Joseph Roths "Hiob" Das andere Oster-Wunder

Wenige Inszenierungen wurden zuletzt so gefeiert wie die Theaterfassung von Joseph Roths Roman "Hiob". Ein Kritiker bezeichnete sie gar als "Offenbarung" und "großes Wunder". Jetzt zeigt 3sat die Aufführung.


Schon gut, man kann an Ostern andere Dinge tun als fernzusehen. Ins Theater gehen zum Beispiel. Bei der Theaterbiennale in Siegen etwa läuft heute noch einmal Johan Simons' Inszenierung von "Hiob" nach dem Roman von Joseph Roth, ein hochgelobtes Gastspiel der Münchner Kammerspiele.

Für alle, die das Pech haben, gerade nicht in Siegen zu sein, gibt es einen Trost: Die Inszenierung läuft heute auch im Fernsehen. Nachdem man sich mit den Kindern durchs Familienprogramm gequält hat - je nach Bildungsgrad und Amüsierwillen stehen heute "Frag doch mal die Maus", "Deutschland sucht den Superstar" und der Trickfilm "Ab durch die Hecke" zur Auswahl - kann man ab 22.25 Uhr auf 3sat der berührenden Geschichte von Roths Romanfigur Mendel Singer folgen, einem Juden aus Galizien, der mit seiner Familie nach Amerika auswandert.

Singer wird vom Schicksal so schwer gebeutelt - er verliert erst seine Söhne, dann seine Frau und schließlich seine Tochter -, dass er wie der biblische Hiob mit Gott hadert. Und dann geschieht ein Wunder: Sein geistig behinderter Sohn, den er in Galizien zurückgelassen hatte, taucht in Amerika auf. Geheilt und erfolgreich als Musiker.

Für den gebürtigen Niederländer Simons, der im Sommer 2010 Intendant der Münchner Kammerspiele wird, ist "Hiob" eine Geschichte über "Fremdheit, Heimweh, Glauben" - aber auch eine Liebesgeschichte. Er zeigt sie auf einer abstrahierenden Bühne (von Bert Neumann), auf der nur ein altes, schäbiges Karussell steht, verziert mit den Worten: "Birth. Love. Death." Das sind sie, die Stationen des Lebens.

Der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" kriegte sich nach der Premiere vor einem Jahr gar nicht mehr ein vor Begeisterung über diesen Abend - "ein großes Wunder", "eine Offenbarung" nannte er ihn und lobte die "Fassung von Koen Tachelet, der den Rhythmus und den poetischen Bilderreichtum Joseph Roths bewahrt hat". Die "Neue Zürcher Zeitung" beschrieb die Spielweise von Hauptdarsteller André Jung als "lange buchhalterisch nüchtern..., ehe die Verzweiflung und der Zorn umso bestürzender aus ihm hervorbrechen".

Es gab auch, wie sich das für eine wirklich gute, prägnante und mutige Inszenierung gehört, andere Stimmen. Die Kritikerin der "Frankfurter Rundschau" fand etwa, dass die "Musikalität" des Autors auf der Strecke bleibe, der Fachmann von "Theater heute" nannte André Jungs Darstellung des Mendel Singer "seltsam mechanisch".

Vielleicht hat aber auch der Kritiker Recht, der über Johan Simons schrieb: "Viele der Inszenierungen wirken auf den ersten Blick spröde und kopflastig, fast protestantisch. Aber das täuscht. Es braucht nur etwas Geduld, und dann begreift man: In Simons' Theater scheint die Zeit zu schleichen, und dadurch kann der Zuschauer abschweifen, kann träumen und sich auf Nebenwege locken lassen. Wie in einem guten Roman."

Probieren Sie's. Heute Abend. Und wer der Überzeugung ist, dass Theater im Fernsehen immer eine Notlösung ist oder Ostern tatsächlich was Besseres zu tun hat, kann Johan Simons' "Hiob" auch noch später live erleben: Am 17. und 20.4. sind die nächsten Vorstellungen in den Münchner Kammerspielen, am 1.5. ist "Hiob" im Rahmen der Autorentheatertage zu Gast am Hamburger Thalia Theater (www.thalia-theater.de).



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.