Kampf der Kulturen Chronologie der Skandale

Religion ist im neuen Jahrtausend viel mehr als nur Glaubenssache. Muslime, Christen und Juden verwickeln sich in einen "Kampf der Kulturen", der Streit und Gewalt zur Folge hat. Eine Kurz-Geschichte.


Im September 1988 veröffentlichte ein englischer Verlag den Roman "Die satanischen Verse" des britisch-indischen Schriftstellers Salman Rushdie. In dem Buch schreibt der Sohn muslimischer Eltern, nicht der Erzengel Gabriel, sondern Satan habe Mohammed die Offenbarung Allahs eingegeben. Diese These löste weltweite, zum Teil blutige Proteste von Muslimen aus.

Im Oktober 1988 forderte der Rat der Islamischen Länder seine 46 Mitgliedstaaten auf, Maßnahmen gegen die "Satanischen Verse" zu ergreifen. Es folgten Verbote und gewalttätige Demonstrationen, bei denen mehrere Menschen starben. 1989 schließlich forderte Ayatollah Khomeini, Salman Rushdie und seine Verleger zu töten. Rushdie, der zuvor den Whitbread-Preis für den Roman verliehen bekommen hatte, bekam Polizeischutz und musste abtauchen.

Im Jahr 2001, kurz vor den Anschlägen des 11. September löste der Roman "Plateforme" des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq eine weitere Debatte über den so genannten Kampf der Kulturen aus. In dem Roman kritisiert Houellebecq die islamische Religion und lässt seinen Protagonisten Sätze sagen wie "Der Islam hat mein Leben zerstört, und der Islam ist gewiss etwas, das ich hassen könnte". Sofort nach Erscheinen des Buches folgten massive Proteste von offiziellen Vertretern des Islam.

Meinungsfreiheit oder rassistische Beleidigung?

Houellebecq setzte nach: In einem Interview erklärte er, der Islam sei die "dümmste Religion" die es gebe, und er empfinde dem Islam gegenüber Hass. Dieses Mal folgten nicht nur Proteste, sondern auch Klagen gegen den Schriftsteller. Im Oktober 2002 wurde Houellebecq vom Vorwurf rassistischer Beleidigung und Anstiftung zum Rassenhass allerdings frei gesprochen. Das Gericht begründete dies mit dem Recht auf Meinungsfreiheit.

Im Jahr 2004 schockte ein brutaler Mord nicht nur die holländische Öffentlichkeit: Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh wurde auf offener Straße mit mehreren Messerstichen und Schüssen von einem islamischen Fanatiker getötet. An seiner Brust war ein Zettel angebracht, auf dem Drohungen gegen Politiker standen und der Untergang der westlichen Welt beschworen wurde.

Theo van Gogh hatte mehrere, zum Teil umstrittene, Filme gemacht, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzten. Besonders sein Kurzfilm "Submission", der kurz vor dem Attentat im Fernsehen gezeigt wurde, verurteilte den islamischen Extremismus scharf. Das Drehbuch dazu schrieb die niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali, ebenfalls eine bekannte Islamkritikerin. Sie war mit dem Filmemacher befreundet und erhielt mehrere Morddrohungen. Seit dem Anschlag auf van Gogh steht sie unter permanentem Personenschutz.

Eine Meldung im US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" sorgte im Mai 2005 für Aufsehen. Im Gefangenenlager Guantánamo sei ein Koran in der Toilette heruntergespült worden, berichtete das Magazin in Berufung auf einen ungenannten amerikanischen Beamten. In mehreren islamischen Ländern löste der Fall Proteste aus, bei einer Demonstration in Afghanistan starben 14 Menschen. Knapp zwei Wochen später zog "Newsweek" die Meldung mit der Begründung zurück, der Informant des Blattes sei sich seiner Angaben nicht mehr sicher.

Weltweite Proteste nach Karikaturen-Streit

Eine Klage vor Gericht gab es im Jahr 2005 auch für die Schriftstellerin Oriana Fallaci, die in ihrem Buch "Die Kraft der Vernunft" den Islam scharf angreift und kritisiert. Islamische Aktivisten riefen zu Gewalt gegen die Journalistin auf. Im Juli begann der Prozess gegen sie. Heute Nacht ist Fallaci nach langer Krankheit gestorben.

Im Februar dieses Jahres riefen weltweite Demonstrationen Erinnerungen an Rushdies Veröffentlichung der "Satanischen Verse" wach: Grund der gewaltsamen Proteste waren die bereits im September 2005 in einer dänischen Tageszeitung veröffentlichten Mohammed-Karikaturen Mohammed-Karikaturen, die den Propheten unter anderem mit einer Bombe als Turban darstellten.

Die Demonstrationen waren zum Teil organisiert und lösten eine weltweite Debatte darüber aus, wie weit Satire gehen dürfe. Auch in Deutschland fanden Protestmärsche statt. Als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen rief die iranische Tageszeitung "Hamsharis" zu einem Karikaturen-Wettbewerb über den Holocaust auf und entfachte die Debatte von Neuem.

nkl



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