Jugendmagazine Neues Springer-Blatt fordert Platzhirsch "Bravo" heraus

Die kränkelnde "Bravo", seit 44 Jahren für Pickel, Petting und Pop zuständig, muss sich jetzt auf härtere Zeiten einstellen. In einem Monat bringt der Axel-Springer-Verlag eine neue Jugendzeitschrift an den Kiosk.

Von Anna Rupp


"Bravo": "Dr. Sommer hat Status"
GMS

"Bravo": "Dr. Sommer hat Status"

Das Jugendmagazin "Bravo" durchlebt schwere Zeiten: In den letzten vier Jahren hat das Schreckgespenst einer gesamten Elterngeneration fast die Hälfte seiner Leser verloren - weniger als 700.000 Teenager kaufen heute noch die "Bravo". Damit nicht genug: Jetzt gehen auch die Redakteure. Zum Teil gar zur Konkurrenz. Vier Redakteure haben den Bauer-Verlag, der neben "Bravo" auch "Playboy" und "Neue Revue" herausgibt, inzwischen verlassen, um demnächst in der Teenager-Abteilung des Axel-Springer-Verlags in München weiter zu schreiben.

Dort, im Springer-Ableger "Young Mediahouse", wird ein Jugendmagazin unter dem Arbeitstitel "Pop" vorbereitet, das ab dem 13. September erscheinen soll. Verantwortlich für das Projekt sind Gerald Büchelmaier, bis vor zwei Jahren noch Chef bei "Bravo", und Claus-Dieter Grabner, der "versierteste Poponkel im Verlagsgeschäft" (SPIEGEL), der seinen Posten als für "Bravo" zuständiger Geschäftsführer beim Bauer-Verlag aufgegeben hat und jetzt Chef für Publikumszeitschriften bei Springer ist.

Das neue Magazin, weiß die "Süddeutsche Zeitung" zu berichten, soll Themenbereiche aufgreifen, die "Bravo" nicht abdeckt: Internet, Jobsuche und Telekommunikation. Jedoch, so eine Pressesprecherin des Springer-Verlags, sei "Pop" nicht als "Anti-Bravo" konzipiert. Es gebe noch Freiraum auf dem Markt der Jugendmagazine, auch wenn "Bravo" immer noch der "Platzhirsch" sei. Die neue Zeitschrift, für die Namen wie "Scoop" oder Fab!" im Gespräch waren, wolle den "Bedürfnissen und Anforderungen der jungen Leser entsprechen". Wie das funktionieren soll, wird demnächst erklärt.

Cover des Kultblatts leidet unter "Starmangel"

Cover des Kultblatts leidet unter "Starmangel"

Die "Bravo" nennt den Mangel an "echten Stars" und die wachsende Bedeutung von Internet und Fernsehen als Gründe für die nachlassenden Leserzahlen. Außerdem gibt man zu, als Monopolist einfach zu wenig getan zu haben. "Wir saßen im Sessel, haben keinerlei Aggressivität gezeigt", meint "Bravo"-Sprecher Horst Müller. Deshalb gerät das Münchner Magazin nun unter Druck. In einer ersten Reaktion soll das Themenspektrum des Hefts erweitert werden: Handys, Internet und Kommunikation. Das Konzept ähnelt - wen wundert's - sehr dem von "Pop". Außerdem, erklärt Müller, sollen in den Foto-Love-Storys verstärkt Promis auftauchen. Der Heftumfang soll auf achtzig Seiten ausgedehnt werden. Von dem Erfolg der Neuerungen zeigt sich Müller überzeugt. Ein soeben neu gestarteter Comicstrip stoße auf "sehr gute Resonanz".

Das Geschäft ist schwieriger geworden für die "Generalisten" unter den Teenager-Zeitschriften. Jugendliche bleiben nicht mehr "ihrer" Lieblingszeitschrift treu, sondern kaufen sich heute eine Computerzeitschrift, morgen ein Techno-Magazin und in der nächsten Woche das Begleitheft zur Serie "Big Brother".

Paradox erscheint es da, dass Psychologen ausgerechnet heute, nach Jahrzehnten der Ablehnung, Jugendmagazine plötzlich für unverzichtbar halten. Entwicklungspsychologin Christiane Papastefanou hält die Teenie-Blätter für "enorm wichtig in der Zeit des Heranwachsens", sie seien "ein einzigartiges Forum, in dem Jugendliche ihre Anliegen diskutieren können". Einzigartig deshalb, weil die Eltern, in der Wahrnehmung der Kinder sowieso "asexuelle Wesen", keine Ansprechpartner in Sachen Selbstbefriedigung oder Angst vor dem "ersten Mal" seien. "Jugendzeitschriften wie die 'Bravo' gehören zum Erwachsenwerden einfach dazu", meint auch Marktforscher Ingo Barlovic.

Für "Bravo"-Sprecher Müller ist das keine neue Erkenntnis. "'Bravo' hilft Jugendlichen seit 40 Jahren beim Erwachsenwerden", meint er, "auch wenn das bisher nicht die Gnade der Pädagogen und Psychologen gefunden hat". Das Dr.-Sommer-Team habe einen ernst zu nehmenden Status - sowohl bei Jugendlichen als auch bei allen, die etwas über die Probleme von Jugendlichen wissen wollen. Konsequenz: In der modernisierten Bravo wird die Problemecke einen noch "markanteren Auftritt erhalten" - ein Block von fünf Seiten ist geplant.



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