Farben von Städten Im Norden wird's bunt

Jede Stadt hat ihre Farbe - das hat ein Mainzer Forscher auf einer Fotoreise durch Europa herausgefunden. Hier sind die Ergebnisse seiner Auswertung.

Markus Pretnar

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Blaues Meer, weißer Schnee, grüner Wald - dass Landschaften die Farben von Ländern prägen, ist eine klare Sache. Aber haben auch Städte eine farbliche Identität? Kann man sie an ihren Farben erkennen?

Markus Pretnar fand die Antwort bei einer fotografischen Reise durch Europa. Vom Nordkap bis Athen fuhr der Mainzer Professor für Innenarchitektur und Farblehre dreieinhalb Monate lang mit seinem Van durch Europa, legte insgesamt 17.000 Kilometer zurück. Seine Mission: Die Farben von 22 Städten entlang des 26. Längengrads zu bestimmen. Spätestens alle 400 Kilometer fotografierte er Stadtansichten in 360-Grad-Panoramen, in Helsinki und Oulu, Bukarest und Minsk, Riga und Athen.

"Mir ging es nicht um die abgebildeten Gebäude, sondern um die Häufigkeit der Farben. Meine Fotos habe ich mit einer Software ausgewertet, die die Farbgebung erkennt und in einem Algorithmus zusammengefasst", erklärt Pretnar die Methode seines Forschungsprojekts "Lokalkolorit". Für jede Stadt hat er das Farbvorkommen in Farbkarten festgehalten.

Das Ergebnis: Städte haben einen individuellen farblichen Ausdruck. In Nordeuropa sind sie farbenfroher, südeuropäische Städte hingegen sind heller, es gibt viel Weiß. Das hat auch mit dem Klima zu tun: "Der Mensch sucht einen Ausgleich seiner Wahrnehmung. Wenn das Wetter oft grau und trübe ist, schafft er sich eine Umwelt, die für Abwechslung sorgt", sagt Pretnar.

Fußgängerzonen sehen überall gleich aus

Dieser Lokalkolorit ignoriert Ländergrenzen - Finnland und Estland etwa sind völlig unterschiedliche Länder, haben aber eine ähnliche Farbpalette. "Die Farbfamilie folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn es um Farben geht, war ich mir zwischen der Ukraine, Rumänien und Bulgarien nicht immer sicher, in welchem Land ich gerade war. Und mit Nationalfarben hat die Farbheimat gar nichts zu tun, das sind willkürliche Produkte, ähnlich den Farben von Fußballvereinen."

Auch Städte in Deutschland haben laut Pretnar ganz eigene Farben. Norddeutschland werde geprägt durch die Rot- und Brauntöne seiner Ziegelarchitektur. Im Bayerischen Wald gebe es Bonbonfarben und Pastelltöne. An ihre Grenzen stößt Pretnars Theorie allerdings in Neubausiedlungen und Fußgängerzonen, die überall gleich aussehen: "Da wird es schwierig, zu differenzieren", sagt Pretnar.

Die bunteste Stadt auf Pretnars Längsschnitt durch Europa war Czernovitz in der Ukraine, im Karpatenvorland nahe der rumänischen Grenze. "Czernovitz stach in seiner Farbigkeit absolut heraus", sagt Pretnar. Auch während des Kommunismus und im Postkommunismus habe sich dieser Ort seine verspielten, bunt-pastelligen Fassaden mit farbigen Keramikbesätzen nicht nur in der Altstadt, sondern auch in neu gebauten Siedlungen und Datschen am Stadtrand erhalten.

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