Jüdisches Kulturfestival in Krakau Folklore statt Geschichte

In Krakau findet zum 15. Mal das Jüdische Kulturfestival statt. 25.000 Besucher erwarten die Veranstalter - jüdische Folklore liegt in Polen im Trend. Doch die Diskussion über die polnisch-jüdische Geschichte stockt nach wie vor.


Abschlusskonzert (2004): Klezmer trifft auf "Radical Jewish Culture"
Wojciech Wasilewski

Abschlusskonzert (2004): Klezmer trifft auf "Radical Jewish Culture"

Berlin - Janusz Makuch ist ein ruhiger Mann, doch jetzt lässt der Stolz seine Stimme anschwellen. 25.000 bis 30.000 Besucher kämen jedes Jahr zum Festival, ruft er. Allein beim Abschlusskonzert letztes Jahr seien es 13.000 Menschen gewesen, "das hat die Polizei gesagt, deshalb weiß ich es so genau". Makuch hat das Fest 1988 zum ersten Mal organisiert, in einem kleinen Theater, in das kaum hundert Leute passten. Inzwischen reisen für das Festival Künstler und Besucher aus der ganzen Welt an.

Über 180 Workshops, Konzerte und Ausstellungen werden ab Samstag neun Tage lang in den kleinen, bonbonfarbenen Häuschen des ehemaligen jüdischen Viertels stattfinden. Die prunkvolle Tempel-Synagoge wird aufgeschlossen, und die Bänke werden proppenvoll sein, während berühmte Kantoren aus den USA und Israel mit ihren Stimmen den Raum füllen. In den Bars werden sich nachts Klezmer-Musiker und Vertreter der "Radical Jewish Culture" - die die traditionelle jüdischen Musik mit Jazz- oder Punkelementen mischen - die Mikrofone weiterreichen, und beim achtstündigen Abschlusskonzert, werden sich wieder Zehntausende auf dem Platz an der Szeroka-Straße drängen.

50 Jahre lang war die jüdische Vergangenheit Polens - wo vor dem Zweiten Weltkrieg über drei Millionen Juden lebten - vom kommunistischen Regime aus der offiziellen Geschichtsversion ferngehalten worden. Seit einigen Jahren entdeckt man die verlorene Kultur nun wieder. 2002 brachte die Sängerin Justyna Steczkowska eine CD mit jüdischen Liedern heraus, in Wlodawa wird beim Festival dreier Kulturen orthodoxer, katholischer und jüdischer Religion gleichermaßen gedacht. Touristen werden auf Schtetl-Touren durch das Land geführt, jüdische Viertel und Synagogen werden sorgsam restauriert.

Die zugewachsenen Friedhöfe sind das einzige Zeugnis

Scherenschnitt-Workshop im Rahmen des Festivals: "Kein Kind war so wie ich"
Pawel Mazur

Scherenschnitt-Workshop im Rahmen des Festivals: "Kein Kind war so wie ich"

"Bis ich 16 war hörte ich nie das Wort Jude", sagt Janusz Makuch. Von einem Professor seiner Heimatstadt Pulawy erfuhr er schließlich, dass dort einmal ein großer Teil der Bevölkerung jüdisch war. Als er für sein Philologiestudium nach Krakau kam, entdeckte er Kazimierz. Die deutschen Nazi-Schergen hatten das jüdische Leben dort so gut wie ausgelöscht, doch das Viertel mit den verwilderten Friedhöfen und den alten Synagogen hatte für ihn eine besondere Ausstrahlung. Weil seine Faszination für die jüdische Kultur immer mehr wuchs, entschloss er sich schließlich zur Gründung eines Festivals.

Mitten ins Interesse der breiten Öffentlichkeit rückte Kazimierz spätestens, als Steven Spielberg 1993 seine Scheinwerfer für "Schindlers Liste" auf das Viertel richtete. Seit Mitte der neunziger Jahre bekam ein Haus nach dem anderen einen neuen Anstrich, Bars und Restaurants zogen in die alten Häuser, "gefilte Fisch" wurde allerorts angeboten, ein jüdisches Kulturinstitut wurde gegründet.

"Ein bisschen sonderbar" findet Jürgen Hensel vom Jüdisch-Historischen Institut in Warschau den polnischen Umgang mit der jüdischen Kultur. Eine konsequente Aufarbeitung der Geschichte stehe nach wie vor aus, sagt der Historiker, der seit Ende der siebziger Jahre in Polen lebt.

Zwar retteten Tausende Polen jüdischen Mitbürgern während der Nazi-Besatzung das Leben - aus keiner anderen Nation wurden so viele Menschen in der israelischen Gedenkstätte Jad Vaschem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Gleichzeitig jedoch fanden in Polen Pogrome auch unter Beteiligung der Bevölkerung statt. Und 1968 zettelte das Regime eine antisemitische Kampagne an, im Laufe derer rund 20.000 Juden flüchteten. Die Diskussion solcher Ereignisse stocke noch immer, sagt Hensel. "Die Leute wissen einfach zu wenig." Zu lange sei die Vergangenheit verschwiegen worden. Ereignisse wie das jüdische Festival betrachtet Hensel kritisch. "Man versucht das jetzt auf die harmonisierende Tour", sagt er. Folklore statt Geschichte.

Kantor in der Krakauer Tempel-Synagoge: Jüdische Kultur liegt im Trend
Pawel Mazur

Kantor in der Krakauer Tempel-Synagoge: Jüdische Kultur liegt im Trend

Von der politischen Bühne ist der Antisemitismus in Polen heute weitgehend verschwunden. Der Vorsitzende der kleinen jüdischen Gemeinde in Krakau, Tadeusz Jakubowicz sagt: "In der letzten Zeit habe ich nichts Unangenehmes erlebt wegen meiner Herkunft."

Eine jüngst erschienene Studie der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) spricht von systematischen Verbesserungen beim Minderheitenschutz in Polen, auch wenn rassistische und besonders antisemitische Publikationen nach wie vor erhältlich seien. Gegen solche Erscheinungen gehen allerdings auch die Medien energisch vor: Im Mai brach in vielen Zeitungen ein Sturm der Empörung aus, als bekannt wurde, dass in Zielona Gora (Grünberg) die NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" gedruckt wurde.

Jerzy Kichler, der ehemalige Vorsitzende des Verbands der Jüdischen Gemeinden sagte außerdem im Zusammenhang mit der ECRI-Studie zur polnischen Presseagentur PAP, in Polen habe es in den letzten zwei Jahren keine größeren antisemitischen Angriffe gegeben.

Trotzdem scheinen auch in Polen antisemitische Einstellungen noch immer stark im kollektiven Bewusstsein verwurzelt zu sein, wie eine neue in zwölf europäischen Ländern erstellte Studie der Anti-Defamation League zeigte. 43 Prozent der 500 befragten Polen hielten es demnach beispielsweise für "wahrscheinlich richtig", dass Juden zuviel Macht in der internationalen Finanzwelt hätten. Nur in Spanien (54 Prozent) und Ungarn (55 Prozent) stimmten dieser Aussage mehr Menschen zu, in Deutschland waren es 24 Prozent. 52 Prozent der Polen glauben, dass Juden zuviel über den Holocaust redeten. In keinem anderen Land erhielt diese Aussage öfter die Antwort "wahrscheinlich wahr", auch wenn die Zustimmung zu dieser Frage überall relativ groß war. In Deutschland stimmen dieser Aussage 48 Prozent der Befragten zu.

Neuanfang nach der verlorenen Generation

Rund 25.000 Menschen jüdischen Glaubens zählt der Verband in der Jüdischen Gemeinden in Polen noch. Die jüdische Gemeinde in Krakau hat heute noch etwa 140 Mitglieder, der Altersdurchschnitt liegt bei 74. Fast alle Restaurants und Läden in Kazimierz werden von Nichtjuden betrieben, und trotz aller jüdischen Folklore gibt es nur in einem Hotel koschere Küche. "Wenn sie Judentum ohne Juden sehen wollen, kommen Sie nach Krakau", sagte der jüdische Schriftsteller Henryk Halkowski in der Vergangenheit immer wieder.

Festival-Konzert (2004): "Volle Straßen, und ich sehe trotzdem die Leere"
Wojciech Wasilewski

Festival-Konzert (2004): "Volle Straßen, und ich sehe trotzdem die Leere"

Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Jakubowicz, sieht das anders. "Das Kulturfestival hat dem Bezirk neues Leben geschenkt", sagt der 67-Jährige. Auch der Jugendclub "Czulent" will Kazimierz neues Leben schenken. Unter dem Namen des traditionellen Sabbatgerichts aus Bohnen und Fleisch fanden sich vor 18 Monaten zehn Studenten zusammen, um ihren jüdischen Wurzeln nachzuspüren. Viele hatten erst kurz zuvor erfahren, dass ihre Eltern oder ihre Großeltern jüdisch waren, oft durch Zufall: Viele Polen verschweigen ihre jüdische Herkunft nach wie vor.

Inzwischen hat der Verein 35 Mitglieder. Sie veranstalten Filmabende, laden Dozenten ein oder feiern zusammen Sabbat. Ein Drittel von ihnen geht regelmäßig in die Synagoge, fünf seien schon in der Gemeinde aufgenommen worden, sagt die Präsidentin des Clubs, Daniela Malec.

Als Kind habe sie mit dem Begriff "Jude" wenig anfangen können, so die 27-jährige Psychologiestudentin. Nur Witze habe sie ab und zu gehört und die Schmierereien registriert, die zuweilen an den Mauern auftauchten. "Aber ich kannte kein Kind, das so war wie ich." Die jüdische Gemeinde sei viel zu alt gewesen, um sich mit ihr zu identifizieren. Czulent - das soll für das Krakauer Judentum eine neue Chance sein.

Weder die Bemühungen von Festivalgründer Makuch, noch Zusammenschlüsse wie der "Czulent"-Club können die jüdische Kultur wieder dauerhaft in den polnischen Alltag integrieren, glaubt dagegen Historiker Jürgen Hensel. "Es geht nicht mehr", sagt er. Und auch Janusz Makusz sagt: "Ich sehe Tausende Menschen in den Straßen und gleichzeitig sehe ich die Leere. Wir können uns nur daran erinnern, was wir verloren haben."



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