Tod des Staffordshire-Terriers Chico, Spiegel der menschlichen Seele

Für den Hund Chico, der Mutter und Sohn totbiss, gingen Menschen auf die Straße. Verkehrte Welt? Nein, Menschen sind einfach Trottel. Eine Talkshow im Tierhimmel.

Mahnwache für Kampfhund Chico
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Mahnwache für Kampfhund Chico

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Moderatorin: Guten Tag, meine Damen und Herren, herzlich willkommen bei "Talk im Tierhimmel". Mein Name ist Anne Krill, und ich begrüße Sie zu unserer heutigen Sendung zum Thema: "Darf man Menschen totbeißen?" Das sind unsere Gäste:

Chico. Der Staffordshire-Terrier-Mix hat kürzlich seinen menschlichen Halter sowie dessen Mutter, eine Rollstuhlfahrerin, totgebissen. Kurz darauf wurde er eingeschläfert. Er sagt: Ich bereue nichts.

Bruno JJ1. Der Braunbär kam ursprünglich aus einem italienischen Naturpark und wanderte über Österreich nach Deutschland ein. Der sogenannte Problembär wurde zum Abschuss freigegeben. Heute sagt er: Hätte ich gewusst, was sie mit mir vorhaben, hätte ich ihnen richtige Probleme gemacht.

Doretta. Der brandenburgische Ganter wurde als "Kanzlergans" bekannt, nachdem Gerhard Schröder darauf verzichtete, ihn zu essen. Er wurde Therapieganter für alte Menschen, die er auch manchmal biss, und starb Jahre später einen natürlichen Tod. Doretta findet: Menschen sind nur gut zu dir, wenn du ihre Zwecke erfüllst.

Außerdem bei uns: Schreddi, das Eintagsküken. Er wurde kurz nach dem Schlüpfen getötet und sagt: Als Mann hast du in diesem System kaum eine Chance.

Und unser letzter Gast: Paul. Der Krake wurde als Fußball-Orakel weltberühmt und sagt heute: Menschen sind solche Trottel, ich würde sie jederzeit wieder verarschen.

Es ist ein Thema, das die Massen bewegt: Ein Hund wird jahrelang von Menschen misshandelt und wehrt sich schließlich gegen sie. Chico, was war das für ein Moment für Sie, als Sie entschieden haben, Ihren Halter und seine Mutter zu töten?

Hund Chico: Wie Hühnchen.

Moderatorin: Wie?

Chico: Na, wie Hühnchen, vom Geschmack.

Schredderküken Schreddi: Wie bitte?!

Chico: Ich sag, wie es ist.

Moderatorin: Nun ist es so: Es wurde eine Petition gestartet, damit Sie nicht getötet werden. Knapp 300.000 Menschen haben unterschrieben, doch es hat nichts genützt. Später gab es Mahnwachen für Sie. Sie werden Chico Guevara genannt, ein Held, ein Freiheitskämpfer. Sind Sie das?

Chico: Klar bin ich das. Hat mich auch'n kleines bisschen gerührt. Ich sag mal so, bei Menschen gibt es solche und solche, und die, die ich als Halter abbekommen hab, waren Flaschen. Aber dass meine Story so groß wird, das dachte ich auch nicht. Ich hab gestern Abend auch erst mal Digital Detox gemacht, weil es einfach zu viel wurde, der ganze Trubel, auch nachm Tod. Aber man muss auch sagen, ich hatte noch Glück im Unglück. In Schottland hat ein Mann einem Mops beigebracht, den Hitlergruß zu zeigen. So was hätte ich mit mir nicht machen lassen.

Schreddi: Ich auch nicht.

Moderatorin: Sie wollen auch etwas dazu sagen, Herr Schredderküken?

Schreddi: Ja. Also, hauptsächlich will ich auch mal Aufmerksamkeit. Das ist einfach schwierig bei uns. Wir werden ja direkt nach dem Schlüpfen gesext, also sie gucken, welches Geschlecht wir haben, und dann werden die männlichen Küken alle sofort umgebracht, weil wir keine Eier legen können und auch nicht gemästet werden können.

Kanzlergans Doretta: Es ist so schrecklich!

Moderatorin: Was denken Sie, Herr Schredderküken, wie könnte man das beenden? Sie können sich ja kaum körperlich wehren.

Schreddi: Ich hab's versucht! Aber was willst du machen. Hab gehört, sie versuchen, uns Männchen gar nicht erst schlüpfen zu lassen. Gleich abtreiben sozusagen. Oder die Menschen müssten Eier von Zweinutzungshühnern kaufen, oder gar keine Eier mehr, aber sie sind zu bösartig dazu.

Braunbär Bruno JJ1: Auf Eier zu verzichten, ist sehr schwer.

Moderatorin: Herr JJ1, wie war das bei Ihnen? Sie haben den großen Gegenangriff auf die Menschen nicht versucht.

Bruno: Nee. Die haben vier Wochen lang versucht, mich zu fangen, das hab ich schon mitgekriegt, aber ich dachte halt, die hören irgendwann auf. Mach ich ja auch so, wenn mir die Ziege zu schnell ist. Da wusste ich noch nicht, dass sie schießen können. Da wusste ich nicht, wie man in Bayern mit denen umgeht, die ein bisschen anders drauf sind.

Schreddi: Ich wollte noch was sagen! Bei Ferkeln ist es so ähnlich wie bei uns Küken mit dem Sexismus. Wenn du da als Junge auf die Welt kommst, wirst du ohne Betäubung kastriert. Aber ich hab gehört, das soll sich bald ändern.

Chico: Inschallah!

Krake Paul: Ja, doch, das wird passieren. Kann ich Euch sagen. Menschen sind nicht nur böse.

Erklärvideo Normalnull: So gefährlich sind Hunde

Moderatorin: Aber woher kommt das, dass manche Menschen so bösartig mit Tieren umgehen und andere für Sie Mahnwachen abhalten? Sie, Bruno, haben ja auch Gedenktafeln bekommen, einen Bärengedenktag,...

Bruno: Ausgestopft haben sie mich! Wie einen Scheißteddy.

Moderatorin: Woher kommt das jedenfalls, dass Menschen da so unterschiedlich sind?

Chico: Dazu kann ich was sagen. Menschen haben ja auch Probleme mit sich, untereinander. Die haben auch ihre Kämpfe. Und manche haben das Gefühl, sie werden immer nur verarscht…

Paul: Stimmt ja auch bei manchen.

Chico: Ja, stimmt auch bei manchen. Jedenfalls werden die dann ungemütlich. Und wenn sie dann sehen, dass jemand anders mit mir, einem Hund, ungerecht umgeht, und zwar einem Hund, der auch durch - ich sag mal - gewisse Umstände, ungemütlich geworden ist, dann ist das wie ein Spiegel. Die sehen ihre eigene unverschuldete Bösartigkeit in mir. Und dann werden sie laut.

Moderatorin: Das heißt, Sie sind der Spiegel der menschlichen Seele?

Chico: Würd ich so sagen, ja.

Doretta: Entschuldigung, ich will jetzt nicht die SPD-Karte spielen… -

Schreddi: Was ist SPD?

Doretta: Schreddi, bitte, ich will nur sagen, waren das nicht auch Faschos, die da für Chico demonstriert haben? Weil die mal wieder gegen "die da oben" schnattern wollten? Von wegen menschliche Seele…... Menschen benutzen dich, wenn sie dich für ihre eigenen Zwecke brauchen können. Mich wollten sie erst essen, dann für ihr gutes Gewissen zur Beruhigung - der Schröder hat meinen Unterhalt bezahlt - , und dann zur Bespaßung von alten Leuten. Dass Chico gerührt ist, wenn Nazis für ihn Wache halten, finde ich nicht so gut.

Schreddi: Mich wollten sie gar nicht.

Doretta: Jedenfalls glaube ich, man muss genau hingucken, dass man nicht instrumentalisiert wird. Diese vermeintliche Tierliebe ist vielleicht einfach nur Menschenhass.

Paul: Die Nazis...

Moderatorin: Herr Krake? Sie haben ein Schlusswort?

Paul: Die Nazis werden nicht gewinnen.

Moderatorin: Das war's von uns, wir verabschieden uns bei "Talk im Tierhimmel", guten Abend.

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insgesamt 59 Beiträge
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taglöhner 24.04.2018
1. Verborgene Talente
Jezt bin ich baff. Freiwilliger Humor von Frau Stokowski und ich musste erst widerstrebend, dann immer mehr lachen. Amüsant, hintersinnig und stilsicher. Ich schlage einen Wechsel ins Kabarett vor.
TheFunk 24.04.2018
2. äußerst originell!
Tolle Herangehensweise an das Thema! Diese Hundefreunde haben aber nicht wirklich verstanden das die Einschläferung des Hundes keine Strafe für diesen sein soll, sondern aufgrund der zu erwartenden schweren Operationen und der drohenden Isolation anschließend eine Erlösung. Niemand weiß was die Attacke ausgelöst hat und was eine neue Attacke hätte auslösen können.
georg69 24.04.2018
3.
Schreddi ist cool. :-)
fatherted98 24.04.2018
4. so wird...
...ein Phänomen das diskussionswürdig ist verhonnepipelt. Was soll dieser blödsinnige Beitrag. An statt das Thema ernsthaft zu beleuchten, an statt unangenehme Fragen zu stellen...warum Tierleben über Menschenleben gestellt wird, warum Leute für Tiere unterschreiben...ihnen aber Menschen völlig egal sind....wird hier so ein Humbug publiziert. Es scheint das SPON entweder mit Thema überfordert ist...oder es einfach keinen Journalisten gibt der sich traut dieses Thema sachkundig zu beleuchten. Bin mal gespannt wie lange es dauert bis dieses Forum geschlossen wird.
simonroth 24.04.2018
5.
Die sehen ihre eigene unverschuldete Bösartigkeit in mir. Und dann werden sie laut. Vielen Dank, liebe Margarete Stokowski. Made my day.
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