"Judith"-Premiere in Berlin Holofernes ist nicht totzukriegen

Judith verführt Holofernes erst, dann enthauptet sie ihn. Für den Volksbühnen-Chef Frank Castorf öffnen sich viele gedankliche Abzweigungen - vom Krieg der Geschlechter bis zum IS.

DPA

Von Christine Wahl


Auf diese Mordszene wäre wohl selbst Quentin Tarantino neidisch. Judith und Holofernes - ein Kurzzeit-Paar im goldglänzenden Partnerlook, das rein optisch geradewegs aus einem Musical gefallen sein könnte - haben eine gemeinsame Nacht hinter sich.

Etwas anders als in "Miss Saigon" oder dem "König der Löwen" wurde dabei allerdings auch ausführlich philosophiert. Zum Beispiel über den fundamentalen Dualismus des "männlichen und weiblichen Prinzips". Es gibt wirklich nicht viele Schauspieler, denen man bei derartigen Dialogen gern zuhört. Birgit Minichmayr und Martin Wuttke, die sich das (post)strukturalistische Gedankengut wunderbar ironiegesättigt entgegennölen, um sich im nächsten Moment in eine Art heisere Ernsthaftigkeitshysterie hochzuschrauben, gehören zweifellos dazu.

Und zwar in allervorderster Front, weil sie es - wo nötig - schaffen, unter Pathos oder Moralinsäure verschüttetes Erkenntnisgut sozusagen zur Kenntlichkeit zu verzerren.

Doch zurück zur Mordszene. Plötzlich erklingt - bis zum Anschlag aufgedreht - "The Power of Love" aus der Volksbühnenkonserve. Und Minichmayrs Judith stürzt sich zu diesem Sound in ihren schwindelerregend hohen Heels auf Holofernes, von dem bald nur noch das golden glitzernde Jackettärmelchen unter einer schwarzen Plastikplane hervorlugt.

Judiths Dienerin Mirza, die von Jungstar Jasna Fritzi Bauer gespielt wird und hier gelegentlich als weibliche Leidensgenossin auch so etwas wie Judiths Doppelgängerin ist, würgt und strampelt tatkräftig mit. Vor allem aber versäumt sie es nicht, zur finalen Meuchelei schnell noch ein paar Zeilen Heiner Müller abzusondern. "So lange es Herren und Sklaven gibt", deklamiert sie aus dessen Revolutionsstück "Der Auftrag", "sind wir aus unserem Auftrag nicht entlassen."

Großes philosophisches Trash-Kino

So gesehen könnte sie gleich weitermachen. Denn der gemordete Holofernes - Inkarnation so ziemlich aller Zuschreibungen, die die Welt schwierig machen und irgendwie nicht totzukriegen sind - hebt schon bald wieder seinen Kopf. Ihm gehört das Schlusswort. Da kann Judith sein blutiges Haupt noch so triumphal ausholend an ihrem Arm herumschlenkern.

Kurzum: Es ist großes philosophisches Trash-Kino, was sich gegen Ende der fünften Aufführungsstunde in der Berliner Volksbühne ereignet. Und zwar buchstäblich. Wie immer in den jüngeren Inszenierungen des Berliner Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf spielen zentrale Szenen in geschlossenen Räumen - diesmal vornehmlich in drei orientalisch anmutenden Feldlager-Zelten aus schreiend orangefarbenem Siebziger-Jahre-Plastik. Das Spiel wird dann per Live-Video auf eine Leinwand übertragen.

Doch in den knapp dreihundert Minuten, die vor dieser finalen Mordszene abzuarbeiten sind, geht es oft weit weniger aktionistisch zu. Castorf hat Friedrich Hebbels Tragödie "Judith" mit vielen Fremdtexten aufgeladen, die gern über gefühlte Stunden einfach mal so hineindeklamiert werden in den Bühnenraum des im Sommer verstorbenen Volksbühnen-Chefdesigners Bert Neumann.

Die Sitzsäcke, auf denen man dort im vollständig asphaltierten Zuschauerraum in Castorfs grandioser Vorgänger-Inszenierung "Die Brüder Karamasow" lümmelte, bilden diesmal - zu einem riesigen Berg aufgestapelt - das Zentrum des Bühnenbildes. Die Zuschauer sitzen gegenüber - also auf der eigentlichen Bühne - auf handelsüblichen Stühlen.

Klar lädt "Judith" zu assoziativen Anlagerungen ein. Hebbels 1840 uraufgeführter Dramen-Erstling stößt sich vom biblischen Judith-Stoff ab: Die titelgebende junge hebräische Witwe rettet das Volk Israel, indem sie den Belagerer, den assyrischen Feldherrn Holofernes, tötet. Dabei interessiert sich Hebbel allerdings weniger für die heroische Befreiungstat als vielmehr für die ihr zugrunde liegenden Motive: In den göttlichen Auftrag mischt sich ein durchaus vitales (erotisches) Eigeninteresse.

Der Frau, die vom versammelten Patriarchat gern mal zu hören bekommt, sie sei "so mutig", dass sie aufhöre, "schön zu sein", scheint außer Holofernes schlichtweg keiner gewachsen. Also wirft sie sich - frei nach dem Motto "Der Weg zu meiner Tat geht durch die Sünde" - in Hochzeits-Schale und macht sich zu ihm auf, um ihn erst zu verführen und anschließend zu enthaupten.

Von den gedanklichen Andockpunkten, die einem selbst zu diesem Stoff spontan (und auch von denen, die einem weniger spontan bis gar nicht) in den Sinn kommen, nimmt Castorf praktisch alle. Umfassend wird etwa, vom viel zitierten Geschlechterkrieg abgesehen, Antonin Artaud eingespeist oder ein Text der Philosophen Jean Baudrillard und Francois Ewald über den Hass als "verzweifelte Aktion zur Konstruktion des Anderen": eine zweifellos aufschlussreiche Einlassung, die sich allerdings direkt nach der Pause in der multiplen Interpretation eines Volksbühnen-Chores gefühlt derart endlos und frontal in Richtung Publikum ergießt, dass man schon sehr ausgeruht sein muss, um daran ausschließlichen (intellektuellen) Genuss zu finden.

Schließlich denkt der Abend auch über Parallelen zwischen Judith und etwa dem so genannten IS nach. "Auch heute gibt es Kämpfer", hatte Dramaturg Carl Hegemann dazu unter der knackigen Überschrift "Den Westen ficken" bereits vorab auf der Website der Volksbühne vermerkt, "die, möglicherweise aus ähnlichen Gründen wie Judith", von den Errungenschaften des Westens gleichermaßen fasziniert wie abgrundtief abgestoßen seien.

Klar: Man muss - und kann - dem wahrscheinlich originellsten Kreuz- wie Querdenker und Diskursanlagerer des Theaterbetriebs, Frank Castorf, bei weitem nicht überallhin folgen. Anstrengungsfrei war ein Castorf-Abend noch nie zu haben. Fakt ist aber auch, dass der aktuelle Dreihundert-Minüter zu den ganz besonders anstrengenden gehört, mit allem Für und Wider.

Judith. Volksbühne Berlin. Nächste Vorstellungen am 22., 23. und 28. Januar.
Tel. 030/ 24 06 57 77. www.volksbuehne-berlin.de

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