Eklat um Jonathan Meese Die Documenta? Dünnpfiff!

Er gilt als einer der größten Künstler der Gegenwart - und als einer der gröbsten: Bei einem SPIEGEL-Gespräch in der Kasseler Universität beschimpfte Jonathan Meese Ausstellungsmacher als Penner und Studenten als "Hämorrhoiden im Arsch des Staates". Am Ende flogen Gläser.

Von Ulrike Knöfel und

DER SPIEGEL

Der Raum war überfüllt, einige der etwa 200 Zuhörer standen im Hof mit Regenschirmen vor den geöffneten Glastüren. Jonathan Meese, 42, kam in schwarzer Lederjacke mit Adidas-Streifen, trank Cola, bekundete, er sei "glücklich, glücklich, glücklich" - und verlas erst mal ein Manifest, das er am selben Morgen handschriftlich verfasst hatte. "Nur die
'Diktatur der Kunst' erzeugt Zukunft, nur Kunst ist ohne Ideologie, ohne Falsch, ohne Arg und ohne Nostalgie", deklamierte der Künstler.

Mit diesem lautstarken und provokanten Vortrag begann am Montagnachmittag das "SPIEGEL Gespräch live in der Uni" in Kassel, der Stadt, wo diese Woche mit der Documenta die bedeutendste Kunstschau der Welt eröffnet wird. Konkret ging es bei dem Gespräch um "Größenwahn in der Kunstwelt" und den Zustand der Gegenwartskunst. Meeses Meinung dazu ist nicht die beste. "Ich leide darunter, dass mir irgendwelche Skulpturen als Kunst verkauft werden, aber in Wahrheit Design sind. Ich leide darunter, dass mir beschissene Malerei gezeigt wird, die in Wirklichkeit hochgepushte Illustration ist."

Meese ist Maler, Bildhauer, Performancekünstler mit einer expressiven Bildersprache und drastischen Wortwahl. Caligula, Adolf Hitler, Mr. Spock sind Motive seines Kunstuniversums. Im SPIEGEL-Gespräch am Montag erklärte er, dass er sich weigere, der diesjährigen Documenta einen Besuch abzustatten - auch, weil diese "ziemlich grauenhaft" ausfallen werde und dort keine Kunst in seinem Sinne gezeigt werde. Gesehen habe er von der Kunst der weltweit bedeutendsten Ausstellung zwar bisher nichts, aber: "Ich bin doch ein Haifisch, ich rieche doch, wenn irgendwo ein geiles Kunstwerk entsteht." Hier aber rieche er nichts, nur "ich-versaute Typen" und "ich-versauten Dünnpfiff".

Venedig? Nicht ohne meine Mama!

Auf die Frage, ob es besser um die Kunst der Documenta bestellt sein würde, wenn er dort ausstellte, antwortete er: "Wenn man nur mich bringen würde, eventuell". Besuchen würde er die Documenta ohnehin nur, wenn man das Gelände für ihn absperrte. "Ja das ist nun einmal so, wenn man so aussieht wie ich, wo will man denn da noch hingehen?"

Scharf kritisierte Meese die Kuratoren: "Diese ganzen Typen, die momentan Ausstellungen machen, die wollen die Kunst durch Realpolitik ersetzen. Die wollen die Kunst abschaffen. Das sind Leute, die hassen die Kunst." Er verwies auch auf die Gestaltung der Berlin Biennale, bei der sogar Mitglieder der Occupy-Bewegung wie lebende Kunst besichtigt werden konnten. "Das sind alles Penner, die müssen weg, die müssen das Land verlassen." Meese selbst gelang auf der ersten Berlin Biennale 1998 der Durchbruch.

Der international gefeierte Kunststar - dem in diesem Jahr unter anderem Einzelausstellungen in Kopenhagen und Wien gewidmet wurden - könnte sich auch vorstellen, den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig zu gestalten. Zumindest wenn ihn seine Mutter darum bäte. Sie sei sein "wichtigster Verbindungsmann" zur "Diktatur der Kunst". Aber er ginge davon aus, dass sich die Kuratoren nicht trauten, ihn einzuladen.

Eine Professur an einer Universität würde er ablehnen, Studenten bezeichnete er als "Hämorrhoiden im Arsch des Staates" - forderte aber die anwesenden Studenten auf, Tabula rasa zu machen. Kurz vor Ende des Gesprächs nahm ein Zuhörer diesen Wunsch wörtlich und ergänzte die Theorie-Randale um eine reale Randale. Er bahnte sich den Weg durchs Publikum, steuerte auf das Podium zu und fegte aufgebracht die Gläser vom Tisch.

Meese reagierte erschrocken und blieb dennoch höflich, er warnte: "Das ist jetzt Realitätsfanatismus. Das Glas kann doch nichts dafür. Bitte: Keine Sachen kaputtmachen!"

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insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
Peter.Lublewski 05.06.2012
1. Dünnpfiff
Wenn die auf der documenta gezeigten Objekte "Dünnpfiff" sind, was ist Meeses Plunder dann erst?
Hugh 05.06.2012
2.
Zitat von sysopDER SPIEGELEr gilt als einer der größten Künstler der Gegenwart - und als einer der gröbsten: Bei einem SPIEGEL-Gespräch in der Kasseler Universität beschimpfte Jonathan Meese Ausstellungsmacher als Penner und Studenten als "Hämorrhoiden im Arsch des Staates". Am Ende flogen Gläser. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,837151,00.html
mein Gott, wenn man schon selbst nichts kann, muss man zumindest andere Menschen beschimpfen damit der eigene Müll auf dem Markt bemerkt wird. Und der Spiegel bietet diesem Narzissten auch noch ein Forum.
silke_w. 05.06.2012
3. Ist groteske Selbstinszenierung eine neue Kunstform?
In salopper Runde würde man auch fragen: Von welchem Baum hat der denn geraucht..?! :D
urbansonnet 05.06.2012
4. ...
Ach, der Meese. Immer für einen Spaß zu haben.
weshalbwarumwohin 05.06.2012
5. Nach ettlichen Jahren
Zitat von silke_w.In salopper Runde würde man auch fragen: Von welchem Baum hat der denn geraucht..?! :D
haben Sie es begriffen! Glückwunsch! Kunst ist Dreistigkeit, Egozentrik, Rausch und Krankheit zusammen - geistiger Dünnpfiff den jeder machen kann, jedoch jeder ab und zu braucht.
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