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"Jungfrau von Orléans"-Premiere: Gott vergibt, Johanna nie

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Fotostrecke: Blut und Tränen für den heiligen Krieg Fotos
Matthias Horn

Im Hamburger Schauspielhaus spielt die junge Schauspielerin Anne Müller eine erbarmungslose "Jungfrau von Orléans" - in einem Stück, das teilweise von Friedrich Schiller stammt, in wichtigen Passagen aber vom Regisseur Tilmann Köhler und seinen Helfern neu gemixt wurde.

In der deutlichsten Szene dieses insgesamt verblüffend leicht zu begreifenden Theaterabends betätigt sich eine starke junge Frau als Kopfabschneiderin. Die Schauspielerin Anne Müller hat sehr bleiche Haut und einen muskulösen Körper, hellblaue Augen und verwuschelte blonde Haare, lange Knochen und große Hände - und weil sie die vom lieben Gott zum Kämpfen geschickte Johanna von Orléans spielt, blickt sie oft zum Bühnenhimmel ins grelle Scheinwerferlicht. "Furchtbar ist deine Rede, doch dein Blick ist sanft", behauptet der Engländer Montgomery, gespielt von dem sanftäugigen Darsteller Alexander Angeletta, als er von dieser blonden Johanna auf dem Schlachtfeld geschnappt wird. Plötzlich aber holt die Frau ein Kampfmesser unterm blutbefleckten weißen Hemd hervor und ritzt dem Feind die Kehle durch.

Handelt es sich hier wirklich um Friedrich Schillers "Die Jungfrau von Orléans", uraufgeführt im Jahr 1801? Das Stück erzähle von einem sehr aktuellen "heiligen Krieg", behauptet das Programmheft des Hamburger Schauspielhauses. Kennzeichen solcher Kriege sei es, dass man die Gegner als "Ungläubige, Verbrecher, Erzfeinde oder Teufel aus dem Reich des Bösen" diffamiere. Dazu sind viele Zitate abgedruckt, unter anderem aus der legendär hasserfüllten "Hunnenrede" des deutschen Kaisers Wilhelm II., gehalten im Jahr 1900, aus einer berühmten Churchill-Kriegsansprache von 1940 und aus der Irakkriegslügenpropaganda von 1990. Genau diese Texte werden auch auf der Bühne von diversen Herren in Anzügen rezitiert. Man merkt schon: Der Regisseur Tilmann Köhler und sein Dramaturg Jörg Bochow gehen hier mit starken belehrenden Absichten ans Werk.

Der Bühnenbildner Karoly Risz hat ihnen dafür eine wunderschön illuminierte Schlachtschüssel gebaut. Hoch oben über dem Arena-Halbrund, das nach Art einer Halfpipe für Skater gebaut ist, deklamieren mächtige Herren in Anzügen ihre Einpeitschertexte, während auf dem Schüsselboden das Hirtenmädchen Johanna lagert und seine Berufung zur Gotteskriegerin vom Himmel empfängt. Im Zuschauersaal, gleich vorn an der Bühnenrampe, spaziert bald der beleibte Schauspieler Josef Ostendorf herbei. Er spielt Johannas Vater, trägt ein selbstgemaltes Protestplakat, sagt "Mitten in Frankreich steht der Feind" und labert bald was von "Lügenpresse". Das gottgesandte Supergirl Jeanne d'Arc ist hier das Kind eines Pegida-Hasspredigers.

Eine Weile ist es durchaus vergnüglich, diesen Aktualisierungseinfällen zuzuschauen. Der Regisseur Köhler, ein Mann Mitte 30, hat als Hausregisseur in Weimar und Dresden gearbeitet. Mit seiner Dresdner Inszenierung von Bertolt Brechts Kapitalismus-Lehrstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" hatte er vor ein paar Jahren einen preisgekrönten Hit. Er erzählt nun auch die Geschichte von Schillers "Jungfrau" als beinahe brechtische Fabel mit sehr viel Moral. Wir sehen der Johanna-Darstellerin Müller dabei zu, wie sie den zaudernden Franzosenkönig Karl (Paul Herwig) zum Krieg-Führen überredet; wie sie in Armeemantel, Männerhemd und schwarzer Hose aufs Schlachtfeld zieht; und wie sie nach dem Sieg von lauter geilen Männern umringt wird, natürlich allen Gelüsten abhold. "Eine reine Jungfrau vollbringt jedwedes Herrliche auf Erden, wenn sie der ird'schen Liebe widersteht", heißt ein Schillerscher Kernsatz, der auch hier zu hören ist.

In eindreiviertel Stunden ist Köhler mit dem Drama durch. Mit seiner Heldin, die "ihr Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnet" hat, ist er leider noch schneller fertig. Er lässt die Schlachtschüssel blutrot, azurblau und golden leuchten, er lässt die Männer brüllen und säfteln, aber die Heldin bleibt ein nie ernsthaft zauderndes, wild entschlossenes, unerbittlich die Faust reckendes Monstrum: Gott mag vergeben (und vermutlich sogar manchmal an seinen Geschöpfen verzweifeln), diese Johanna nie.

Tilmann Köhler ist ein Regisseur des klaren Zugriffs. Das ist sein Vorzug und hier sein Problem. Es gibt ein paar gute Gründe, den deutschen Klassiker Friedrich Schiller nicht besonders zu mögen. Wegen seiner Großmäuligkeit zum Beispiel, oder wegen der idealistischen Indifferenz, mit der er in der "Jungfrau von Orléans" von der Errichtung einer neuen Weltordnung erzählt. Bei Schiller siegt Johanna, indem sie erneut in die Schlacht zieht und sich opfert für ein nun angeblich von höheren Werten gelenktes Regime, in dem Gerechtigkeit herrscht, in dem die Schwachen beschützt werden. Bei Köhler ist Johanna eine Verblendete, eine Selbstmordattentäterin. Können wir trauern um diese Frau, die sich für "die Kriegerin des höchsten Gottes" hält und dabei viel Blut und manche Träne vergießt? Eher nicht. Tut man Friedrich Schiller Unrecht, wenn man ihn zu einem Godfather des Gotteskriegerdramas stilisiert? Höchstwahrscheinlich doch.

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