Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Befragung: Journalisten glauben nicht an ihre Zukunft

Von

Die Veränderung des Medienkonsums bringt etablierte Medien in die Krise Zur Großansicht
Corbis

Die Veränderung des Medienkonsums bringt etablierte Medien in die Krise

Keine Branche produziert seit Jahren so kontinuierlich Krisenmeldungen wie die Medien. Zugleich gibt es Gründungen, Aufkäufe und Fusionen - herrscht nun Krise oder nicht? Zumindest Journalisten haben wenig Zweifel daran, wohin der Trend geht - abwärts.

Wenn man Journalisten danach fragt, wie sie die Zukunft ihres Berufes einschätzen, braucht man ein dickes Fell, wenn man die Antworten depressionsfrei überstehen will. Die deutsche Exportwirtschaft mag boomen, Gewerkschaften mögen in vielen Branchen endlich wieder erwähnenswerte Lohnzuwächse erstreiten, das Land mag entgegen aller Trends weiter Wachstum produzieren. In den Medien aber scheint die Entwicklungsrichtung klar und vorgezeichnet: abwärts.

"So sehen Journalisten die Medienzukunft" heißt eine aktuelle Studie, die das Agenturnetzwerk Ecco im Auftrag des Branchenportals newsroom.de erstellte. Befragt wurden 450 Journalisten. Die Ergebnisse lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Alles wird immer schlimmer.

Hier ein paar ausgewählte Ergebnisse:

  • 81,6% klagen über wachsendes Arbeitsvolumen
  • 89,6% beklagen, dass "umfassende Recherchen" durch Zeitdruck verhindert werden
  • 79% beklagen Qualitätseinbußen der journalistischen Produkte
  • 50,4% sehen ihren Arbeitsplatz unmittelbar gefährdet, weitere 26% zumindest "zum Teil"
  • 82,3% beklagen Budgetkürzungen
  • 93% befürchten, dass die Glaubwürdigkeit der Medien dadurch sinke, dass Werbung und PR zunehmend Einfluss auf Inhalte bekämen
  • 70,2% klagen darüber, "mehr vorformuliertes Material" zu veröffentlichen

Und die verschiedenen Mediengattungen? Auch deren Zukunft sieht nicht gut aus, wenn man die Macher fragt:

  • 64,1% glauben, dass Boulevardzeitungen schrumpfen werden
  • 94,8% erwarten weitere Einbrüche bei den Tageszeitungen - eine Mediengattung "auf der Roten Liste" (Studien-Untertitel)
  • 70,6% gehen davon aus, dass auch die Wochenzeitungen verlieren werden
  • 65,5% glauben, Publikumsmagazinen stünden harte Zeiten bevor

Besser weg kommen die TV-Sender, vor allem im öffentlich-rechtlichen Bereich: da sorgt der Gesetzgeber mit einer Quasi-Steuer für die Grundversorgung.

Fotostrecke

7  Bilder
Medienkrise: Das Schrumpfen der Auflagen

Und sonst? Wächst da nichts mehr?

Aber sicher doch, sagen die Befragten: nur nicht in den klassischen Medien. Wachstum erwarten:

  • 76% bei den Blogs
  • 74,4% bei den Nachrichtenportalen
  • 81,7% im Social-Media-Bereich
  • 88,5% beim Internet-TV

Die düsteren Zahlen erklären sich zum Teil dadurch, dass das Gros der Antwortenden in Mediengattungen arbeitet, die die volle Härte der Krise seit Jahren erleiden. So waren nur 4,8 Prozent der Antwortenden bei Rundfunk und Fernsehen beschäftigt: Zumindest im öffentlich-rechtlichen Segment steht dieser Bereich durch die Milliarden aus der "Haushaltsabgabe" (vormals: GEZ-Gebühr) deutlich besser da als der Rest der Branche. 14,5 Prozent arbeiteten in Onlineredaktionen, die von jeher knapper gehalten werden als ihre Print-Pendants: Viele von ihnen sind daher Kummer gewohnt (man kann nur kürzen, wo es etwas zu kürzen gibt), andere gehören zu den verbliebenen Wachstumsmotoren der Medienbranche und expandieren sogar.

So spiegelt die miese Stimmung unter den Journalisten wohl vor allem die Situation in den Printmedien (72,5 Prozent der Befragten).

Und die kommt nicht von ungefähr: Völlig ab von den spektakulären Nachrichten über Schließungen und Insolvenzen, Massenentlassungen und Not-Gesundschrumpfungen der vergangenen Jahre befinden sich die Auflagenhöhen insgesamt tatsächlich im steten Sinkflug. SPIEGEL ONLINE dokumentierte das zu Jahresbeginn mit einem Satz aussagekräftiger Grafiken (siehe oben).

Und dieser Trend hält an. In den vergangenen Reichweiten-Analysen der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse, welche die Branchentrends beobachtet und dokumentiert, verloren die sechs meistverkauften Zeitungen des Landes innerhalb eines Jahres zwischen 4,1 und 15,6 Prozent ihrer Reichweite. Bei den regionalen Kaufzeitungen gewann allein der "Berliner Kurier" hinzu (plus 5 Prozent), während die "Hamburger Morgenpost" 21,5 Prozent ihrer Leser verlor - in nur einem Jahr.

Krise und Entwicklung der Medien in Deutschland folgen dabei weltweiten Trends. Noch erheblich krasser fallen Branchenzahlen in den USA aus: So fiel die Zahl der angestellten Journalisten dort allein vergangenes Jahr um zehn Prozent. Fast ein Fanal war dann eine Nachricht vom 31. Juli: Nach 38 Jahren stellte die "American Journalism Review", einst eine der renommiertesten medienwissenschaftlichen Publikationen des Landes, nach langem Siechtum ihr Erscheinen ein - aus Geldnot.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kein Wunder
vox veritas 06.08.2015
"Keine Branche produziert seit Jahren so kontinuierlich Krisenmeldungen wie die Medien. " Das passt die Richtung "abwärts" doch ganz wunderbar rein.
2.
pandur1234567@yahoo.com 06.08.2015
Ist das nicht Spitze. Am Ende reicht ein Konzern die Nachrichten die zu melden sind ein u alle anderen teilen diese. Somit hat man das Gefühl in einer Meinungsfreien Welt zu leben. Bloß stimmt das nicht bei den wirklich wichtigen Themen. So werden Schritt für Schritt Konzernwünsche umgesetzt u die Rechte des Bürgers ausgehebelt. Der einzige Weg dagegen ist halt doch den Medien nicht mehr zu glauben was diese schreiben. Chaos halt.
3. Ein Beruf
Pfaffenwinkel 06.08.2015
verändert sich. Heute muss ein Journalist vielseitig und flexibel sein - oder den Taxi-Führerschein machen.
4.
Carlson vom Dach 06.08.2015
Ja, es geht wirklich abwärts. Die gleichgeschalteten Staatsmedien ARD und ZDF bekommen Milliarden hinten reingeblasen, während die anderen Medien immer weiter ausbluten. Wenn dann die kritischen Medien tot sind, können die Politiker uneingeschränlt herrschen. Zum Glück wandere ich demnächst aus. Deutschland ist bald am Ende.
5. Journalisten
SabineMeier 06.08.2015
es gäbe schon eine Chance Leser zum Kauf motivieren-wenn endlich die Angst um das tägliche Brot den Journalisten genommen würde und wahrheitsgemäß berichtet werden würde! Jetzt gibt es doch nur gezwungene Meinungen der Besatzungsmacht, der Eigner, der Chefredakteure, der Politik, Atlantik Brücke........nix mit ethos Journalismus! Das Internet denkt den Schwindel oder Hetze auf! Bestes Beispiel heute im Spiegel: Umfrage zu Putin!!! im Internet steht die wahre Analyse-etwas anders als im Spiegel!!!!!O-Ton Erst wird grßspurig von der Isollation Putins gesprochen-gelingt nicht also muß die Unbeliebtheit herhalten Jungs primitiver geht es nicht mehr-und dann angst um den AP haben !!!! Versuchts einfach mal mit der Wahrheit die Leser sind intelligenter als manch Journalist (sogenannter) !!!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: