Kabarett im ZDF: Aufstand der Alten

Von Peter Luley

"Mit den Dritten beißt man besser": Geradezu offensiv geht das ZDF, oft als Kukident-Sender verspottet, das Thema Alter an. Nach der Doku-Fiction "Aufstand der Alten" startete gestern die Kabarett-Show "Neues aus der Anstalt" - mit Bühnen-Veteranen, die Klasse bewiesen.

Man muss seine Zielgruppe umarmen, scheint die neue Devise des ZDF zu lauten. Kürzlich starteten die Mainzer das so respektable wie düstere Doku-Fiction-Szenario "2030 – Aufstand der Alten", das gestern mit dem dritten Teil zu Ende ging; der nächste visionäre Schwerpunkt ist mit "2057 – Unser Leben in Zukunft" schon für Mitte März avisiert. Und das gestrige "heute journal" vergab seinen Gastkommentar an den wackeren Bremer Alt-Bürgermeister Henning Scherf (Jahrgang 1938), der ein flammendes Plädoyer für die Einbindung und das Sich-Einbringen der vitalen Senioren von heute hielt.

Kabarettisten Schramm, Priol: Punkten mit Stoiber-Parodie
ZDF/Kerstin Bänsch

Kabarettisten Schramm, Priol: Punkten mit Stoiber-Parodie

Vielleicht muss man auch die jüngste Programm-Offensive der Mainzer in diesem Kontext betrachten: Nach fast 28 Jahren Pause gibt es nun wieder einen Sendeplatz für die alte Kunstform Kabarett im ZDF. Unter der durchaus doppeldeutigen Rubrik "Neues aus der Anstalt" melden sich fortan einmal monatlich und zunächst zehn Ausgaben lang die erprobten Bühnentiere Urban Priol (Jahrgang '61) und Georg Schramm (Jahrgang '49) live aus München, um aus dem Setting einer psychiatrischen Tagesklinik heraus Politsatire zu betreiben – beziehungsweise "den Wahnsinn, der um uns rum tobt, zu behandeln" (Priol). Stargast der gestrigen Premiere: Dieter Hildebrandt, Jahrgang 1927.

Nicht immer hochkarätig, aber zumindest kampfeslustig geriet der Auftritt des Doyens der "Lach- und Schießgesellschaft". Angenehm knapp und pointiert (bis auf einen sehr langen letzten Satz zur Causa Habermas/Hitler/Fest am Ende der Sendung) gestaltete der fast 80-jährige Hildebrandt seinen Auftritt als "Staffelläufer direkt aus '79", der nur rasch das Holz an die Protagonisten von heute weiterreichen wollte – allerdings nicht, ohne noch mal darauf anzuspielen, wie er damals sein ZDF-Format "Notizen aus der Provinz" vom späteren Intendanten Dieter Stolte "beendet bekommen hatte", was bald darauf zur Gründung des ARD-"Scheibenwischers" führte.

Die große Bühne überließ Hildebrandt dann Priol, dem hessisch babbelnden Wirrkopf mit der Sturmfrisur, unter anderem bekannt aus der 3Sat-Sendung "Alles muss raus", und Georg Schramm, seinerseits ein "Scheibenwischer"-Dino und als solcher bekannt für seine Inkarnationen der verbiesterten preußischen Eisenhand Dombrowski und des schneidigen Oberstleutnants Sanftleben, die auch gestern zum Einsatz kamen. Der Auftakt der Conférenciers geriet zunächst so simpel-volkstümlich-kleinkunstbühnenhaft wie schon ihre stilisierten Erscheinungsformen nahe legen: Priol versuchte mit Kalauern wie "dafür is' der Bundesnachrichtendienst ja auch da, dass er abhört, sonst könnt’s ja auch 'n Arzt machen" den jüngsten Wanzenfund im Bundestag mit einzubeziehen, Schramm alias Dombrowski echauffierte sich über das Ackermann-Urteil und die Gesundheitsreform.

Böser Kommentar zur Stunde

Mit zunehmender Dauer jedoch fanden die beiden in ihre Rollen als detailversessener Nörgler (Schramm) und wirbelnder Zausel (Priol); wohl nicht zufällig brach das Eis im Studio, als Priol erstmals zum bewährten Mittel des Stimmen-Imitierens griff: Als er mit gerecktem Hals Stoiber parodierte ("Die Basis, äh, das ist doch Bodensatz") und ihm dann wild in den Knien wippend und täuschend echt Franz Josef Strauß selig erscheinen ließ ("Edmund, du Polit-Pygmäe"), blitzte Können auf. Das Stoibersche Diktum von der erneuten Kandidatur, die er wolle, aber nicht müsse, wurde in allerlei Variationen zum Leitmotiv der Show – fairerweise nicht ohne die Erwähnung, welchen Verlust der angekündigte Rücktritt des stammelnden Blumen-Hinrichters für die Kabarett-Zunft bedeutet.

Trotz mancher karnevalistisch anmutender Plattheiten und einiger Längen – gerade Schramm kritisiert bürokratische Absurditäten so dezidiert, dass der Vortrag etwa genauso nervt wie das Beklagte –, hatte das bisweilen Klasse. Vor allem dann, wenn Interaktion gelang, mit dem Anstalts-Setting gespielt wurde oder Motive wieder aufgenommen wurden. Ein Höhepunkt: Priol als Stoiber im Zusammenspiel mit Gast-Comedian Andreas Müller als Gerhard Schröder; da bat der gebeutelte Bayern-Ministerpräsident den Altkanzler, doch bei Putin ein gutes Wort für ihn einzulegen, denn "außer Macht kann ich doch nichts". Und Schröder beruhigte: "Ich hab das mit dem Gasablesen auch ratz-fatz gelernt."

Neben Müller durften sich noch Jochen Malmsheimer und Rainald Grebe in belebenden Gastauftritten beweisen; als Bühne für Kollegen will sich die "Anstalt" auch lobenswerterweise weiterhin verstehen: Für die nächste Ausgabe am 27 Februar sind u. a. Josef Hader und Matthias Deutschmann angekündigt. Schon allein in dieser Hinsicht ist das neue ZDF-Podium zu begrüßen; mit ihrem hübschen Zwiegespräch über den Fall Kurnaz ("die Amis haben ihn doch nur deshalb gefoltert, um rauszufinden, warum Rot-Grün ihn nicht zurückhaben will") gelang den beiden Matadoren Priol und Schramm sogar noch ein böser Kommentar zur Stunde.

Womöglich bewahrheitet sich ja künftig noch stärker, was Veteran Hildebrandt in Abwandlung der ZDF-Eigenwerbekampagne zum Besten gab: "Mit den Dritten beißt man besser". Als er sich dazu drei Finger quer über den Mund legte, funkelten seine Augen jedenfalls vielversprechend wahnsinnig.

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