Kabarettist Rainald Grebe "Ich bin doch so gerne bei der Unterschicht"

dapd

2. Teil: "Verachtung mir selbst gegenüber"


SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das schaffen, Teil des Establishments zu sein und es gleichzeitig zu benutzen?

Grebe: So wie zu Guttenberg, meinen Sie? Nein im Ernst, mit Armut und Reichtum, mit der Frage, wie durchlässig eine Gesellschaft eigentlich ist, beschäftige ich mich gerade sehr. Und wie kann ich die Kontakte, die ich da oben mache, nutzen? Christoph Schlingensief hat das geschafft, der hat auch Stoiber die Hand geschüttelt und am Grünen Hügel inszeniert, hatte aber einen so starken inneren Kompass, dass er stets bei sich geblieben ist. Durchaus ein Vorbild! Kompromisse muss man immer machen, aber ich glaube, ich bin auch ganz gut darin, mir treu zu bleiben. Aber mal sehen, was passiert, wenn ich demnächst wieder Texte schreiben muss und vor dem weißen Blatt Papier sitze.

SPIEGEL ONLINE: Sie stülpen in Ihren Liedern gern Ihre eigene Biografie nach außen. Inwiefern verstehen Sie sich auch als Chronist Ihrer Generation?

Grebe: Es ist schon manchmal schräg, wenn meine eigene Schusseligkeit oder Unentschiedenheit zur Generationsfrage stilisiert wird wie mit dem Song "Sag wir zu mir". Aber da ist ja auch was dran. Das Gesellschaftliche bricht ständig ins Private ein und beeinflusst letztlich auch mein Lebensgefühl.

SPIEGEL ONLINE: Oft wird es auch ganz schön abgründig, beispielsweise wenn Sie mit größter Häme und Verachtung über Ost-Provinzler wie "Mike aus Cottbus" oder die neubürgerlichen Kinderwagenschieber am Prenzlauer Berg singen. Was ist das für eine Wut?

Grebe: Das ist hauptsächlich eine Verachtung mir selbst gegenüber, eine Selbstbespiegelung. Als wenn ich Teile, die ich an mir überhaupt mich mag, von mir weg halte und dann richtig draufhaue.

SPIEGEL ONLINE: Vor sechs Jahren wurden Sie mit einer bösen Hymne auf Brandenburg berühmt, jetzt suchen Sie angeblich genau dort selbst mit Ihrer Freundin ein Landhaus. Wie passt das zusammen?

Grebe: Na ja, ich erkenne mein Bedürfnis, da raus zu ziehen und sehe mich dann vor irgendwelchen Höfen stehen - und dann kommen diese ganzen Widersprüche hoch. Aber das ist ja genau das Prinzip: Ich stehe im Bioladen und denke: Hoffentlich sieht mich keiner! So etwas zerrt an mir, und dann schreibe ich Lieder darüber.

SPIEGEL ONLINE: Mit diesem Konflikt schlagen sich ja gerade viele Mitt- und Enddreißiger herum: Bleibe ich Großstadt-Bohemien oder ziehe ich ganz spießig ins Grüne und gründe eine Familie.

Grebe: Ja, aber da hat auch jeder so sein eigenes Modell. Das hört man sich dann an und überlegt sich: Was will ich denn eigentlich? Ich denke mir immer alles Mögliche aus: Baue ich mir da so eine Art Graceland aufs Land? Oder doch eine Hippie-Kommune? Meine Freundin sagt, sie will einen Esel, da sage ich dann: Was soll das jetzt wieder? Und im Grunde wird doch wieder nichts draus. Es wird so weitergehen wie bisher: Ich hüpfe so rum, freue mich darüber, dass ich so viele Leute kenne, da kann ich mal hier sein, mal da sein - ist doch alles schön! Aber dann sitze ich wieder im Nightliner auf Tournee und denke: Ich will einen Hof haben, einen festen Ort, etwas, was mir gehört.

SPIEGEL ONLINE: Als Künstler sind Sie aber ziemlich privilegiert: Im Gegensatz zum Normalbürger können Sie ja einfach ein halbes Jahr auf Tournee gehen und Freiheit und Abenteuer genießen, wenn es Ihnen auf dem Landsitz langweilig wird.

Grebe: Und was wird dann aus dem Esel? Da landet man gleich wieder in der Bürgerlichkeitsfalle, weil sich dann die Frau zu Hause drum kümmert. Oder man muss das Feudalprinzip bemühen, Nachbarn oder gar Bedienstete einspannen. Alles keine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen den Eindruck, gar nicht unzufrieden zu sein mit diesem Schwebezustand.

Grebe: Bin ich zufrieden? Ich weiß nicht. Nee, ich massakriere mich immer noch. Im Gegenteil, ich glaube, man muss das eher verschärfen, weil man sich in diesem "hier ein bisschen, da ein bisschen" viel zu schnell bequem einrichtet. Die Lösung ist: Man muss die einzelnen Sachen viel extremer anpacken und mit ihnen experimentieren. Alles andere ist nur wie Jetski fahren: Man surft nur auf der Oberfläche herum.

Das Interview führte Andreas Borcholte



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
BlogBlab 14.04.2011
1. Langweilig
Dieser "Kabarettist" ist unverständlicherweise immer wieder in Fernsehsendungen zu sehen, die den Anspruch erheben, witzig zu sein. Leider erfüllt Herr Grebe diesen fast nie. Er war bisher immer der langweiligste, humorloseste Künstler jeder Sendung. Ich frage mich wirklich, nach welchen Kriterien solche Pseudo-Kabarettisten eigentlich engagiert werden - vielleicht nach Parteibuch?
xhugo 14.04.2011
2. Feingeist
Zitat von BlogBlabDieser "Kabarettist" ist unverständlicherweise immer wieder in Fernsehsendungen zu sehen, die den Anspruch erheben, witzig zu sein. Leider erfüllt Herr Grebe diesen fast nie. Er war bisher immer der langweiligste, humorloseste Künstler jeder Sendung. Ich frage mich wirklich, nach welchen Kriterien solche Pseudo-Kabarettisten eigentlich engagiert werden - vielleicht nach Parteibuch?
So unterschiedlich kann Geschmack sein: ich halte Herrn Grebe für einen großen künstlerischen Feingeist mit sehr anrührenden Stücken, aber auch großer kabarettistischer Gehässigkeit. Er ist einer der Lichtblicke im sonst häufig flachen 'Comedianstadl' derjenigen, die versuchen, Kaberett ohne politische Haltung zu machen.
artikel.5 14.04.2011
3. fragt sich wer hier humorlos ist
Zitat von BlogBlabDieser "Kabarettist" ist unverständlicherweise immer wieder in Fernsehsendungen zu sehen, die den Anspruch erheben, witzig zu sein. Leider erfüllt Herr Grebe diesen fast nie. Er war bisher immer der langweiligste, humorloseste Künstler jeder Sendung. Ich frage mich wirklich, nach welchen Kriterien solche Pseudo-Kabarettisten eigentlich engagiert werden - vielleicht nach Parteibuch?
Tja, was dem einen sein Atze Schroeder..
@vanced 14.04.2011
4. Mal über das TV hinaus
Zitat von BlogBlabDieser "Kabarettist" ist unverständlicherweise immer wieder in Fernsehsendungen zu sehen, die den Anspruch erheben, witzig zu sein. Leider erfüllt Herr Grebe diesen fast nie. Er war bisher immer der langweiligste, humorloseste Künstler jeder Sendung. Ich frage mich wirklich, nach welchen Kriterien solche Pseudo-Kabarettisten eigentlich engagiert werden - vielleicht nach Parteibuch?
@BlogBlab: Vielleicht sollten Sie sich einmal mit der Person Grebe über diese Sendungen hinaus (mal ein Konzert besuchen; in eine seiner CDs lauschen etc.) beschäftigen? Kann (muss aber nicht!) möglicherweise ihr Bild ändern. :) Das Parteibuch von Herrn Grebe würde mich allerdings ebenfalls interessieren... Ich habe nur eine Ahnung, welches es NICHT sein könnte.
galliaestdivisa 14.04.2011
5. unverständlicherweise
Zitat von BlogBlabDieser "Kabarettist" ist unverständlicherweise immer wieder in Fernsehsendungen zu sehen, die den Anspruch erheben, witzig zu sein. Leider erfüllt Herr Grebe diesen fast nie. Er war bisher immer der langweiligste, humorloseste Künstler jeder Sendung. Ich frage mich wirklich, nach welchen Kriterien solche Pseudo-Kabarettisten eigentlich engagiert werden - vielleicht nach Parteibuch?
sind viele auch ganz ohne Parteibuch anderer Auffassung. Kommen Sie vielleicht aus Brandenburg?
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