"Radetzkymarsch" in Wien Hüpfburgtheater

Der Regisseur Johan Simons lässt in der Wiener Burg Joseph Roths berühmten Roman "Radetzkymarsch" über den Niedergang des österreichischen Kaiserreichs nacherzählen - und seine Schauspieler Ballsport mit dem Publikum treiben.

Marcella Ruiz Cruz

Sie laufen in Lumpen und Unterwäsche herum, und sie sitzen auf Bierbänken auf der leergeräumten Bühne des Burgtheaters, die 18 Darstellerinnen und Darsteller in der jüngsten Inszenierung des niederländischen Meisterregisseurs Johan Simons. Fast alle zeigen sie bloße Schienbeine und Kniescheiben über Strümpfen und Schnürstiefeln; und auch wenn sie ihre Oberkörper öfter in alte Militärjacken hüllen, so sehen die Frauen und Männer doch einigermaßen sportlich aus.

Das ist fein, denn sie dürfen dreieinhalb Stunden lang viele bunte Luftballons in verschiedenen Größen kreuz und quer durch den Bühnen- und Zuschauerraum stupsen - und die Zuschauerinnen und Zuschauer stupsen zurück. Im Wiener Burgtheater, der vornehmsten Schauspielbühne weit und breit, wird das Glück eines quietschfidelen Kinderspiels beschworen.

Eigentlich hat sich der 71-jährige Regisseur den Roman "Radetzkymarsch" vorgenommen, in dem der große, oft unglückliche Schriftsteller Joseph Roth (1894-1939) am Beispiel einer über drei Generationen erzählten Familiengeschichte vom Glanz und vom Niedergang der königlichen und kaiserlichen Habsburgermonarchie berichtet.

Zu Beginn des Buchs rettet der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende Infanterieleutnant Joseph Trotta dem österreichischen Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben und wird dafür geadelt. Später bringt es der Sohn des Helden zu einem hohen Beamtenjob. Wirklich herzzerreißend aber schildert Roth das Los des soldatisch völlig unbegabten, weichen, klugen, den Frauen zugeneigten Heldenenkels Carl Joseph von Trotta, der fast sein ganzes kurzes Leben lang Soldat sein muss.

"Ich glaube nicht, dass ich irgendwo glücklich sein kann", sagt der Schauspieler Philipp Hauß, der den Leutnant Carl Joseph Trotta in Wien spielt, schon früh in der Aufführung. Er trägt das Haar locker seitengescheitelt, die Schultern hängen auf Halbmast, das Gesicht ist traurig zerknautscht, seine Stimme klingt müde und monoton: Man merkt sofort, dass in diesem Kerl kein Krieger steckt.

"Radetzkymarsch" ohne Radetzkymarsch

Was interessiert einen Theaterregisseur im Jahr 2017 an der Gemeinheit und Gnadenlosigkeit der stramm militärisch organisierten Gesellschaft des Habsburgerreichs, das vor einem Jahrhundert mitsamt der Kaiser unterging? Es wäre ein bisschen großkotzig zu behaupten, dass wir heutige Zuschauer erkennen sollen, dass wir wie die Figuren aus Roths Roman wieder an einer Epochenwende und am Rand eines großen Kriegs stehen - nicht, weil das nicht vielleicht doch stimmt, sondern weil diese Art von warnender Apokalypsebeschwörung im Theater schrecklich inflationär angeboten wird.

Tatsächlich wird zwar in Johan Simons' Inszenierung aufdringlich oft gesagt, dass hier eine Welt im Untergang begriffen ist. Doch von der Kriegslust der Menschen, ihrer Angst und ihrer Geilheit, von all dem, was Roths Roman einfängt, erfährt man hier nichts. Nicht mal Roths wunderschön verschraubte, einzigartige Sprache ist zu hören. Der Regisseur hat sich von seinem Dramaturgen Koen Tachelet eine Spielfassung schreiben lassen, die von den Übersetzerinnen Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedebach wieder ins Deutsche übertragen wurde.

Was soll uns Zuschauer dann für den Helden dieses Theaterabends begeistern? Möglicherweise seine Hingabe an den Zauber der Musik, der im Buch alle Generationen der Trottas ergriffen hat. "Wenn der Radetzkymarsch gut gespielt wird, dann vollzieht sich das Wunder", heißt es in Tachelets Spielfassung. "Die jungen Mädchen halten den Atem an und öffnen die Lippen."

Im Burgtheater wird der Radetzkymarsch von Johann Strauss an diesem Premierenabend allerdings kein einziges Mal gespielt. Immer wenn von ihm die Rede ist, wird nur hinter den Kulissen ein bisschen auf Becken und Triangel geklopft. Das Staunen nach Art der jungen, vor Glückseligkeit den Mund öffnenden Mädchen will uns der Regisseur auf andere Weise lehren: mithilfe der großen und kleinen, gelben, roten, grünen und blauen Luftballons, die zwischen den Menschen auf der Bühne kullern, über ihren Köpfen hängen und im Zuschauerraum herumschweben. Bereitgestellt hat dieses Ball-Arsenal die Bühnenbildnerin Katrin Brack.

Maximale Einfachheit und infantile Verzückung

Es gibt ein paar schöne Szenen an diesem Theaterabend, wenn die sonst vereinzelt herumgeisternden Menschen auf der Bühne plötzlich die Bälle wild durcheinanderwirbeln und laut rufend ein bisschen Trubel simulieren. Nur in wenigen Momenten kommt es zu Berührungen zwischen dem Helden Trotta und seinen Mitspielern. Einmal klammert sich Andrea Wenzl als Kapellmeisterfrau, die dem jungen Trotta die Liebe beibringt, gemeinsam mit ihrem gehörnten Gatten (Daniel Jesch) an den Leib ihres jungen Gespielen. Einmal darf der von Wehmut ergriffene Held sehr rührend seinen Vater (Falk Rockstroh) umarmen.

Fast alle anderen Figuren aber bleiben zunehmend traurige Einzelgänger auf ewigem Abstand, darunter der freundlich tatterige alte Kaiser des Schauspielers Johann Adam Oest und der zornige polnische Graf Chojnicki des Schauspielers Steven Scharf - in der zweiten Hälfte der Aufführung sieht es so aus, als sei Scharfs Graf der einzige auf der Bühne, der noch Lebenslust in den Knochen hat und nicht bloß seinem Tod entgegenseufzt.

Wer will, kann die diesen Theaterabend dominierende Ball-Metapher so schlicht deuten: Jeder Mensch bleibt hier ein Planet für sich. Vielleicht hat Johan Simons zu sehr auf die Wirkung dieser Botschaft vertraut, fest steht: Die angebliche Not seiner Bühnenfiguren bleibt leider absolut abstrakt. Dafür stellt sich eine merkwürdige Hüpfburgatmosphäre ein, die zwischendurch einige der Schauspieler ebenso zum Lächeln und Johlen bringt wie zahlreiche Zuschauer.

Ein bisschen bizarr kann man es schon finden, dass sich ein sehr reiches Theater wie die Wiener Burg und ein allseits gefeierter Regisseur wie Johan Simons derart nach maximaler Einfachheit und Armut und infantiler Verzückung zu sehnen scheinen; einen Teil ihres Publikums immerhin haben sie damit tatsächlich heiter eingelullt. Am Ende gab es kurzen, braven Applaus - und ein paar Bettelblicke aus dem Parkett nach dem Motto: Schenkt mir einen bunten Luftballon!



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