Johannes Heesters: KZ-Besuch ohne Gesang?

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Er habe 1941 im KZ Dachau für SS-Leute gesungen, wird dem Schauspieler Johannes Heesters vorgeworfen. Jetzt sind neue Bilder aufgetaucht, die die Anschuldigungen entkräften sollen - darüber könnte sich auch der Präsident der Berliner Akademie der Künste freuen.

Berlin - Der 102-Jährige sitzt in zitronengelbem Pullover im Studio von Reinhold Beckmann, neben sich - wie immer - seine fast 50 Jahre jüngere Frau Simone. "Ich schwöre bei meiner Familie, es ist nicht wahr." Der Schauspieler und Sänger Johannes Heesters ringt um Fassung.

Schauspieler und Sänger Heesters bei der Eröffnung des Berliner Admiralpalastes: "Ich schwöre bei meiner Familie, es ist nicht wahr!"
DPA

Schauspieler und Sänger Heesters bei der Eröffnung des Berliner Admiralpalastes: "Ich schwöre bei meiner Familie, es ist nicht wahr!"

Es ist nicht das erste Mal, dass Heesters mit dem Vorwurf konfrontiert wird, 1941 vor SS-Männern im KZ-Dachau gesungen zu haben. Vor 30 Jahren hatte ein niederländischer Journalist seinen Landsmann Heesters beschuldigt, das KZ nicht nur besucht zu haben, sondern dort die Nazis bespaßt zu haben. Ein Foto, auf dem ein Orchester aus Häftlingen spielt - Heesters steht ihnen gegenüber - sollte das belegen. "Heesters singt für SS" titelten Zeitungen im Jahr 1976.

Einen Vorwurf, den Heesters immer von sich gewiesen hat. Er habe das KZ in Dachau lediglich besucht, dem Orchester nur zugeguckt. Aber auch diesen Besuch, zu dem er als Mitglied des Ensembles des Münchner Gärtnerplatztheaters aus Propagandazwecken gezwungen worden sei, hat Heesters im Nachhinein bereut. Er hätte es nicht tun sollen, sagte er immer wieder. 1978 schrieb er in seiner Autobiografie: "Das Lager wirkte auf uns wie ein typisches Soldatenlager, es sah so aus wie ein Arbeitsdienst- oder Hitlerjungenlager, die man aus den Illustrierten kannte. Wir trafen ein, heuchelten Interesse, ein Soldat knipste uns mit seiner Privatbox, und wir fuhren wieder nach Hause. Am Abend, so glaube ich, hatte ich bereits wieder Vorstellung."

Seine Kritiker - vor allem in den Niederlanden - konnte Heesters Dementi nicht beruhigen. Dass der Schauspieler zu den meistbeschäftigten Stars in den deutschen "Ablenkungsfilmen" der Kriegsjahre zählte, haben seine holländischen Landsleute ihm sehr übel genommen. Da passte der Verdacht, in Dachau zur Erheiterung der Nazis musiziert zu haben, gut ins Bild.

Aber jetzt könnte sich etwas ändern für Johannes "Jopie" Heesters. Seine Frau Simone Heesters-Rethel ist bei ihrer Recherche für einem Bildband über ihren Gatten auf 27 bislang unbekannte Fotos gestoßen, auf denen Heesters bei seinem Besuch in Dachau zu sehen ist. Auf keinem einzigen der gestern bei "Beckmann" gezeigten Motive spielt oder singt er für die SS-Männer in dem Konzentrationslager. Wäre etwas dran an den Vorwürfen gegen ihren Mann, dann würde es auch Fotos geben, die Heesters beim Singen zeigen würden, argumentiert Heesters-Rethel. Der Stiefsohn des ehemaligen Intendanten des Münchner Theaters, an dem Heesters spielte, habe die Bilder in seinem Keller entdeckt. "Es war wie im Krimi", so Heesters-Rethel bei "Beckmann". 30 Jahre habe der Schauspieler auf diese Beweisstücke gewartet.

Heesters als Phänomen

Die Fotos könnten auch dem Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, Erleichterung bringen. Denn Ende dieser Woche beginnt in der Berliner Akademie der Künste eine Ausstellung über das Leben des 1903 geborenen Schauspielers und Sängers Johannes Heesters. Heesters hatte der Akademie sein Archiv unter Staecks Vorgänger geschenkt - im Gegenzug wurde ihm eine Ausstellung zugesichert. Dass aber ausgerechnet Staeck, der die Ausstellung der Werke des Nazi-Günstlings und Bildhauers Arno Breker in Schwerin scharf kritisiert hatte, das Leben der niederländischen Ufa-Filmlegende ("Der Bettelstudent", "Das Hofkonzert") in seiner Akademie zeigen will, hatte Kritiker auf den Plan gerufen.

Staeck reagiert darauf, indem er die Rolle Heesters' deutlich von der des Bildhauers Arno Brekers abgrenzt. "Breker und Heesters sind nicht miteinander vergleichbar. Breker hat sich das Menschenbild der Nazis zu eigen gemacht und illustriert. Das kann man von Johannes Heesters so nicht sagen", sagte Staeck zu SPIEGEL ONLINE. Mit der Rolle des Danilo in der "Lustigen Witwe" - Hitler war begeistert über Heesters Darbietung - habe er das Gegenbild eines Rassemenschen verkörpert, so Staeck. Genau wie in der Bundesrepublik sei Heesters auch in der DDR verehrt worden - das mache ihn zum Phänomen.

Um aber Vorwürfe auszuräumen, Heesters Leben und seine Rolle in der Nazizeit würden in der Ausstellung beschönigt, werde seine Akademie das Leben des 102-Jährigen in allen seinen Facetten darstellen, so Staeck. Der Schauspieler sei in der NS-Zeit in die Lücke derer gesprungen, deren Stelle "durch Immigration oder Berufsverbot durch die Nazis frei geworden ist", erklärt der Präsident der Akademie der Künste.

Ob nun die neuen Fotos Heesters von dem Verdacht, zur Erheiterung der SS-Leute in Dachau aufgetreten zu sein, endgültig reinwaschen oder nicht - die Diskussion um seine Person zeigt vor allem eines: Die meisten Menschen - insbesondere "unpolitische" aber dennoch bekannte wie Johannes Heesters - hätten in der NS-Zeit eine changierende Rolle gespielt, so Staeck. "Jopie" Heesters jedenfalls ist bei "Beckmann" bei seiner alten Fassung geblieben: "Ich habe in Dachau nicht gesungen." Und um noch einmal zu unterstreichen, wie er zu den Nazis gestanden hat, erzählt Heesters wie er sich bei dem siebenmaligen Besuch Hitlers bei seinen Aufführungen der "Lustigen Witwe" gefühlt hat: "Ich war gar nicht stolz darauf und bin sehr kalt geblieben."

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