Kampf gegen rechts Ran an die Arbeit

Auch schon Pläne zum Auswandern gefasst? Dazu ist es dann doch noch zu früh. Statt das Land rechten Hetzern zu überlassen, sollten wir selbst politisch aktiv werden. Auch wenn das mühsam ist.

Björn Höcke
DPA

Björn Höcke

Eine Kolumne von


Wir müssen reden. Ist das Motto der Stunde. Alle wollen mit irgendwem reden und verstehen und analysieren. Als ob die Leute, die in unterschiedlichen Berufs-, Wohn- und Bekanntenkreisen verkehren, früher gewusst hätten, was andere bewegt. Während die Demokratie liebende Mehrheit also redet, die bestehenden demokratischen Parteien kritisiert und sich selbst geißelt, wurde mit schwungvoller finanzieller Unterstützung aus diversen seltsamen Quellen eine Sammelbewegung gegründet, die keine Scheu vor Kooperation in alle rechten Richtungen hat.

Da wird nicht geredet. Da wird gemacht.

Da wird ein Gefühl angesprochen, das heißt: Wir sind dagegen. Prima Gefühl. Dagegen sein, alles neu machen, aufräumen. Europa ist so müde geworden. Der Kapitalismus nudelt vor sich hin, das Klima dito, die sogenannten Eliten reden nicht mit dem sogenannten kleinen Mann, der nie eine kleine Frau ist. Nach der Entscheidung der Kanzlerin für einen humanen Umgang mit Asylsuchenden wartete die Bevölkerung auf die Bekanntgabe eines Plans. Auf Zahlen, Ideen, auf eine Erklärung. Das erfolgte. Nicht. Und so fanden die vereinigten Populisten endlich den Schlüsselmoment zu ihrem großen Auftritt. Seit einiger Zeit beobachten viele erstarrt die täglichen neuen Übergriffe, Nazidemos, Judenhassparolen, denn in Ermangelung zahlreicher Fliehender wird unterdessen gegen die nächste Randgruppe mobilisiert.

Im Bundestag verhöhnen Angehörige der neuen "Volksbewegung Hass" LGTB-Menschen. Die Abtreibungsgegner latschen befeuert durch den neuen Trend durch die Straßen.

Hervorragende Zeit, um endlich mal das früher durch Moral, Anstand und gesellschaftliche Codes Unterdrückte auszusprechen und dafür noch Beifall zu bekommen. Gemeinsam gegen das vermeintlich andere, den Hass aktivieren, die Legende vom Herrenmenschen beleben. Hoffen, dass bald eine harte Hand regiert. Das mag man, so eine harte Hand und einleuchtende Erklärungen in einer undurchsichtigen Zeit. Parolen, wenn es an konkreten Plänen gebricht, die über das "Wir wollen die Demokratie zerstören, denn sie wirkt sich hinderlich auf die Märkte aus" hinausgehen.

Die Mischung aus martialischer Gewaltdemonstration, Einschüchterung, Verächtlichmachung wirkt. Sie macht Angst. Viele, die eher der politischen Mitte oder den ehemals unpolitischen oder einfach den humanistischen Menschen angehören, fragen sich immer öfter: Was jetzt? Wohin kann man fliehen, falls alles so weitergeht, wie es gerade scheint. Wenn es mehr werden, mehr Antidemokraten, die Menschenrechte abschaffen wollen, die Pressefreiheit, die Rechte der Frauen, der Minderheiten, den Sozialstaat.

Der Moment unangenehmer Aktivität ist jetzt gekommen

Aber jetzt mal langsam. Fliehen? Wirklich? Sind wir schon wieder so weit? Das Zuhause, die Freunde, immer noch gut organisierte Länder Leuten überlassen, die nur darauf warten, schicke Uniformen anziehen zu können?

Wenn sowieso schon alles schrecklich ist, kann man damit auch noch ein wenig warten und eine aktive Gegenwehr versuchen. Ich habe vor einem Jahr (mehr oder weniger) schon einmal versucht, Sie alle, die ratlos sind, die darauf hoffen, dass ein Wunder passiert, anzuregen, sich zu engagieren. Viele haben es getan. Noch nicht genug. Ich möchte es heute wiederholen: Der Moment unangenehmer Aktivität ist jetzt gekommen. Treten Sie in eine Partei ein. Auch wenn politische Arbeit ermüdend und frustrierend ist und aus Kompromissen besteht: Es ist im Moment vermutlich die wirkungsvollste Maßnahme, gegen die Übernahme des Landes durch Populisten aktiv zu werden.

Parteien sind vernetzt, haben eine Infrastruktur und Erfahrung in politischer Arbeit. Und mit einem massiven Eintritt kann man ihre Richtung mitgestalten. Kein Parteiprogramm entspricht einem Einzelnen zu 100 Prozent. Aber statt zu schimpfen, was die da oben wieder anstellen, kann man selbst versuchen, seine Ideen einzubringen. Eine sicher frustrierende Erfahrung. Nehmen Sie am besten ihre Bekannten mit, dann sind Sie mehr.

Wenn alle, die sich bedroht fühlen, alle Frauen, Angehörige von sogenannten Randgruppen, Menschen, die sich in den zahlreichen Bewegungen engagieren, von Seebrücke über Unteilbar, wenn sie alle ihr demokratisches (noch vorhandenes) Recht auf politische Mitbestimmung wahrnehmen, kann man etwas ändern. Es ist Zeit, den Kapitalismus neu zu denken, den Klimawandel zu stoppen, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, die Freiheit des Einzelnen zu erhalten. Das bedeutet Arbeit. Langweilige Arbeit. Zusätzlich zum Überlebenskampf, den Kindern, den Jobs. Die Alternative allerdings ist abwarten. Hoffen, dass es schon nicht so schlimm wird, Angst haben, und sich Einwanderungsratgeber nach Island herunterladen. Gegen die Angst hilft Bewegung.

Hier eine kleine unvollständige Auswahl an etablierten, nicht perfekten Parteien für jeden Geschmack, die alle darauf warten, dass man sie mit neuen Ideen bereichert: für die Freunde der freien Märkte und des schlanken Staats und für Leute, die Spaß an Renovierungen haben.

(Gilt übrigens auch für die Schweiz und für Österreich, ich studiere gerade Parteiprogramme.)



insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
dirkcoe 29.09.2018
1. Volle Zustimmung
Ja Frau Berg genau das ist der Weg. Nicht unzufrieden auf dem Sofa sitzen, sondern sich einbringen. Den Populisten unser Land kampflos zu überlassen ist keine Option.
botschinski 29.09.2018
2. Tja leider...
Zitat: "Es ist Zeit, den Kapitalismus neu zu denken, den Klimawandel zu stoppen, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, die Freiheit des Einzelnen zu erhalten." Zitat Ende. Den Kapitalismus neu zu denken und den Klimawandel stoppen lässt sich leider nicht ohne die Einschränkung der Freiheit des Einzelnen erreichen. Da muss man sich schon entscheiden, soviel ist mal sicher. In welcher Partei engagiert sich wohl Frau Berg?
lachina 29.09.2018
3. Um Ihre Liste zu ergänzen.....
und für diejenigen, die noch starke Nerven haben (https://www.die-linke.de/start/).....
P-Schrauber 29.09.2018
4.
Genau es muss gesprochen werden und es muss darüber diskutiert werden wie wir unsere politische und gesellschaftliche Lässigkeit wieder gewinnen können. Wie der Bundestagspräsident -Herr Schäuble- bei der letzten Historiker Konferenz in Hamburg kürzlich schon sagte zuviel Nationalismus ist falsch. Die bundesrepublikanische Gelassenheit und das wir kein nationales Pathos verspürten hat uns groß gemacht. Allerdings macht es uns diese positive Eigenschaft auch anfällig für diejenigen die dies ausnutzen und meinen Ihre Intoleranz Ihre Kultur als die erhabenere zu sehen und versuchen sie bei uns zu installieren. Das dürfen wir so nicht zulassen hier müssen wir Grenzen aufzeigen und dies nach allen Seiten. Hiwe vornehmlich die Nationalsozialisten zu nennen ist aus geschitlicher Verantwortung richtig nur wir dürfen ander Gesellschaftsgruppen die ebenso intolerant und gesellschafttlich spaltend oder dabei sind Parallelgesellschaften aufzubauen nicht vergessen und müssen hier ebenfalls Grenzen aufzeigen. Diesen sehr wichtigen Hinweis fehlt mir in Ihrer Meinungskolummne.
ackermart 29.09.2018
5. Sybbelinisch ganz großes Wortkino - gegen GUNDERMANN?
Sein Name soundet in my brain - hinten - noch wie ein leises Abgangsecho von einer Lebensbühne der echt bodenständigen Art von Kunst-Verständnis im Einen mit der Kohle im nicht primär finanziellen Sinne. Ein tragisch nostalgischer Held also, dem das Geld nicht das Wichtigste war, selbst wenn er von dem für seine Musik hätte gut und gerne (wohl nur nicht) weiterleben können. Ich irre mich doch nicht in dem, dass er freiwillig aus dem Weitererleben der „besten aller Zeiten“ – nach der Kohle ging. Seltsam genug ist, wie „zufällig“ aktuell der MANN nun gerade im Zusammenhang mit dem Hambacher Forst präsent mir ist, im mich fragen, was würde er bei aller Würde des Waldes zu den Ereignissen dort heut sagen oder sogar singen? Das Wort ABGESANG liegt da in der poetischen Luft wie die Kluft zwischen Neigung und Pflicht, das Licht der Zukunft realistisch noch besingen wollen zu können oder nicht. Als wenn der Ort HAMBACH, sowie das Wort FEST, im Zwiespalt festgekeilt nun ist zwischen der romantischen Hoffnung von Waldnatur-Verbundenen im Angewiderten aber doch von der damals angestrebten Nation. Prosaisch gedacht – wiederholt sich sein Drama nun im längst nicht so wild(entschlossen)en Westen, der Arbeitskultur des Baggerfahres Willibald - eines Dieter Süverkrüp – den Vorrang zu geben vor dem Willy, den sie gestern erschlagen haben als den Willy des Konstantin Wecker. …Nur dass man diesen Totschlag, nicht nur von Argumenten, heuer eher den „Linken“ („Anti“)Faschisten zutrauen muss, als denn den „KONSTANT IN“ deutschen Landen Rechten. Will(i) sagen, dass derzeit hierzulande Ungeheuerliches geschieht: „Linke wehren den Vorzeichen“, indem sie im Wandel des negativen Vorzeichen zu ihrem „guten“, nun positiven, nicht merke(l)n, dass sie längst zu Faschisten werden. Mir, aktuell nun im POST- HUM retrospektiven Erinnern meines Überlebens ihn so eben denn schwante, dass GUNDERMANN das scheinbar ahnte.
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