Johannes Heesters in der ARD Obstinat unpolitisch

Die ARD widmete dem heute 100 Jahre alt gewordenen Schauspieler und Sänger Johannes Heesters eine glanzvolle Jubiläumsgala mit vielen Stargästen. Die dunkleren Momente aus der Vergangenheit des stets gut gelaunten Unterhaltungskünstlers wurden etwas verschämt ins spätere Abendprogramm verbannt.


Jubilar Heesters: Alle überlebt
BR

Jubilar Heesters: Alle überlebt

Gestern Abend widmete die ARD Johannes Heesters eine 90-minütige Geburtstagsgala ("Eine Legende wird 100"), in der noch einmal die wichtigsten Stationen seines Künstlerlebens Revue passierten - von der ersten Stummfilmrolle 1920 über "Alt Heidelberg", "Bel Ami" und den "Bettelstudenten" bis zu seiner lebenslangen Paraderolle als Graf Danilo Danilowitsch in Franz Léhars Operette "Die lustige Witwe". Während Moderatorin Desirée Nosbusch in durchaus souveräner Weise die Gratulantenschar darunter Anneliese Rothenberger, Cosma Shiva Hagen, Nadja Tiller, Hansi Hinterseer und Yvonne Catterfeld, durch die aufgezeichnete Sendung schleuste und Peinlichkeiten weitgehend vermied, staunte das Publikum nicht zuletzt über ein biologisches Wunder.

Wie kann ein Mensch 100 Jahre überstehen, zwei Weltkriege, Inflation und Revolutionswirren, den nationalsozialistischen Terror samt millionenfachem Massenmord, Luftkrieg und Zerstörung - und immer noch singend am Klavier stehen: "Ich knüpfte manche zarte Bande..." ?

Heesters mit Duett-Partnerin Catterfeld: Durchaus beeindruckend
BR

Heesters mit Duett-Partnerin Catterfeld: Durchaus beeindruckend

Die ARD lieferte womöglich selbst einen Hinweis auf das Rezept, 100 Jahre alt zu werden. "Es wurde dunkel über Deutschland in den dreißiger Jahren" - diesen einen Satz zur Nazi-Herrschaft hatte man Frau Nosbusch aufgeschrieben und zur Sicherheit gleich Hellmuth Karaseks begütigendes Urteil nachgeschoben, Heesters sei "ein Lichtblick im Dunkel" gewesen. Das Rezept also besteht in der Variation eines berühmt-berüchtigten Bestsellertitels: "Sorge Dich nicht, lebe!" Sei ein Lichtblick, Bel Ami! Schau nicht rechts, nicht links, sondern gehe unbeirrt deinen Weg wie Orfeo in der Unterwelt, den Blick stets nach vorn gerichtet.

Erst in der nachfolgenden Sendung "Kontraste" (RBB) wurde die Frage aufgeworfen, wie politisch "verstrickt" all jene Ufa-Stars waren, die doch nur "gute Laune" verbreiten wollten. "Gute Laune" aber, so wusste Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ganz genau, "ist einer der wichtigsten Kriegsartikel".

Das ARD-Magazin präsentierte einen Brief, den Johannes Heesters 1942 an Joseph Goebbels geschrieben hatte, worin er bat, doch bitte häufiger in Spielfilmen der Ufa eingesetzt zu werden. Am Ende grüßte er mit "Heil Hitler - Ihr sehr ergebener Johannes Heesters". Im Mai 1941 hatte Heesters, der 1937 von Holland nach Wien gezogen war, das Konzentrationslager Dachau besucht. In seinen Erinnerungen bezeichnet er es als "normales Häftlingslager".

Die gute Laune jedenfalls scheint ihm auch danach nicht abhanden gekommen zu sein. Ohne Zweifel: Heesters ist einer jener obstinat "unpolitischen" Unterhaltungskünstler, die nicht einmal bemerken wollen, in welcher Zeit sie eigentlich leben und wem sie mit ihren Spielkünsten letztlich dienen. Doch mit Figuren wie Leni Riefenstahl, die die Nazi-Propaganda mit Filmen wie "Triumph des Willens" aktiv betrieb, hat der Mann im Frack und weißem Schal erkennbar nichts zu tun.

Heesters mit Moderatorin Nosbusch: Peinlichkeiten vermieden
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Heesters mit Moderatorin Nosbusch: Peinlichkeiten vermieden

Umso erstaunlicher, dass in der ARD-Chefetage noch gestern versucht wurde, die Ausstrahlung des absolut angemessenen "Kontraste"-Beitrags über die Ufa-Stars zu verhindern. Denn nicht einmal der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz wollte über den Überlebenskünstler Johannes Heesters moralisch den Stab brechen - er empfinde nur "leise Wehmut", dass der Jubilar nicht ein einziges Mal öffentlich gesagt habe: "Ja, es tut mir Leid, dass ich mich so habe in Dienst nehmen lassen."

Indes, "das Haltbarste, was Holland je exportiert hat", wie ein bewundernder Spötter formulierte, machte auf der Fernsehbühne immer noch eine bessere Figur als so mancher "Superstar" aus der Casting-Küche von RTL, und Heesters' Duett mit Yvonne Catterfeld, live gesungen, war durchaus beeindruckend.

Hier und da gab es sogar Momente echter Rührung. Refrains wie "Gott sei Dank bin ich nicht mehr jung" oder Textzeilen wie "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz können Sie von mir nicht mehr erwarten!" wurden im Publikum mit wissendem Lächeln und generationsspezifischer Erleichterung aufgenommen: Der Mann hat ja so Recht.

Nicht nur in jenen Augenblicken, da die Kamera über die Standing Ovations schwenkte und sich immer wieder an Nahaufnahmen festbiss, die den Betroffenen im fortgeschrittenen Alter beim Zurückspulen der Videokassette wenig Freude bereiten dürften, nicht nur beim Blick auf Heesters' altes, immer noch wohlgeformtes Gesicht kam der Gedanke auf, dass hier kein Held der Vergangenheit gefeiert wurde, sondern ein Herold der Zukunft.

In der rapide alternden Gesellschaft Deutschlands wird es bald häufiger Anlass geben, Geburtstagsgalas für prominente 100-Jährige zu veranstalten. Ulrich Wickert zum Beispiel muss nur noch schlappe 39 Jahre durchhalten. Wär' doch gelacht, Bel Ami!



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