Jüdisches Theater in New York Das Drama mit dem Antisemitismus

Bei Antisemitismus hört der Spaß auf - auch für die polnische Regierung. Sie fühlt sich von "The Last Jew in Europe", dem neuen Stück des New Yorker Theaterchefs Tuvia Tenenbom, verunglimpft. Der kann über die Vorwürfe nur lachen.

Von Sebastian Moll, New York


Tuvia Tenenbom sagt, er sei erschrocken, als ihm vor drei Wochen ein wütender Brief von der polnischen Botschaft in Washington auf den Schreibtisch flatterte. Doch so ganz mag man es dem Mann nicht abnehmen, dass ihn eine Konfrontation mit der internationalen Diplomatie aus der Fassung bringt. Im Gegenteil - der Intendant des Jewish Theater of New York dürfte sich insgeheim gefreut haben, dass er es geschafft hat, den ganzen Staat Polen zu provozieren.



Schließlich ist Provokation das Markenzeichen von Tenenbom. So drehte sich eines seiner letzten Stücke um einen vom Mossad beauftragten Selbstmordattentäter, der durch einen Anschlag an der Klagemauer der israelischen Regierung einen Vorwand für den finalen Schlag gegen Palästina liefern soll. "Eine Inszenierung, die es schafft, wirklich jeden vor den Kopf zu stoßen", kommentierte die "New York Times".

Jetzt reichte Tenenbom sogar schon die Ankündigung seines neuen, am Sonntag offiziell in New York eröffnenden Werks "The Last Jew in Europe" (Der letzte Jude von Europa), um sich Feinde zu schaffen. Das Stück sei "rassistisch" beschwerte sich Piotr Erenfeicht, Pressesprecher der polnischen Botschaft, und ziehe ungerechtfertigt den Zorn der Juden in Amerika, ja den Zorn aller Amerikaner auf das moderne Polen.

Grund für Erenfeichts Rage war eine Presseerklärung Tenenboms, in der er die Entstehung des Stückes geschildert hatte. Tenenbom, der als Sohn eines Rabbiners im ultra-orthodoxen Mea Sharim-Distrikt von Jerusalem aufgewachsen ist, war vor zwei Jahren erstmals in das Heimatland seiner von den Nazis ermordeten Vorfahren gereist. Seine Erlebnisse dort hatten ihn schockiert. Überall waren ihm judenfeindliche Schmierereien an Hauswänden ins Auge gesprungen; inkognito geführte Gespräche hinterließen bei ihm den Eindruck eines ebenso weit verbreiteten wie "tief sitzenden, primitiven Antisemitismus".

Entsprechend fand Tenenbom, dass Erenfeicht mit seiner Beschwerde die Dinge auf den Kopf stelle. "Es ist äußerst verstörend, dass Sie unseren Ruf nach Gerechtigkeit als Akt des Rassismus bezeichnen", schrieb Tenenbom in seiner Replik nach Washington. Wenn es der polnischen Regierung darum zu tun sei, etwas für ihr Image zu tun, dann würde sie nicht auf einer amerikanischen Theater-Kompanie herum hacken, sondern dafür sorgen, dass offener Antisemitismus in Polen unterbunden wird.

"Endlich erwachsen werden"

Tenenbom hörte zunächst nichts mehr aus Washington. Zur ersten öffentlichen Probe des Stücks am vergangenen Montag erschien jedoch der polnische Generalkonsul in New York, Krzystof Kasprzyk in dem kleinen Theatersaal an der traditionell jüdischen, liberalen Upper West Side. Ohnehin von Amts wegen zur Skepsis verpflichtet, sah Kasprsyk seine Befürchtung anti-polnischer Propaganda bestätigt. Das Stück spielt im zeitgenössischen Polen und dreht sich um einen Juden, der eine polnische Katholikin heiraten möchte. Der junge Mann traut sich jedoch nicht, seiner Braut seine jüdische Herkunft zu verraten – eine Geschichte, die Tenenbom selbst erlebt haben soll.

Damit kommt eine zweite Zielscheibe ins Spiel: ein von Tenenbom diagnostizierter Hang der Juden zur Selbstverleugnung. Wenn der Theatermacher von seiner Begegnung mit dem polnischen Ober-Rabbiner erzählt, der Polen als tolerantestes europäisches Land bezeichnet, wird er wütend: "Es ist etwas in der jüdischen Mentalität, die uns daran hindert zu kämpfen, wenn es darauf ankommt", sagt Tenenbom. "Wenn ich nicht selbst Jude wäre, könnte ich deshalb manchmal zum Antisemiten werden."

In "The Last Jew" wird das Versteckspiel des Bräutigams zum Motor einer absurden Verwechslungskomödie, in deren Verlauf die religiöse Identität der handelnden Personen so häufig wechselt, dass man als Zuschauer Mühe hat zu folgen. Katalysator dieser Verwandlungen ist ein mormonischer Missionar, den seine Kirche mit der Macht ausgestattet hat, die Seelen toter Juden postum zu taufen und somit ihr Judentum und das ihrer Nachkommen ungeschehen zu machen. Am Ende sind die Katholiken Juden, die Juden sind Mormonen und wie sich heraus stellt, zugleich die Nachkommen deutscher Nazis.

Das gesamte Maskenspiel war für Kaspryzk allerdings ein wenig zu verwirrend. Dass der Vater des Bräutigams sich sowohl als Pole als auch als Nazi entpuppt, bekam der Konsul noch mit und echauffierte sich darüber in einer hitzigen Diskussion mit Tenenbom im Anschluss der Probe. Dass dieselbe Figur auch noch ein Jude ist, der sein Judentum verleugnet, entging Kaspryzk jedoch. Als Tenenbom den Konsul darauf hinwies, wusste der Gesandte nur noch konsterniert zu erwidern, dass es dem jüdischen Regisseur wohl gelungen sei, "eine Debatte zu stimulieren" und zum Nachdenken anzuregen.

Das ist das Mindeste, was Tenenbom mit seinem Stück bewirken wollte. Zufrieden sei er jedoch erst, so der Intendant, wenn er bei seinem nächsten Besuch in Lodz keine antisemitischen Graffiti mehr vorfinde. "Mir geht es darum, dass wir alle endlich erwachsen werden", sagt er bei einem Gespräch in seinem Büro, das eigentlich eine umgewandelte Suite in einem Touristenhotel gegenüber des Madison Square Garden ist.

Jude, Pole, Deutscher, Palästinenser, all das sind für Tenenbom mehr oder weniger bedeutungslose Schubladen, die es gilt, zugunsten einer allgemeinen Humanität hinter sich zu lassen. Es ist ein romantischer Traum, dessen Realisierung Tenenbom verfolgt , seitdem er mit 17 aus der Enge des vom Talmud reglementierten Alltag in Mea Scharim ausgebüchst ist, um in New York die Freiheit zu finden.

Und für diesen Traum legt er sich schon mal mit der polnischen Regierung an.



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