Kafka-Premiere in Berlin Der Affe im Reichstag

Ein Pavian ist der Star in Oliver Frljics Inszenierung von "Ein Bericht für eine Akademie" am Gorki Theater - neben Jonas Dassler, der auch auf der Berlinale einen großen Auftritt hat.

Szene aus "Ein Bericht für eine Akademie"
Ute Langkafel

Szene aus "Ein Bericht für eine Akademie"


Als Jeany erscheint, hält es die Dame im Zuschauerraum nicht mehr. Sie zückt ihr Mobiltelefon und schärft und zoomt das Bild. So etwas sieht man selten: ein Affe auf einer deutschen Theaterbühne! Da hockt sie, eine Paviandame, ein Prachtexemplar mit dichtem falbem Fell, und guckt freundlich gelangweilt in die fremde Gegend. Und während der Mensch neben ihr über Gott und alle Zweifel der Welt doziert, laust sich Jeany putzig (herzhaft lacht das Publikum), als ginge sie das alles gar nichts an, als wisse sie nicht, warum sie überhaupt hier hockt im Gorki-Theater in der Mitte Berlins. Natürlich tut sie das nicht.

Und mal ehrlich: Wir wissen es im Grunde auch nicht so recht. Klar: Franz Kafka, "Bericht für eine Akademie", Rotpeter - da liegt der Affe allzu nah. Aber ist sein Einsatz dann nicht vielleicht doch ein wenig plump? Nein, hat sich Regisseur Oliver Frljic offenbar gesagt und holte sich Jeany, um sie am Ende auch noch in einen Käfig zu stecken. Der hat die Form des Reichstages.

Vor solchen Anspielungen schreckt der kroatische Theatermacher, der in Deutschland, Österreich oder Polen auf manch provozierten Skandal verweisen kann, nicht zurück, wenn er uns via Kafka erzählen will von Zivilisationsterror, Rassismus, Tierversuchen, Demokratieverständnis, von Norm und Anpassung, Unterdrückung und Aufbegehren - ja, wovon denn sonst noch?

Szene aus "Ein Bericht für eine Akademie"
Ute Langkafel

Szene aus "Ein Bericht für eine Akademie"

Von zu viel und doch wieder wenig. Frljic hat sich ein Stück zusammengebastelt, das basiert auf "Ein Bericht für eine Akademie", den wenigen berühmten Seiten Prosa, in der Kafka den Affen Rotpeter vor den hohen Herren einer Akademie von seiner Menschwerdung berichten lässt. Dazu kommen im Gorki Schnipsel aus Kafkas Milena-Briefen, dem Brief an den Vater und einigen kleinen Erzählungen. Zusammengehalten wird das Ganze von einer Art Rahmenhandlung, in der die Tierpark-Familie Hagenbeck, in die der Mensch-Affe einheiratet, eine unrühmliche Rolle spielt, und die darin gipfelt, dass Rotpeter als Abgeordneter ins Parlament einzieht.

Dort hält er eine flammende Rede, lobt weichgespült und angepasst den Bundespräsidenten und findet Deutschland "stabil". Zuvor hat er noch mit seinem "Schöpfer", dem Dichter K., darüber gestritten, wo denn die Grenzen zwischen literarischer Fiktion und dem wirklichen Leben verlaufen. Ob er nur ein Produkt der Fantasie ist, ein Gleichnis oder Paradox. Schwer wogen die Existenzfragen, und Kafka war wie immer ein wenig schüchtern zurückhaltend und war sich dann auch nicht mehr ganz sicher, über was er da eigentlich geschrieben hat.

Eine obskure, tierisch wilde, komisch antiquierte Homestory

Zuvor jedoch, also am Anfang, kommt die Schauspielerin Jesede Terziyan durch die Zuschauerreihen und rezitiert mit moralisch einwandfreier Empörung J.M. Coetzees eher zweifelhaften Costello-Monolog, in dem der waghalsige und fahrlässige Vergleich zwischen Konzentrationslagern und Massentierhaltung gezogen wird. Das ließ befürchten, dass es an diesem Abend ganz arg kritisch werden wird.

Es stellte sich alles dann aber doch als eher harmlos heraus. Frljics "Bericht" geht nicht weit über eine obskure, tierisch wilde, komisch antiquierte Homestory hinaus: Es kommt in den besten Familien vor, dass sich da mal einer zum Affen macht. Besonders, wenn das Fremde ins Vertraute einfällt und es mit der Moral des Clans nicht so weit her ist. Der Affen-Einfänger Hagenbeck, das kommt ausführlich zur Sprache, hat im 19. Jahrhundert schließlich nicht nur exotische Tiere aus Afrika verschleppt, um sie einem staunend gruselnden Publikum auf dem Kontinent vorzuführen, sondern auch schwarze Menschen. Und im Ungeiste des Kolonialismus eine Unmenge Geld verdient.

Igor Pauska hat eine Bühne gebaut, die mit meterhohen Bücherwänden das Heim des saturierten Bürgertums darstellt. Hier trimmt man den Affen nicht mit Zucker, sondern mit Sitte und Ethik, auch wenn man ihm solche Errungenschaften schon mal brutal einprügeln muss. Rotpeter schluckt die bittere Bildung, weil er ja unbedingt einer wie wir sein will.

Ein Schauspieler kraxelt nackt durch die Publikumsreihen

Offenbar ahnte Oliver Frljic, dass die paar Kafka-Seiten nicht abendfüllend sind; also lässt er Kapriolen zu, die für Stimmung sorgen. So muss der Schauspieler Aram Tafreshian splitternackt durch die Publikumsreihen kraxeln und ein Loblied auf die angebliche Krönung der Schöpfung singen. Und eine warum auch immer auftretende Malerin, die Tamara de Lempicka sein soll, versteigert kreischend gepinselte Idyllen von Adolf Hitler - und was der aufgemotzten Gags noch mehr sind an diesem Abend, der sich nicht entscheiden kann zwischen surrealer Sause und geistig ernsthafter Tiefenforschung.

Zu seinem Glück hat Frljic einen Star: Jonas Dassler, der an diesem Samstag auch bei der Berlinale als Frauenmörder Honka in Fatih Akins Film "Der Goldene Handschuh" Premiere hat, reißt die Sache an sich. Perfekt jongliert er mit den Zweifeln und Gefühlen seiner Figur, überzeugend. Aber eben irgendwie auch einsam. Zwischen all der Kafka- und Klamauk-Staffage, die mit schlichter Küchen-Evolutionslehre grundiert ist, muss sich Dassler durch ein falsches Leben kämpfen. Der Schauspieler brilliert leidend und aufmüpfig, strauchelnd und scheiternd, sein menschlicher Triumph als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft ist schließlich nichts als ein böser Alptraum. Und letztlich geht es dem Affen wie dem Menschen: "...so klage ich weder, noch bin ich zufrieden", heißt es bei Kafka.

Im Gorki knabbert derweil im Käfig-Reichstag die gezähmte Jeany eine Banane. Und schaut in den Saal wie eine von uns und scheint auf den begeisterten Applaus zu warten, der ihr sicher ist.


"Ein Bericht für eine Akademie". Gorki Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 9. und 21.2., www.gorki.de

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