Berliner Platzposse: Der Fromet-und-Moses-Kompromiss

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Jüdisches Museum in Berlin: "Hinter jedem erfolgreichen Mann steckt eine kluge Frau"

Nach zähem Ringen stimmten die Grünen in Berlin-Kreuzberg dem Namen für einen Platz vor dem Jüdischen Museum zu. Allerdings nicht, ohne dem geehrten Moses Mendelssohn seine Frau Fromet voranzustellen. Der Frauenquote für Straßennamen ist damit genüge getan, peinlich bleibt die Diskussion trotzdem.

Berlin - Es war ein schwerer Abend für Jana Borkamp. Bis zuletzt hatte die Fraktionssprecherin der Grünen im Berliner Bezirksparlament Friedrichshain-Kreuzberg für ihren Standpunkt gekämpft. Doch schließlich wollte sie nicht als Prinzipienreiterin dastehen. Kurz vor der Abstimmung hatte die Fraktion noch einmal um eine Auszeit gebeten, um sich intern zu einigen. Am Ende hatten sich die Pragmatiker durchgesetzt.

In dem Fall, über den am Mittwochabend abgestimmt wurde, könnte man von einer Kleinigkeit reden - wenn nicht die Erinnerung an eine hochverdiente Persönlichkeit im Spiel wäre. Es geht um den jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, der bis 1786 in der Stadt lebte. Nach Wunsch des Stiftungsrats des Jüdischen Museums hätte er als Namensgeber für ein kleines Plätzchen dienen sollen, das vor der neuen Akademie des Museums entstanden ist. Der Stiftungsrat hatte das Vorschlagsrecht reklamiert, weil das Museum der einzige Anrainer ist.

Die Kontrahenten im Bezirksparlament von Kreuzberg stimmten dem Vorschlag jetzt zumindest teilweise zu. Sie stellten Moses den Namen seiner Frau Fromet voran. Der Platz soll demnächst Fromet-und-Moses-Mendelssohn heißen.

Kampf für die Frauenquote

Vorausgegangen war der Einigung eine längere Debatte. Die Kreuzberger Grünen hatten sich gegen den Plan des Stiftungsrates gesperrt. Sie witterten die Gelegenheit, einem Beschluss der von ihnen dominierten Bezirksverordnetenversammlung aus dem Jahr 2005 zur Geltung zu verhelfen. Demnach müssen Straßen und Plätze in der Stadt zur Hälfte nach Frauen benannt werden. Bis die Quote erreicht ist, kommen für neue Taufaktionen deshalb nur noch weibliche Namen in Frage.

Im Prinzip ist gegen eine solche Frauenquote nichts einzuwenden. Schließlich tragen nicht nur in Berlin nur wenige Straßen und Plätze die Namen weiblicher Persönlichkeiten. Doch in diesem Fall legen die Verhältnisse eine besondere Sensibilität nahe. Mit Mendelssohn wollte das Museum einen jüdischen Intellektuellen ehren, der nicht nur als Wegbereiter der Aufklärung gilt, sondern auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die gesamte jüdische Kultur in Deutschland hatte.

Kompromiss birgt Weisheit

Die Grünen jedoch hatten sich im Vorfeld prinzipientreu gezeigt. Die Wahl von Mendelssohn als Namensgeber sei genderpolitisch mehr als fragwürdig, hieß es bei den Kreuzbergern. Es könne schließlich nicht sein, dass es keine angemessene weibliche Persönlichkeit gebe. Als Alternative fiel ihnen Rahel Varnhagen ein, die einst dem jüdischen Glauben abschwor und zum Christentum übertrat. Der CDU-Politiker Timur Husein lästerte prompt, dann könne man die Straße vor der Grünen-Geschäftsstelle auch nach Otto Schily benennen, der die Ökopartei damals im Streit verlassen hatte. Husein sorgt damit für die wenigen Lacher während der ansonsten eher ernsten Debatte an diesem Abend.

Die verbissene Prinzipienreiterei der Bezirksgrünen hatte zeitweise sogar bundesweit für Aufsehen gesorgt. Der Historiker Götz Aly, der neben Kulturstaatsminister Bernd Naumann und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka zum Stiftungsrat gehört, hatte sie als "provinzielle Engherzigkeit" kritisiert. Die Grünen in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg würden sich als antiurban und geistig eingleisig erweisen.

Auch mit der eigenen Inkonsequenz wurden die Grünen konfrontiert. Gleich in zwei Fällen haben sie das Prinzip weiblicher Namensgebung in jüngster Zeit durchbrochen. So kam der Studentenführer Rudi Dutschke ebenso zu Ehren wie der ehemalige Hausbesetzer Silvio Meier.

Nun lautet der Beschluss also Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz. Da könne man auch gleich den Willy-Brandt-Flughafen Rut-und-Brigitte-Seebacher-und Willy-Brandt-Flughafen-Berlin-Brandenburg nennen, lästerte Götz Aly in der "Berliner Zeitung", nachdem erste Gerüchte über diese Variante aufgekommen waren. Für CDU-Politiker Husein birgt der Kompromiss indes viel Weisheit. Fromet war schließlich eine hoch gebildete Frau, die aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie stammte und ihrem Mann zeitlebens den Rücken freihielt. "Ich glaube fest daran, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine kluge Frau steckt".

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