Jungdramatikerin Anja Hilling Picknick, Tod und Teufel

Neue Chance, neues Glück? Die Uraufführung von Anja Hillings Text "Schwarzes Tier Traurigkeit" ging ziemlich daneben, nun nimmt ein anderes Theater einen neuen Anlauf. Aus dem Stück über einen Waldbrand und seine dramatischen Folgen sollte sich etwas machen lassen.


Es gibt eine Regel im Theaterbetrieb, die lautet: Wenn ein Stück bei der Uraufführung durchfällt, hat es nie wieder eine Chance. Junge Autoren beklagen das oft, und die Verantwortung, die deshalb auf den Uraufführungs-Regisseuren lastet, tut ihrer Inszenierung nicht immer gut.

Zum Glück gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen - nicht nur aus der guten alten Zeit (sonst wäre Tschechows "Möwe" heute kein Klassiker), sondern auch in der Gegenwart. Das Drama "Schwarzes Tier Traurigkeit" der inzwischen 35 Jahre alten Autorin Anja Hilling ist so eine Ausnahme. Als das Auftragswerk für das Staatstheater Hannover dort im Oktober 2007 uraufgeführt wurde, waren die Kritiker wenig begeistert, obwohl sie die Grundlage der Inszenierung als "schönes, trauriges, nachtschwarzes Stück" ("Süddeutsche Zeitung") beschrieben.

Eigentlich wär's das gewesen, zumal die Autorin sich gerade in einer schwierigen Phase ihrer Karriere befand: Nach einem rasanten Aufstieg (unter anderem war sie 2005 bei der Umfrage der Fachzeitschrift "Theater heute" zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt worden) galt es, sich oben zu behaupten. Die Maßstäbe wurden strenger in dieser Liga, die Aufmerksamkeit ließ nach zugunsten immer neuer Talente.

Es wurde also etwas stiller um Anja Hilling, aber sie schrieb weiter, ihr Zukunftsstück "Nostalgie 2175" wurde 2008 erfolgreich in Hamburg uraufgeführt. Und plötzlich begann das zweite Leben von "Schwarzes Tier Traurigkeit": Erst spielte das immer für neue Texte begeisterte Wiener Schauspielhaus das Stück nach, dann kam es in Schwerin heraus, in Köln, in Zürich.

Das zweite Leben des "Schwarzen Tiers"

Nun ist es in Berlin angekommen: Jorinde Dröse, 34, eine Regisseurin, die auch dem düstersten Stoff noch eine gewisse Farbigkeit abgewinnen kann, ohne ihn zu veralbern, nimmt sich des "Schwarzen Tiers" an. Premiere ist am 6. Juni auf der kleineren Bühne des Deutschen Theaters, in den Kammerspielen.

Vielleicht kann Dröses Sicht auf das Stück ja seine Qualitäten offenbaren, die vor allem in der kunstvoll reduzierten Sprache, den Zwischentönen in den Dialogen und dem Mut zur Katastrophe liegen.

Hilling erzählt von einem Picknick im Wald, von vier Männern, zwei Frauen und einem Baby, einer Clique etablierter großstädtischer Kunst- und Kommunikationsmenschen zwischen 30 und 40. Die Stimmung ist gut, zumindest an der Oberfläche, man gibt sich lockerer, als man ist. Dann legen sich alle zum Schlafen im Freien hin. Das ist der erste Teil des Stücks: "Das Fest".

In der Nacht bricht im Wald ein Feuer aus, vermutlich aus Unachtsamkeit von den Freunden selbst verursacht. Zwei von ihnen kommen ums Leben: "Das Feuer" heißt Teil zwei.

Im dritten und letzten Teil, "Die Stadt", beschreibt Anja Hilling, wie sehr dieses Ereignis die Überlebenden beschädigt hat, körperlich wie seelisch, und es wird klar: Das ist die eigentliche Katastrophe. Ziemlich drastisch führt die Autorin uns vor Augen, wie brüchig unser Dasein ist, in dem mancher es schon für eine Katastrophe hält, wenn das Haltbarkeitsdatum der Grillwürstchen überschritten ist.

Ein moralisches Stück also? Natürlich. Kann aber sein, dass einem das bei Jorinde Dröse erst auf den zweiten Blick auffällt.


Schwarzes Tier Traurigkeit. Premiere am 6.6. in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Auch am 11., 16., 25. und 27.6., Tel. 030/28 44 12 25.



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Arion's Voice, 05.06.2010
1. Tolles Stück
Zitat von sysopNeue Chance, neues Glück? Die Uraufführung von Anja Hillings Text "Schwarzes Tier Traurigkeit" ging ziemlich daneben, nun nimmt ein anderes Theater einen neuen Anlauf. Aus dem Stück über einen Waldbrand und seine dramatischen Folgen sollte sich was machen lassen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,698573,00.html
Mehr Info, mehr Info, mehr Bilder. Diese Ankündigungen über Theaterinszenierungen sind leider oft sehr nichtssagend. Das Stück kenne ich, ich habe es gelesen. Was mich bei dieser Ankündigung interessiert: Wie ist die Inszenierung?
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