Joko-Winterscheidt-Magazin "JWD" Ambitioniert und albern

Zurück zum Papier: Moderator Joko Winterscheidt will mit einer Art Herrenmagazin für kleine Brüder in den schwierigen Zeitschriftenmarkt. "JWD" ist lustig und ehrgeizig - aber weniger crazy als es klingt.

"JWD"-Cover

"JWD"-Cover

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Joko Winterscheidt hat sich in Papier verwandelt. Während Klaas Heufer-Umlauf mit seiner "Late Night" als Talkshow-Moderator reüssieren will, gibt es Winterscheidt nun als Magazin. Weil das vergleichsweise altmodisch ist, wird daraus sogleich eine Tugend gemacht. "JWD" steht in Anlehnung an Peter Moosleitners Magazin "P.M." bewusst unbeholfen für "Joko Winterscheidt's Druckerzeugnis", komplett mit Deppen-Apostroph und Themen, die "janz weit draußen" sein sollen.

Wobei die Idee, in einem heillos diversifizierten Markt mit einem personalisierten Heft lukrative Akzente zu setzen, alles andere als abseitig ist. Eine Ansage ist auch die unbescheidene Startauflage von 200.000 Exemplaren, mit denen Gruner + Jahr hier den Erfolg seiner "Barbara" wiederholen möchte. So geht das nämlich heute. Leute braucht es. Gesichter. Typen, die für etwas stehen, was immer das sein mag. Menschen, mit denen man sich gerne mal Zeit im Wartezimmer oder ICE vertreiben würde.

Öffentliche Figuren wie Barbara Schöneberger eben, deren virtuelle Lebenswelt in "Barbara" ausgebreitet ist und mit "Brigitte" konkurriert. Desgleichen "Daniela" von und mit Daniela Katzenberger, das im Revier der Mädchenzeitschriften wildern soll: "Make-up - mach's mir nach!". Gediegener geht es bei Johann Lafer zu, der in einem "Journal für guten Geschmack" seine Lieblingsrezepte verrät. Auch verkauft sich "Gesund leben" wesentlich besser, seit der Verlag ihm ein Update zu "Dr. v. Hirschhausens Gesund leben" spendiert hat. Sogar die Rechtspopulisten von "Compact" präsentieren mit "Compact-Pirinçci" exakt die Integrationsfigur, die ihre Zielgruppe verdient: "Schnauze! Jetzt rede ich."

Joko Winterscheidt
Anatol Kotte

Joko Winterscheidt

Bei "JWD" heißt das #haltstoppjetztredeich und liegt als ausschneidbare Maske dem Heft bei, die man sich lesend vor das Gesicht halten und "unter #TeamJoko auf Instagram posten" soll. Es gibt etwas zu gewinnen, denn: "Journalismus funktioniert nicht mehr so, dass eine Seite nur erzählt und die andere nur zuhört", wie Winterscheidt als "Editor-at-very-large" (191 Zentimeter) in seinem Editorial erläutert. Die Mischung ist, wie beim Mutterhaus ("Stern") und Chefredakteur Christian Krug ("Stern") nicht anders zu erwarten, von klassischer Wundertütenhaftigkeit ("Stern").

Die eigentliche Vergleichsgröße, ästhetisch wie inhaltlich, ist "Neon". Wenn dessen Ableger "Nido" sich an junge Mütter und Väter richtet, ist "JWD" das Angebot für den ungebundenen Bruder - der all das erlebt, wovon Durchschnittsexistenzen nur träumen: "Wir werfen Ideen in der Gegend herum, und wenn etwas dabei ist, bei dem wir denken: Da müsste man doch hin,… dann machen wir es einfach."

Man müsste also mal diese Nonnen in Kalifornien besuchen, die Cannabis anbauen ("High Nonn'"). In der Wüste von Oman eine Trainingsstation für Mars-Missionen besuchen. Oder ein Bordell, in dem man mit Puppen schlafen kann ("Die Poppenspieler"). Ein Tinder-Date ganz nackt bestreiten? Mit fremden Koffern verreisen! Ein "Duell um die Welt" also. Nur ohne Duell. Und ohne Heufer-Umlauf. Dafür mit Winterscheidt oder Leuten, die so schreiben, wie er selbst es aufschreiben oder wenigstens gerne lesen würde.

Thematisch ist das zwar nicht ganz so crazy, wie "JWD" suggeriert. Die langen Reportagen aus der Ich-Perspektive, geschrieben von einem zehnköpfigen und naturgemäß jungslastigen Team, lesen sich so gut und lässig. Wie talentierte Abgänger der Henri-Nannen-Schule eben schreiben. Erfreulich, dass das Feld der laaangen Reportage überhaupt noch gewissenhaft bestellt wird; die Rubrik "Per Anhalter durch die Galaxis" umfasst immerhin 72 von 162 Seiten.

Unter "Das Beste von Welt" versammelt die Redaktion interessante Sachen, die man irgendwo kaufen kann. Tolle Tische. Hübsche Fahrradpumpen. Detox-Getränke. Bildbände. Faltboote. Motorräder. Schmuck. Apps. Angedickt sind die kleinteiligen Geschenkideen mit einer noch kleinteiligeren Plattenkritik von Nilz Bokelberg oder, ganzseitig, "unbeantworteten Fragen der Popmusik". Eine feine Idee. Queen sangen "Who Wants To Live Forever"? Vorgestellt wird ein verrückter Professor, der genau das anstrebt. Die Witzeseite, an sich schon ein Witz, erinnert daran, dass "JWD" eine andere Zielgruppe als "Barbara" hat: "Was haben ein gesunder Hund und ein kurzsichtiger Gynäkologe gemeinsam?" Tja.

Erst im letzten Drittel erlahmt die Aufmerksamkeit selbst des gewogenen Lesers. Unter "Lifestyle", diesmal "für Rocker", gibt es die unvermeidliche Modestrecke, im Grunde "Geschenkideen-at-very-large". Es ist ein langer Abspann. Gewürdigt werden der Hut des Hipsters und das Headbangen. Es gibt eine Kulturgeschichte der Hotelzertrümmerung und eine Kulturgeschichte der Lederjacke.

Dazwischen immer wieder Werbung für Unterwäsche und Hemden, die als Werbung kaum zu erkennen ist. Dafür macht ein Modelabel dann erkennbar Werbung - mit Joko Winterscheidt als Model. Das müssen diese Synergien sein, von denen man in der Branche immer schwärmt. Erst auf der letzten Seite entzückt ein sinnfreies Interview (mit Joko Winterscheidt) in Futur II: "Vielleicht hätte ich das Verlagshaus Gruner + Jahr einmal nicht gekauft haben sollen, vor allem nicht mit dem Masterplan, daraus einen Internetfernsehsender zu machen."

Als Marke steht "Joko" für eine seltsame Mischung aus Ambition und Albernheit. "JWD" führt den Beweis, dass diese Eigenschaften sich mühelos in ein Herrenmagazin für den von seiner Playstation allmählich gelangweilten Twentysomething übersetzen lassen. Kumpelhaft in der Ansprache, hedonistisch im Habitus und so politisch wie eine Retro-Fahrradpumpe für 60 Euro. Einem Erfolg steht also nichts im Wege.



insgesamt 3 Beiträge
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CriSch 23.03.2018
1. Bestimmt nicht lustig
Wenn der Inhalt der Zeitung, so schlecht ist, wie die Witze des Herrn Winterscheidt, taugt sie - wie schon auf dem Cover angedeutet - nur zum Kaminanzünden.
Grummelchen321 23.03.2018
2. welcher
Promi bringt nicht gerade sein eigens Magazin heraus beziehungsweise gibt seinen Namen dafür her.
hexenbesen.65 23.03.2018
3.
Das Klientel von "Barbara" oder "Katze" ist ein ganz anderes, als das Klientel, dass dieser --was ist der ? Komiker oder Journalist oder das was anderes ? --Joko hat. DIE können nämlich lesen...
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