Salzburger Festspiele Ein Mädchen unter Männern

Bauerntochter und Nationalheilige: Jeanne d'Arc kämpfte für Frankreich und starb auf dem Scheiterhaufen. Ihr Schicksal inspirierte Friedrich Schiller zur "Jungfrau von Orleans". Nun inszeniert Michael Thalheimer das Drama in Salzburg - und hadert mit der Hauptfigur.

Arno Declair

Ein Mädchen in eiserner Rüstung, im Kampf für Frankreich und die Sache Gottes: Es wundert nicht, dass Jeanne d'Arc die europäischen Schriftsteller seit jeher inspirierte. Auch Friedrich Schiller, der ihrem Schicksal das Drama "Die Jungfrau von Orleans" widmete. Das selbstbestimmte Leben eines Mädchens in einer männlich dominierten Welt: zu Schillers Zeiten noch ein Tabubruch. Die historische Figur der Johanna zog in den Hundertjährigen Krieg, mit 19 Jahren wurde sie als Ketzerin verbrannt. Schiller interessierte die Frage nach dem Adoleszenzprozess der Bauerntochter. Im Gefecht verliebt sie sich in den feindlichen britischen Anführer Lionel, ist fortan zerrissen zwischen der heiligen nationalen Pflicht und ihrem persönlichen Wollen.

Eine Co-Produktion des Deutschen Theaters Berlin und der Salzburger Festspiele bringt Schillers "romantische Tragödie" von 1801 nun auf die Bühne, unter der Regie von Michael Thalheimer. "Eine Frage hat uns besonders interessiert", sagt Sonja Anders, die Dramaturgin der Inszenierung. "Wie ist das, wenn sich eine Person so ins Außenseitertum begeben muss wie Johanna?" Thalheimer trage gerne Glaubensfragen in Stoffe hinein, in denen man sie nicht vermutet. Nicht jedoch im Fall der "Jungfrau von Orleans", wo sich ein solcher Zugriff angeboten hätte. "Ziemlich früh hat er gesagt, dass es ihn wenig interessiert, irgendeine Form von Glauben durchzuexerzieren."

Stattdessen las sich Thalheimer gründlich in die Literatur ein, die Anders ihm zusammengestellt hatte. Darin: viel Material zur Französischen Revolution. Schiller hatte seine "Jungfrau" als Reaktion auf die Geschehnisse von 1789 und die Folgejahre geschrieben. Nationalstolz und Enthusiasmus treiben die Figur der Johanna an, so wurde das Stück als Beitrag zum Umsturz gelesen. Schiller unterstützte die Revolution im Nachbarland, nicht nur in seiner frühen Phase als "Stürmer und Dränger". Doch dann begann "la Terreur", die Schreckensherrschaft der Revolutionäre, samt Verrat und Hinrichtungen. Für den Humanisten Friedrich Schiller bedeutete diese Entwicklung ein moralisches Dilemma, so Anders: "Er steckte in einem Zwiespalt, als er das Stück schrieb: Gewalt ja, aber bitte kein Blutvergießen!"

Die Jungfrau sei eine Hauptfigur, mit der man lange Zeit hadert, gibt Sonja Anders zu. Sie wirke absolut, hart und abgeklärt. Erst durch ihr Lieben gewinne sie Nahbarkeit. Auch Thalheimer gestand jüngst in einem Interview, dass ihm der Zugang zu einem Stück und einer Protagonistin selten zuvor derart schwergefallen sei.

Ein völlig verrücktes Kind

Das Bühnenbild von Olaf Altmann ist eine überdimensionierte Höhle, ein "Angstraum", wie die Dramaturgin sagt. Zentral dabei: ein schmaler Lichtkegel, der durch eine Öffnung in der Decke fällt. Kathleen Morgeneyer, Jahrgang 1977, muss sich als Johanna diesem Angstraum stellen. Sie passe perfekt in die Rolle, beteuern Regisseur und Dramaturgin einmütig. "Auf der Bühne ist sie ein Kind", sagt Anders. "Ein völlig verrücktes Kind, vor dem man Angst haben kann."

Das Ende des Glaubens an grenzenloses Wachstum findet im Bühnenbild seinen Ausdruck, meint Anders. "Der Ignoranz und dem Gutmenschentum frönen, ohne den Verstand einzusetzen, wie Johannas Antipode Karl VII. es im Stück tut - das reicht nicht", sagt sie und spricht vom "Rückzug in ein Wohlstandsgeplänkel". Die Szenerie eines abgeschlossenen Einheitsraums, der verkapselten Welt: Sie dient als Metapher für ein Leben ohne das Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung. Wie sehr kann man ein Bühnenbild begrenzen und die Darsteller damit in eine Spielnot bringen? Diese Frage habe Thalheimer und Altmann beschäftigt, sagt Dramaturgin Anders.

Von Michael Thalheimer spricht sie als einem "disziplinierten Arbeiter". Vor allem aber als einem Regisseur, der neugieriger und offener seinem Team gegenübertritt als die meisten seiner Kollegen. "Aus seiner Souveränität heraus hat er kein Problem damit, mich auch vor den Schauspielern mal nach meiner Meinung zu fragen", sagt Anders. "Das hat man nicht oft."

An diesem Sonntag feiert "Die Jungfrau von Orleans" ihre Premiere in Salzburg. Sonja Anders ist zum vierten Mal während der Festspiele dort. Fremd habe sie sich gefühlt, schwer sei es ihr gefallen, konzentriert zu arbeiten. "Die ganze Stadt strahlt eine große Sensationslüsternheit aus", sagt die Dramaturgin, "sie ist hochkünstlich, ein einziges Disneyland". Ungewohnt für sie, die die Ruhe am Deutschen Theater schätzt. Bald schon darf Anders zurück in die Wahlheimat, ab September wird Thalheimers Inszenierung in Berlin aufgeführt.


Die Jungfrau von Orleans. 28.7.-7.8. jeweils um 19.30 Uhr im Rahmen der Salzburger Festspiele am Landestheater.



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Seite 1
hfftl 24.07.2013
1. .
Wo ist der Gehalt, der einen eigenen Artikel rechtfertigt? Dass ein Regisseur (wenn er denn seriös und von wünschenswerter Arbeitsethik geleitet ist) beim Zugang zum Stück und dessen Figuren Hürden zu überwinden hat, ist völlig normal, gilt für so ziemlich jedes Werk und kommt an Hunderten von Theatern vor. Zur eigentlichen Inszenierung erfährt man doch recht wenig, zu einer Kritik fehlt jegliche Beurteilung, für einen Werkstattbericht ist das Ganze zu knapp und oberflächlich - also was soll's?
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