Jostein Gaarder Anti-Israel-Essay sorgt für Aufruhr

Ein in seiner Kritik an Israel extrem scharfer Aufsatz des Schriftstellers Jostein Gaarder ("Sofies Welt") sorgt für Kontroversen in Norwegen. Der Bestseller-Autor, der sich mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert sieht, fühlt sich falsch verstanden.


Oslo - Jostein Gaarders Attacke gegen den Staat Israel sei "das Widerlichste", was sie seit Hitlers "Mein Kampf" gelesen habe. So lautet das vernichtende Urteil der norwegischen Schriftstellerin und Jüdin Mona Levin über einen Essay ihres Kollegen, der am Wochenende in der Osloer Tageszeitung "Aftenposten" erschienen war. Erhitzte Reaktionen wie diese, verbunden mit dem Vorwurf des Antisemitismus, veranlassten den Autor des Weltbestsellers "Sofies Welt", sich vorerst nicht mehr zum Nahostkonflikt zu äußern: "Die Debatte muss ohne mich weitergehen", schrieb Gaarder heute, wiederum in der "Aftenposten".

Autor Gaarder: "Weckruf für Israel"
DPA

Autor Gaarder: "Weckruf für Israel"

Der 54-jährige Schriftsteller hatte einen scharfen Angriff gegen Israel veröffentlicht. In seinem Text sprach er dem Staat sogar das Existenzrecht ab: "Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an." Wen außer sich selbst er mit dem mehrmals im Text verwandten Begriff "Wir" gemeint hat, erläuterte Gaarder nicht.

Israel habe mit "seiner skrupellosen Kriegskunst und seinen widerwärtigen Waffen" die eigene Legitimität "massakriert", schrieb Gaarder. Die Umwelt solle besonnen und barmherzig reagieren, wenn nun "die gesamte israelische Nation aus eigener Schuld zu Fall kommt und Teile der Bevölkerung aus von ihr besetzten Gebieten in eine neuerliche Diaspora flüchten müssen".

Für die scharfen Reaktionen in Norwegen sorgte vor allem auch Gaarders Kritik an "den Juden" und die Einstufung der zehn Gebote als "lustige Steintafeln". "Über 2000 Jahre haben wir die Lektionen des Humanismus gepaukt. Aber Israel hört nicht darauf", heißt es in Gaarders Essay. Der Schriftsteller begründete die Schärfe des Textes heute mit seiner Verzweiflung über die Entwicklung im Nahen Osten. Sein Artikel sei als "Weckruf für Israel" gemeint gewsen. Abgesehen von der "respektlosen" Einstufung der zehn Gebote stehe er auch weiterhin dazu, habe aber die "unberechenbare Wirkung" unterschätzt. Zu der an ihm geübten Kritik sagte er laut dpa: "Sobald man den Staat Israel angreift, bekommt man den Vorwurf des Antisemitismus hinterhergeworfen."

Norwegens Außenminister Jonas Gahr Støre bezeichnete Gaarders Text als "inakzeptabel und beunruhigend", weil Israel darin das Recht auf Schutz durch Uno-Resolutionen aberkannt werde. Zu den Kritikern Gaarders gehörten auch zahlreiche norwegische Intellektuelle und Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Nie zuvor hätten sich derart viele Leser im Internet geäußert, berichtete der Netzredakteur von "Aftenposten" laut dpa. Die Mehrzahl der Reaktionen fiel allerdings positiv aus. So lobte die Schriftstellerin Anne B. Ragde laut "Süddeutscher Zeitung" ("SZ") den "klugen Essay" Gaarders.

Die norwegische Ombudsfrau gegen ethnische Diskriminierung, Beate Gangaas, nannte ihn "am Rande des Erträglichen, aber nicht rassistisch". Gaarders israelischer Verlag Schocken Publishing stellte die Zusammenarbeit mit dem Autor in einer spontanen Reaktion ein.

Gaarder selbst schrieb heute, er habe mit einer vielleicht falsch gewählten Form "Israel zur Versöhnung aufrufen wollen". Dazu bediente er sich auch der Distanzierung vom jüdischen Glauben an die eigene Rolle als "Gottes auserwähltes Volk": "Wir glauben nicht an die Vorstellung von Gottes auserwähltem Volk. Wir lachen über die Marotten dieses Volkes und weinen über seine Missetaten", heißt es in Gaarders Essay. "Als Gottes auserwähltes Volk aufzutreten, ist nicht nur dumm und arrogant, sondern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Weiter schrieb er, einige israelische Politiker strebten eine "Endlösung des Palästinenserproblems" an.

Am Ende des Aufrufs träumt Gaarder laut "SZ" vor dem Hintergrund der alttestamentarischen Prophezeiung von einer neuerlichen Vertreibung der Juden aus ihrem Land: "Wenn die ganze israelische Nation der eigenen Gewalt zum Opfer fallen sollte und Teile der Bevölkerung aus den von ihnen besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, sagen wir: Mag die neue Umgebung einsichtig und barmherzig sein."

Der Originalartikel ist beim "Aftenposten" abrufbar, eine englische Übersetzung findet sich bei der Internet-Zeitung "Booman Tribune". Die Erklärung Gaarders zu seinem Text hat "Aftenposten" ins Englische übersetzt.

bor/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.