Kannibalismus-Schau in Berlin Dein Freund, der Menschenfresser

Wenn Kannibalen unzivilisierte Wilde sind, dann wären auch wir ganz schön primitiv. Zu dieser Erkenntnis führt eine Berliner Ausstellung über Kannibalismus, die das Phänomen Menschenfresserei kulturgeschichtlich herleitet und anhand moderner Kunst beweist: Selbstverschlingung liegt voll im Trend.


Der "Kannibale Tom" scheint ein nicht unfreundlicher Mann zu sein. Und nachdenklich dazu. Mit versonnenem Blick hat ihn um 1880 ein anonymer Fotograf festgehalten. Man könnte meinen, der dunkelhäutige Rastalockenträger bedenke gerade, was der Ethnologe Claude Lévi-Strauss erst gut hundert Jahre später zu Papier bringen sollte: "Wir sind alle Kannibalen. Das einfachste Mittel, sich mit dem anderen zu identifizieren, ist noch, ihn zu essen."

Die Ausstellung "Alles Kannibalen?", die, aus Paris kommend, zurzeit in einer Berliner Galerie zu sehen ist, beantwortet ihre Titelfrage recht eindeutig: Ja, wir sind alle Kannibalen. Und sie setzt noch einen drauf: Die Wesen, die wir gewöhnlich der "Menschenfresserei" verdächtigen, sind vielleicht weit weniger fern, als wir bisher dachten.

Anhand historischer und aktueller Kunstwerke führt die Schau die Spannweite der Bedeutungskontexte des Kannibalismus vor. Damit erreicht sie, dass, was anfangs als voyeuristisches Spektakel um die perversen Neigungen von Exoten erscheint, tatsächlich ganz nah an den Betrachter heranrückt.

Forscher gehen davon aus, dass Rituale, bei denen menschliches Fleisch zubereitet wurde, noch in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts praktiziert wurden, beispielsweise in einem kleinen Teil Neuguineas. Doch der Begriff "Kannibale" wurde seit dem 17. Jahrhundert auch als ganz allgemeine Bezeichnung für sogenannte Wilde verwendet. War der "Kannibale Tom" also tatsächlich ein Menschenfresser, der seinesgleichen verzehrte? Oder einfach nur ein Exot, dessen Kultur Forscher früherer Zeiten schlicht nicht verstanden oder verstehen wollten?

Rache, Lust und Bereicherung

Über Jahrhunderte hinweg wurde die ursprüngliche rituelle Bedeutung des Kannibalismus vernachlässigt, sein Wesen dämonisiert. Das wiederum erleichterte es den sich zivilisiert dünkenden Europäern, die kannibalistischen Untertöne der eigenen Kultur auf die "Wilden" zu projizieren.

Denn auch in unserer eigenen Kulturgeschichte, in unseren Mythen und Märchen ist der Kannibalismus präsent - ja sogar in das christliche Ritual der Verwandlung von Leib und Blut in Brot und Wein mischt sich ein Hauch seines Beigeschmacks. Zudem gibt es den Kannibalismus aus Not, bei dem sich etwa Schiffbrüchige über gestorbene oder getötete Leidensgenossen hermachen. Und es gibt den sexuell motivierten Kannibalismus, der bei uns vor allem durch den sogenannten "Kannibalen von Rotenburg" bekannt wurde.

Filme wie "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber", "Das Schweigen der Lämmer", "Delicatessen" und neuerdings sogar die populären "Twilight"-Melodramen umkreisen das Verspeisen menschlicher Körperbestandteile und konnotieren es mit Motiven wie Rache, Lust und Bereicherung.

In der Kunst taucht das Motiv etwa bei Goya ("Desastros") auf, bei Géricault ("Floß der Medusa") und gehäuft im Surrealismus - besonders oft aber bei den zeitgenössischen Produktionen der vergangenen fünf bis zehn Jahre.

Hier schöpft die Ausstellung aus dem Vollen: Wenn sich die Künstlerin Patty Chang für ihr Video "Melons (At a Loss)" die Brust abschneidet, die sich als Melone entpuppt und dann lecker ausgelöffelt wird, spielt sie auf Selbstzerstörung und Magersucht an. Ein schaurig-schönes Gemälde von Wangechi Mutu lässt den grazilen Handkuss eines Vogelmenschwesens in ein blutiges Gepicke ausarten. Und Philippe Mayaux hat die Rede vom "gegenseitigen lustvollen Verschlingen" in Petits Fours und eine Hochzeitstorte umgesetzt, deren zuckrige Zutaten sich bei näherem Hinsehen als Gipsabgüsse von Fingern, Brüsten und Schamlippen entpuppen.

"Rotwein. Und Gehacktes"

Die Ausstellung plädiert dafür, den aktuellen Hang zum Menschenfressermotiv als seismografische Reaktion auf zeitgeschichtliche Entwicklungen zu verstehen. Beispielsweise gehen medizinische Innovationen mit zunehmender Überschreitung der Grenzen zwischen zwei Körpern einher: etwa bei Organtransplantationen, genetischen Manipulationen, Spermien- und Eizellenspenden sowie Leihmütter-Schwangerschaften.

Vor diesem Hintergrund liegt es tatsächlich nahe, das Monströse rassistischer, konsumistischer und sexistischer Tendenzen mit kannibalistischen Motiven zu symbolisieren. Jeanette Zwingenberger, Kuratorin der Berliner Kannibalen-Schau, sagt dazu: "Hinter dem gehäuften Auftauchen der kannibalistischen Metaphorik in der zeitgenössischen Kunst steht der Verlust der Einheit des Körpers und seine Rückkehr als essbares Fleisch".

Aber auch zum Witzeln taugt das Thema noch. Der Hausherr des Berliner "me Collectors Room", der Sammler und Arzt Thomas Olbricht, hat gewissermaßen einen Narren daran gefressen, kannibalistische Postkarten zu sammeln. Auf diesem Feld aber liegt die Motivreflexion noch weit zurück: Gefunden hat er vor allem Karten, bei denen ein paar Klischee-Wilde einen dürren Westeuropäer als "leichtes Mittagsessen" bezeichnen oder potentielle Menschenköche mit einem "We rely on your good taste" für sich werben.

Und als Olbricht in der vergangenen Woche Journalisten zum Besuch der Vernissage seiner so viel Blut und Fleisch zeigenden Bilderschau einlud, meinte er mit sardonischem Lächeln: Es gäbe dann auch "Rotwein. Und Gehacktes".


"Alles Kannibalen?": me Collectors Room Berlin, 29. Mai bis 21. August

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
taiga, 30.05.2011
1. hhh
Zitat von sysopWenn Kannibalen unzivilisierte Wilde sind, dann*wären auch wir ganz schön primitiv. Zu dieser Erkenntnis führt eine Berliner Ausstellung über Kannibalismus, die das Phänomen Menschenfresserei kulturgeschichtlich herleitet und anhand moderner Kunst beweist: Selbstverschlingung liegt voll im Trend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,765535,00.html
Ah, jetzt verstehe ich, warum es bei REWE die entsprechenden Messer gegen ein volles Heft Sammelmarken gibt. Hoffentlich bleiben uns halb verzehrte Selbstverschlinger erspart, wie entsorgt man die? Mal im Ernst: Der Kunstszene gehen jetzt wirklich die Themen aus. Sie sollte sich selbst auffressen.
Ben Major 30.05.2011
2. .
Aus Langeweile folgt Dekadenz, aber wie kann es sein, das man sich in der Spiegel Redaktion langweilt in diesen Zeiten? Deutschland schafft seine Energieversorgung ab, die Eurozone bricht auseinander, Antisemitismus wird wieder gesellschaftsfähig, die ökologische Religion wird politkbestimmend, da gibt es doch jede Menge Themen. Aber Kannibalismus als Kunstthema - geschmacklos.
seine_unermesslichkeit 30.05.2011
3. ...
Wenn ein Forscher heute im Urwald Einwohner entdeckt, die noch Menschenfresserei betreiben, wäre dies dann ein Fall für die UNO wegen Menschenrechtsverletzung? Müsste die Weltgemeinschaft dann dagegen vorgehen und sich in die Lebensweise dieser "Wilden" einmischen?
Ylex 30.05.2011
4. Nach dem Tranchieren
Dieser Artikel ist deprimierend, beweist er doch, wie sehr mir das Kunstverständnis gelegentlich abgeht. Ich sollte mich also gar nicht dazu äußern, tue es aber doch, weil der Text mit faszinierenden Sätzen aufwartet, zum Beispiel, Zitat: „Die Ausstellung plädiert dafür, den aktuellen Hang zum Menschenfressermotiv als seismografische Reaktion auf zeitgeschichtliche Entwicklungen zu verstehen.“ Nicht wahr? Das musste mal gesagt werden, und auch dieses, Zitat: „Vor diesem Hintergrund liegt es tatsächlich nahe, das Monströse rassistischer, konsumistischer und sexistischer Tendenzen mit kannibalistischen Motiven zu symbolisieren.“ Ohne das semiotische Gespür von Frau Schulze wäre ich diesem Befund niemals teilhaftig geworden. So ein Niveau bedrängt natürlich, ich fühle mich veranlasst, auch einen bedeutungsvollen Satz zum Thema abzusondern, hier kommt er: Der Kannibalismus ist nicht so tot wie Kannibalen Menschen machen, um sie sich nach dem Tranchieren einzuverleiben – der Kannibalismus lebt fort bis in die Gegenwart, er wird nur kulturell verklausuliert, wir sind alle Menschenfresser mit zivilisatorischer Ladehemmung. So, das reicht... wussten Sie eigentlich schon, dass Kannibalen aus Medizinern Hot Docs herstellen, dass sie freitags Fischer essen, dass sie bei Skatern an Rollbraten denken und dass sie Rollstuhl-Fahrer als Essen auf Rädern betrachten? Das klingt bedrohlich, ich weiß. Wo war noch die Ausstellung? Ach ja, in Berlin, hmh... die Ausstellung passt irgendwie zu dieser Stadt. Vielleicht schau’ ich mal vorbei, als potentiell lebenserhaltende Maßnahme sozusagen. http://www.toonsup.com/users/l/leichnam/kannibalen_090212_0048.jpg
talvisota 30.05.2011
5. Religionsfreiheit
Zitat von sysopWenn Kannibalen unzivilisierte Wilde sind, dann*wären auch wir ganz schön primitiv. Zu dieser Erkenntnis führt eine Berliner Ausstellung über Kannibalismus, die das Phänomen Menschenfresserei kulturgeschichtlich herleitet und anhand moderner Kunst beweist: Selbstverschlingung liegt voll im Trend. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,765535,00.html
Tja, bei vielen indigenen Völkern (ist) war der Kannibalismus religiös begründet. Wenn die nun (z.B. wegen der Klimaerwärmung) zu uns kommen und sich auf die Religionsfreiheit berufen – muss man ihnen dann den Kannibalismus gestatten? Man könnte ja einen Kompromiss vorschlagen, z.B. das sie nur Nazis fressen?
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