Verbrecherballade Der arme Schlucker wird schmuddelsexy

In Wien steht eine Legende auf der Bühne: "Johnny Breitwieser". Er war ein Kleinkrimineller aus der Vorstadt, der sich zum Einbrecherkönig mauserte - und zum Robin Hood des Proletariats. Seinem Leichenzug folgten Tausende.

Robert Polster

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Ein Film noir könnte so beginnen: "Die Straßen von Wien. Düsterer Asphalt, rauchender Kanal, Scheinwerfer im Regen." Während eine Kamera die schwarzschattierten Bilder abfährt, quälend langsam, erhebt ein Sprecher seine schwere Stimme: "Das Geld wächst in den Himmel, der Krieg liegt in der Luft, die Ratten warten im Dreck."

Der Schriftsteller Thomas Arzt, 31, schickt die Worte seinem neuen Theaterstück voran, als Regieanweisung. "Johnny Breitwieser" heißt das Stück, ein Singspiel, das im Wien um 1914 spielt, also einen Weltkrieg früher als der klassische Film noir. Aber die Atmosphäre, sie ist die gleiche. Und die Motive, sie sind es auch.

Arzt erzählt eine Schauergeschichte armer Schlucker aus der Wiener Peripherie, die ins Leben der Wohlhabenden im Stadtzentrum einbrechen. Sie betteln, sie gehen anschaffen, sie buddeln Leichen aus, um sie nach Zahngold zu durchsuchen. Und natürlich brechen sie auch ganz wörtlich in die Wohnungen der Wohlhabenden ein. "Wenn's hell ist", sagt der Polizeioberkommissar Schödl, "verkriecht sich das Ungeziefer. Aber in der Nacht. Da kommen sie. Die Ratten. Und weißt, wo die herkommen? Vom Kanal kommen die. Vom Dreck. Und aus der Scheiße."

Strizzi mit schmierigem Haar

Als im Schauspielhaus Wien das Licht ausgeht und das Spiel beginnt, kommt eine Frau auf Krücken rein, im schmuddelig weißen Fetzenkleid, und bettelt ins Publikum: "Hast ein Kleingeld? Hast ein bisserl Kleingeld?" So wie sie humpelt, so rumpeln und humpeln auch ihre Sätze, denen schon mal das Verb amputiert ist oder das Subjekt und fast immer der Artikel vorm Objekt. Luise, so heißt die von Nicola Kirsch gespielte Figur, spricht einen Kunstdialekt, der ans Wienerische erinnert, aber nicht identisch mit ihm ist: eine Sprache, die irritiert, weil sie dem Zuhörer im heimelig Gewohnten das Ungewohnte unterschiebt. Eine Sprache, die defekt ist.

So wie Luise, so kommt auch Johnny aus der Scheiße, die Hauptfigur. Martin Vischer spielt ihn als schmuddelsexy Typen mit schmierigem Haar - eine Ratte in Lederjacke: den Oberkörper leicht nach vorne gekippt, den Kopf noch weiter vorgestreckt, alle Bewegungen hyänenhaft schief, dazu Blicke, die wie Messer aus den Augen stechen. Ein Held, der wirklich arg gebrochen ist.

Es hat diesen Johnny Breitwieser wirklich gegeben: 1891 in der Wiener Vorstadt geboren, war er ein Kleinkrimineller, ein Strizzi, ein Vorstadtdesperado, der sich zum berühmten Einbrecherkönig mauserte, und als Einbrecherkönig zum Herzensbrecher, Hallodri, Dandy, zum Schluss gar zum Robin Hood des Proletariats. Der Schriftsteller Arzt zeigt ihn jedoch nicht als Marxisten und erst recht nicht als Moralisten, sondern als Schlawiner, der sich durchs Leben schlägt und sich mit einem simulierten Nervenleiden um den Frontdienst drückt. Die kleinen Leute lieben ihn, weil er eine große Fresse hat, weil er sich nicht kleinkriegen lässt, weil er sich nimmt, was doch eigentlich einem jeden von ihnen zusteht - und weil er ihnen da unten wenigstens manchmal ein wenig von dem abgibt, was er sich von denen da oben nimmt.

Nach dem Krieg erbeutet Johnny mehr als eine halbe Million Kronen in einer Waffen- und Munitionsfabrik und finanziert sich damit ein Kleinbürgerleben auf dem Land. Seiner Vergangenheit entkommt er jedoch nicht: Er wird 1919 erschossen. Seinem Leichenzug sollen Tausende Menschen gefolgt sein. "Johnny starb alleine/ Mit dreißig Jahren schon/ Doch zu der Leichenfeier/ Kam eine Million", schreibt Arzt.

Keine Chance zum Mitschunkeln

Er hat aus Johnnys Leben eine Verbrecher-Ballade gemacht, die Züge einer Moritat trägt und von Ferne an Brechts "Dreigroschenoper" erinnert. Seine Verse aber haben kaum Refrains, und die meisten seiner Reime holpern und humpeln und hinken ähnlich wie sein Kunstdialekt, so dass so recht keine linke Sozialromantik aufkommen mag. Der amerikanische Pop-Komponist Jherek Bischoff, 35, der schon mit David Byrne und Amanda Palmer gearbeitet hat, hat dazu eine Musik komponiert, die vom Wienerlied inspiriert ist und auch ein wenig vom Musical, die aber weder zum Mitschunkeln noch zum Wegträumen einlädt. Sie ist nicht eingängig, nicht glatt virtuos, genauso wenig wie der Sprech- und Pressgesang der Schauspieler.

Tempo und Temperament sind gedrosselt, auch weil Arzt keine Action-Szenen geschrieben hat, wie es sich bei diesem Stoff leicht aufdrängen würde, weil er sich nicht interessiert hat für Schießereien, Überfälle, Gefängnisausbrüche, sondern vor allem für den lähmenden Stillstand dazwischen. Es geht ihm um den Kampf gegen die Verhältnisse, und dieser Kampf erscheint aussichtslos. Die Handlung kennt nur ein Ziel, auf das sie zwangsläufig zusteuert: den Tod.

Schon nach wenigen Minuten heißt es in einem Vers: "Johnny stahl die Herzen/ Und auch das Kapital/ Bis eine Kugel Blei/ Ihm auch das Leben stahl". Es gibt kein Entkommen, und diese Aussichtslosigkeit bringt das Bühnenbild von Ivan Bazak kongenial zum Ausdruck: ein riesiges Drahtgitter, das die Livemusiker hinten von den Schauspielern vorne trennt. Wenn der Polizeioberkommissar Schödl, den Florian von Manteuffel als schnauzbärtigen, breitmaulenden Hardboiled-Bullen spielt, mit seinem Knüppel auf das Gitter drischt, dann rummst es gewaltig und scheppert noch lange metallisch nach. Ein eiskalter Ton.

Es kommt nicht sehr oft vor, dass sich ein junger Autor wie Arzt an einen historischen Stoff wagt, und sehr selten, dass er diesen historischen Stoff dann in einem historisierenden Stil aufschreibt. Der Versuch ist wirklich aller Ehren wert, ebenso wie der Versuch des Wiener Schauspielhauses, einer Uraufführung einen so großen Rahmen mit so vielen Schauspielern und Live-Musikern zu gönnen. Annähernd drei Stunden dauert der Abend. Applaus dafür.

Gerne würde man auch dem Ergebnis applaudieren, aber dem Regisseur Alexander Charim gelingt es leider nicht, der rohen Vorlage den richtigen Schliff zu geben. Vielleicht müsste er die Schauspieler dazu bringen, die rumpeligen Reime noch viel mehr rumpeln zu lassen, um das Artifizielle zu betonen, vielleicht müsste er sie den Kunstdialekt viel künstlicher sprechen lassen. Sicher aber müsste er sie zu einem einheitlichen Schauspielstil anleiten, müsste ihnen die naturalistischen Momente austreiben, die bei einigen immer wieder durchscheinen, müsste sie alle so stilisiert spielen lassen wie Martin Vischer als Johnny oder Florian von Manteuffel als Schödl. Die Figuren als Typen.

So bitter konsequent die Handlung des Stückes auch ist: Es fehlt dem Abend an stilistischer Konsequenz.


Johnny Breitwieser. Von Thomas Arzt und Jherek Bischoff (Komposition). Regie: Alexander Charim. Im Schauspielhaus Wien, nächste Vorstellungen am 2., 3. und 12.12.; Tel. +43 1 317 010 118.



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