, das keiner seiner Entwürf die leichteste Modifikation erleiden dürfte. Der Konflikt und der daraus resultierende Skandal ergeben sich zwangsläufig. Das genialische Individuum unterliegt, der junge, hilflose Betrüger geht unter. Das Eis schmilz weiter.

Es ist eine Ballung schauspielerischen Hochkompetenz, die sich das Thalia für eine so ungewöhnliche Produktion leisten kann. Gleich am Anfang gibt der altgediente Bühnenkünstler Christoph Bantzer ein fast musikalisch zartes Ritardando als Architekten-Veteran Henry Cameron, der das unzähmbare Genie des Howard Roarks erkennt und sein Scheitern erahnt. Die Szenen der beiden schwarzgewandeten, generationenübergreifenden Könner und Brüder im Geiste setzen einen frühen Glanzpunkt, den die Inszenierung dennoch locker weiterspinnen kann.

Wirbeld artistischer Tanz

Dankenswerterweise verzichtete Regisseur Simons auf wohlfeilen Musikeinsatz, wobei der knallige Ausbruch mit Peter & Gordons Hit "Woman", als sich der grundgütig schwache Peter Keating zur Heirat mit seiner schlichten, aber geradlinigen und charakterstarker Jugendfreundin Cathy (klare Kante an der Rampe: Alicia Aumüller) hinreißen lässt - Scheitern programmiert. Alle sind zu sehr im Anziehungkreis der scharfsinnigen und lustigen Dominique Francon, deren wirbelnd artistischer Tanz mit Jens Harzer/Howard Roarks allein schon eine kabarettreife Einlage symbolkräftiger Körperspache lieferte.

Eine wichtige Stärke der Inszenierung liegt im Umgang mit der Romanvorlage der in den USA immens populären Autorin Ayn Rand (1905-1982), deren Thesen und Philosophien zum Kapitalismus und ihre Glorifizierung des Individuums die Konservativen Nordamerikas stets befeuerten und faszinierten. Von Bankenchef Alan Greenspan bis zur Tea-Party-Bewegung reicht die Phalanx der Bewunderer der gebürtigen Russin und studierten Filmkünstlerin und Drehbuchautorin. 1943 erschien ihr Roman "The Fountainhead" (dt. "Der ewige Quell"), der zum Bestseller in den USA wurde und den Regisseur King Vidor 1949 unter dem Titel "Ein Mann wie Sprengstoff" verfilmte.

Monolog und Abtanz

Flankierend zu Jens Harzers mitunter fast peinigend intensivem Psychogramm des Sprengstoff-Mannes Howard Roarks wirken Sebastian Rudolph als Presse-Mogul Gail Wynand und sein sozial verträglicher Journalist Ellsworth Toohey (brillant: Thilo Werner) tapfer und stark, die ja beide im Strudel der Ereignisse um den kompromisslosen Howard Roarks mit untergehen.

Was bleibt da, als ein abschließender Monolog Jens Harzers vor Marina Galics Plattenspieler, wie in einer Endlosschleife legt Harzer/Roark wieder und wieder penibel seine Ideale dar, bis ihm (es wurde garantiert wieder improvisiert) die Worte ausgehen und Bewegung weitersprechen muss. Das Genie tanzt! Was sonst. Das Eis ist geschmolzen.

Langer, großer Beifall für alle.


"Fountainhead": Weitere Vorstellungen im Thaila Theater gibt es am 29.4., 4.5., 5.5., 17.5., 22.5., 23.5., 22.6., 2.7. und 4.7.2018.



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