Kampusch-Talkshow "Sie müssen mir jetzt helfen"

Premiere im Privatfernsehen: Das Entführungsopfer Natascha Kampusch wechselt die Seiten - und wird als Talk-Moderatorin Teil der Fernsehwelt, deren Objekt sie bisher war. Als erstes traf sie Niki Lauda. Eine Begegnung zwischen Absurdität und Boulevard, menschlichem Drama und Medienhype.

Von Marion Kraske, Wien


Wien - Eigentlich wollte sie ja nicht, so jedenfalls nicht, derart exponiert und entblößt in der Öffentlichkeit seziert werden, nicht dem geifernden Boulevard ausgeliefert sein, geschweige denn, ihm zuzuarbeiten. Selbst über Flucht ins Ausland wurde schon spekuliert, um den Horden, den bösen Medien zu entgehen.

Und dann das.

Es ist Freitagnachmittag. Puls 4, ein kleiner Privatsender, hat ins Wiener Volkstheater geladen, in die Rote Bar unterm Dach. Ein kleiner, plüschiger Raum mit Theke und Bühne. Es geht um Natascha Kampusch, um das ehemalige Entführungsopfer, es geht um ihr neuestes Projekt. Um Natascha, die Moderatorin. "Natascha Kampusch trifft", so der Name der Sendung, die einmal im Monat ausgestrahlt werden soll.

Puls 4 hat zur Preview geladen, nicht etwa für einen Film, nein, für 40 Minuten Talk mit der Masterin. Selten wohl hat es so etwas gegeben, dass eine schnöde Fernsehsendung sogar mit Akkreditierungspflicht vorab präsentiert wurde. Der Hype, den Kampusch bisher offiziell ablehnte - Puls TV gibt ihm Nahrung.

Körperliche Züchtigungen und gefälschte Zeugnisse

Draußen ist es schwüle 30 Grad warm. Drinnen sitzen rund 40 Journalisten und schwitzen. Dann geht es los, die große Natascha-Kampusch-Show kann beginnen. Erster Gast ist der ehemalige Formal-1-Weltmeister und heutige Airline-Betreiber Niki Lauda.

Kampusch trägt ein dunkles Jäckchen, dazu eine auffallende Kette und einen Rock mit Blumenmuster. Lauda die obligatorische rote Kappe, Anzug und kariertes Hemd. Beide sitzen in lila und pink ausgeleuchtetem Ambiente. Natascha fragt, ob es ihm nichts ausgemacht habe, in ihrer ersten Sendung zu sitzen, Lauda sagt, er sei neugierig gewesen und stelle sich gern der Herausforderung.

Dann spricht das ungleiche Paar, hier der Jetsetter, der seit Jahren in der Öffentlichkeit steht, dort die Newcomerin vor der Kamera, über Laudas Kindheit, seine Besessenheit vom Motorsport, den despotischen Großvater. Zwischendurch zeigt sich Kampusch mitfühlend: Das heißt, fragt sie leise, man hat auch mit körperlichen Züchtigungen nicht gespart?

Fast scheu geht sie anfänglich mit ihrem Gast um, ein Abiturzeugnis, sagt Kampusch, habe er sich ausborgen müssen. Lauda grinst breit und verbessert: "Ich habe es gefälscht." Zur Sprache kommt der schlimme Unfall am Nürburgring, Lauda zeigt seine Verbrennungen an der rechten Hand, an der Stirn, wo Hauttransplantationen erforderlich waren, er zückt seine Kappe und zeigt die blanke Kopfhaut. Natascha fragt: "Wie haben sie diese Zeit empfunden?" Er habe keinerlei Erinnerungen, sagt Lauda, weder an den Aufprall noch an das Feuer. "Gott sei Dank."

Rollentausch. Jetzt fragt Lauda nach Kampuschs eigenen Erinnerungen. Nun ist sie die Befragte. Das ist Teil des Konzeptes. Jetzt schreiben die Journalisten im Vorführraum alle wie wild mit, es ist nicht Lauda, der interessiert, es ist das Mädchen aus dem Keller. Erinnerungen? Sie löse solche Probleme immer schnell, in Form von "Psychohygiene", sagt Kampusch. "Ich bearbeite das so lange, bis ich Lösungsprobleme sehe". Da sitzen sie, der einstige Formel-1-Fahrer und das Entführungsopfer, und vergleichen den Unfall und die jahrelange Gefangenschaft. Lauda sagt: "Wir haben beide Extreme überlebt."



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