Neues Schmuckdesign: Ich krieg den Hals voll

Von Anna Kohn

Mit Autolack bepinselt und mit Fell verziert, Steinkohle statt Juwelen, Blech statt Silber: Junge Schmuckdesigner setzen nicht auf teure Materialien, sondern auf neue Ideen, wie der Bildband "A Girl's Best Friends" zeigt. Manchmal wächst einer Frau dann sogar Moos um den Finger.

Aktuelles Schmuckdesign: Coole Klunker Fotos
gestalten/ Hanna Hedmans

Die Modewelt nennt die Dinger statement necklaces. Meist sind sie groß, bunt, und dahinter gibt es kein Verstecken mehr. Jede Perle schreit: Schau mich an! Jetzt! Sofort! Selbst wenn er mit biederer Bluse und Oma-Strickweste kombiniert wird, verleiht so ein Klunker um den Hals sogar einer braven Buchhalterin aus Bottrop einen Hauch von Hollywood - oder doch zumindest einen Hauch von hippem Berlin.

"Ethnic - Part IV, Nummer 1" ist so ein statement necklace: groß, gelb, geometrisch. Aus Blech hat das niederländische Label Noon Passama eine traditionelle afrikanische Halskette nachgefertigt, mit Fell verziert und mit Autofarbe leuchtend gelb angepinselt. Von der ursprünglichen Kette bleibt so nur die Form erhalten. Die wirkt zwar immer noch irgendwie bekannt, etwa so als hätte man sie im letzten Sahara-Urlaub gesehen, gleichzeitig jedoch auch fremd.

Die autolackgelbe Halskette ist nur eines von vielen Beispielen dieser Kunstform, die das Buch "A Girl's Best Friends" versammelt. Mit großformatigen Fotos will der Bildband aktuelle Entwicklungen des zeitgenössischen Schmuckdesigns aufzeigen - ein Anspruch, der auf nur 240 Seiten fast zwangsläufig zu einem Reigen verschiedenster Stile, Formen und Materialien führt. Doch eins eint alle Exponate der laut Herausgeber "eklektischen Auswahl": Bei den Stücken geht es vorrangig um die Idee und um die Fertigung - nicht darum, wie wertvoll das Material ist.

Sehnsucht nach dem Ursprünglichen

Hinter "Ethnic - Part IV" steckt eine Idee, die auch Marcel Duchamp, den Vater der Konzeptkunst, erfreut hätte. Noon Passama hat zusammen mit dem Modedesigner Ek Thongprasert Ketten indigener Völker aus Blech nachgeformt, genauso wie die Kronjuwelen westlicher Königshäuser - allerdings ohne Gold und Edelsteine - und mit Fell bezogen.

Perlenschmuck mit zackigen Indianer-Mustern oder Ketten, die Massai-Schmuck imitieren - in "A Girl's Best Friends" zeichnet sich vor allem ein Trend deutlich ab: Ethno. Dabei wird auch die europäische Folklore gern zitiert: Eine Reihe kleiner Pompons, und schon erinnert der Halsschmuck an eine Schwarzwald-Tracht.

Am schönsten gelingt die Verbindung zwischen Moderne und Tradition beim New Yorker Label Brevity Design. Deren schlichte Kreationen sind aus neongelbem und -blauem Acryl, zierliche Plastikanhänger an Silberketten. Die geometrischen Formen haben dennoch wenig mit Disco zu tun: Sie beruhen auf Symbolen der nordamerikanischen Indianer für Naturobjekte wie Berg, Ozean, Hufeisen oder Vogel. Schmuckstücke mit Bedeutung, dabei aber durchaus alltagstauglich. Statement necklaces für Einsteiger sozusagen.

Gartenkunst für den Ringfinger

Wo Brevity Design die Zeichensprache der Indianer zitiert, macht der Amsterdamer Evert Nijland das Gleiche mit dem Rokoko. Seine Kette besteht aus zarten Porzellanästen mit Knospen und Blüten in Pastelltönen, die auf einer Leinenschnur aufgefädelt wurden. Schon die Andeutung von Grün und Altrosa auf Weiß reicht, um Assoziationen an Marie Antoinette im Garten von Schloss Versailles zu wecken. Nijland ist aber beileibe nicht der einzige Designer, der die Natur zur Inspiration nutzt. So imitieren einige Broschen Korallen oder seltene Blüten - zarte Gebilde aus Nylon und Silber.

Andere Schmuckstücke stellen den Bezug zur Natur unmittelbar her - etwa mit einem Anhänger aus Schwamm oder Kohle. Letztere wird in diesem Fall gar umweltschonend mit einem Verfahren gewonnen, das kein CO2 entweichen lässt. Oder die growing jewelry: Auf dem Silberring ist ein kleines Stück Moos installiert. Bei guter Pflege kann das bis zu zwölf Monaten halten, verspricht der Designer - Gartenkunst für den Ringfinger.

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