Journalismus "Okay, Frau Merkel, das schreib ich so!"

... und wer legt fest, was in der Zeitung steht? Wie Journalisten arbeiten, ist vielen Menschen nicht klar, deshalb vertrauen sie Medien nicht mehr. Dabei hat sie die Demokratie so dringend nötig.

Demonstrant in Rathenow
DPA

Demonstrant in Rathenow

Eine Kolumne von


Es ist sehr einfach und für die Stimmung auch notwendig, sich über Kellyanne Conway lustig zu machen. Conway ist die Beraterin von Donald Trump, die sowohl die Formulierung Alternative Facts in die Welt gebracht hat, als auch das "Bowling Green Massaker" erfunden hat. Die Leute wüssten nichts über das Massaker, weil damals nicht darüber berichtet worden sei, so ihre Begründung. Später korrigierte sie sich: Sie meinte nicht "Massaker", sondern "Terroristen", da habe sie sich versprochen. Ein ärgerlicher Fehler, der ihr aber seltsamerweise nicht nur einmal passiert ist.

Mindestens genauso ärgerlich ist es aber, dass die Idee, über bestimmte Ereignisse würde absichtlich nicht berichtet, vielen Leuten gar nicht so fremd ist. Nach Silvester 2015/16 in Köln und nach dem Mord an einer Freiburger Studentin im Oktober 2016 hieß es, die Medien hätten zu spät oder nicht groß genug über die Themen berichtet, um die Täter zu schützen. Dass so etwas überhaupt denkbar ist, zeigt, wie viele Leute schlicht keine Ahnung haben, wie Journalisten und Journalistinnen arbeiten. Das mag für viele Berufe zutreffen. Viele wissen auch nicht, was eine Kürschnerin macht oder ein Industriekletterer, aber bei Medien ist es besonders gefährlich, weil Demokratie und freie Medien einander brauchen.

Dabei geht Unkenntnis nicht immer mit Misstrauen oder Vorwürfen einher. Gerade erst hat die "Zeit" zwei Kommunikationsforscher interviewt, die sagen, die Zahl der Leute, die den Medien vertrauen, sei gewachsen: 40 Prozent der Deutschen denken, dass man den Medien bei wichtigen Themen "eher" oder "voll und ganz" vertrauen kann. Das sind mehr als 2008, wo es nur knapp jeder Dritte war. Gleichzeitig gibt es aber auch mehr Menschen, die den Medien grundsätzlich misstrauen: 24 Prozent vertrauen den Medien "eher nicht" oder "überhaupt nicht", 2008 waren es nur neun Prozent. Die Leute sind stärker gespalten als vor ein paar Jahren.

Insgesamt herrsche "in der Bevölkerung eine große Unkenntnis darüber, wie Medien funktionieren", sagte einer der Forscher, Tanjev Schultz. 39 Prozent der befragten Deutschen denken, Eigentümer von Medien bestimmten, was Journalistinnen und Journalisten in ihrem Medium schreiben dürfen. Das ist ein ziemlich schräges Bild von diesem Beruf, aber ich fürchte, die Leute denken das wirklich.

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Wenn ich Lesungen mache und die Leute mir hinterher Fragen stellen, die sich nicht nur auf mein Buch, sondern auch auf die Kolumnen beziehen, dann sind unter den häufigsten Fragen diese beiden: "Wer legt Ihre Themen fest?" und "Wie oft wird in deinen Texten was zensiert?" Beide Fragen finde ich ziemlich beunruhigend, und zwar nicht, weil ich sie nicht beantworten will, sondern weil ich die Vorstellung alarmierend finde, jemand könnte da eine andere Antwort erwarten als: niemand und nie.

Man muss im Grundgesetz nicht lange blättern, bis man den Satz findet: "Eine Zensur findet nicht statt." Das ist Artikel 5. Es ist eine ziemlich grundlegende Übereinkunft, dass der Staat nicht in die Berichterstattung eingreift. Wenn man dann darüber redet, stellt man fest, dass die Leute mit "zensieren" meistens "redigieren" meinen - also das, was die Redaktion tut - und den Unterschied nicht kennen. Das macht es nicht viel besser, aber immerhin stellen sich offenbar nur sehr wenige vor, dass man tatsächlich seine Themen oder Texte irgendeiner Behörde oder direkt der Regierung vorlegen muss und dann geklärt wird, was geht und was nicht.

Die Lösung besteht nicht darin, die Leute für bekloppt zu erklären, sondern die Arbeitsweisen der Medien viel stärker transparent zu machen. Es gibt sehr viele Dinge, die Leute außerhalb der Medien nicht wissen, aber wissen sollten: Wer legt fest, was in der Zeitung steht? Warum stehen in manchen Texten die Meinungen des Autors und in anderen nicht? Was ist eine Agenturmeldung? Warum steht oft genau dieselbe Meldung in verschiedenen Zeitungen, wer schreibt von wem ab? Kriegen Interviewpartner Geld dafür, dass sie interviewt werden? Oder bezahlen sie dafür?

All das könnte man zwar klären, indem man es in Schulen unterrichtet, aber andererseits gehen viele Leute nicht mehr zur Schule und die Arbeit der Medien entwickelt sich mit der Technik mit, also: Mehr Tage der offenen Tür in Medienhäusern, und außerdem Betriebsausflüge in Redaktionen! Klettergarten kann im Sommer wieder dran.

Viele der genannten Fragen könnte man mit einem einfachen Besuch und einer Fragerunde klären. Die Leute aus dem Betrieb würden medienmäßig mündiger werden, und die Leute aus der Redaktion würden womöglich etwas Vertrauen zurückgewinnen. Eine Win-win-Situation. Nur fragen Sie nicht nach mir, ich schreibe von zu Hause.

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insgesamt 571 Beiträge
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Seite 1
halbstark 07.02.2017
1. Doch.
Solange Journalisten (und Politiker) die Begriffe "Asylant", "Flüchtling", "Migrant", "Zuwanderer" nicht differenzieren, solange eine irrsinnige und gesetzwidrige Gesinnungs- und Bauchpolitik nicht hinterfragt wird, solange die einzige Partei, die für Volksentscheide und geregelte Einwanderung steht, immer mit dem Zusatz "rechtspopulistisch" oder gar "demokratiefeindlich" versehen wird, solange Meinung und Fakten nicht deutlich getrennt werden...ja, solange glaube ich, dass Journalisten ihre Texte vom politischen Establishment aka Merkel diktiert bekommen oder bereitwillig Folge leisten.
static2206 07.02.2017
2. Und jetzt verwundert weinen?
Die Buzzwords Lügenpresse, Lückenpresse etc kommen nicht von ungefähr. Natürlich ist es nicht immer wahr, aber es ist eben auch nicht immer Unwahr. In erster Linie werden selbstausgesuchte oder von einer "höheren Instanz" markierten Ziele nur noch schlecht gemacht. Sei es Trump oder AfD. Es wird alles mit irgendwas postapocalyptischen Nonsens versehen. Einer der Höhepunkte kam vom Spiegel selbst, dass Trump quasi schon den Football geöffnet hat und den Abschusscode für die Atomraketen am eingeben ist (überspitzt gesagt) Zudem nehmen sich Presse und die Redakteure ständig raus, die Leute belehren zu müssen. Es gibt nur eine richtige Meinung und das ist die selbst vertretene. Alles andere ist böse. Die Medien haben gleich mehrere Fehler gemacht 1. Nicht objektiv berichtet 2. Ständig belehrend und erziehend 3. Unvollständig oder gar nicht berichtet. Und selbst wenn es nicht so war, haben die Medien immer den Eindruck erweckt. Und selbst wenn Trump irgendwann mal was richtig böses machen sollte. Dann habt ihr den Lesern dermaßen übersättigt und genervt, dass er es entweder nicht mehr glaubt oder einfach nicht mehr zuhören will. Deswegen lieber Spon, liebe Kolumnisten und andere Medien und deren Vertreter. Ändert euer Verhalten und eure Arbeitsweise oder hört auf zu flennen, dass euch keiner mehr für voll nimmt.
alangasi 07.02.2017
3. Zensur findet bei SPON jeden Tag statt
Nämlich genau hier
christiewarwel 07.02.2017
4. Vertrauen gewinnt man nicht durch Rechtfertigung seines Handels,
sondern durch eine kritische Auseinandersetzung mit Fakten. Nichtsdergleichen sieht der Leser in den deutschen Medien. Statt dessen gibt es Wort für Wort die selben Artikel in konservativen wie links-orientierten Medien, ein ständiges Dreschen der gleichen Themen und Phrasen und eine extrem selektive Darstellung ausgewählter Fakten, auf daß auch jeder Leser weiß, was er zu denken habe. Das Dumme an der Geschichte: Dank Internet hat der Leser nun leichten Zugang zu alternativen Informationen. Leider nur sind diese oft schwer zu verifizieren, was es für Otto Normalverbraucher schwer macht, eine Sachlage tatsächlich einzuschätzen. Was bei ON daher bleibt, ist ein tiefes Mißtrauen gegenüber den Medien. Meine Empfehlung: Einfach mal die Argumente beider Seiten neutral darstellen, auch wenn es mehr Arbeit macht, als sein Weltbild in die Welt zu posaunen, bis sich alle die Ohren zuhalten (anstatt es zu glauben).
DJ Doena 07.02.2017
5.
"Wer legt Ihre Themen fest?" - niemand. Das mag für eine Kolumnistin eventuell unter Umständen sogar noch zutreffend sein, ich bezweifele sehr stark, dass "reguläre" Journalisten sich Tag für Tag aussuchen dürfen, worüber sie gerade Lust haben zu schreiben. Dafür gibt es Chefredakteure. Die gehen dann zum Herren X vom Wirtschaftsteil und sagen "VW hat Aktionärsversammlung, geh hin und schreib drüber 3 Spalten". Und während das hier banal ist, wird allein schon über die Vorentscheidung wo Journalisten hin geschickt werden und wo eben nicht und wieviele Spalten ein Artikel einehmen darf eine Entscheidung drüber getroffen ob und welche Informationen der Journalist seinem Leser vermitteln darf.
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