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Kapitalismuskritik bei "Maybrit Illner": Die Jobkiller sind überall

Von Reinhard Mohr

Geht es nur noch um Rendite und nicht mehr um Jobs? Wie verstört deutsche Politiker und Wirtschaftsexperten von Nokias zynischer Strategie sind, war bei "Maybrit Illner" zu beobachten: Linke und Liberale zeigten sich gleichermaßen betroffen, ein Zukunftskonzept hatte jedoch niemand parat.

Merkwürdige Zeiten. Man weiß nicht, ob Uri Geller schuld ist oder Roland Koch, aber selbst das Herz hart gesottener Realisten und berufsmäßiger Zyniker fängt derzeit wieder an, ein bisschen links zu schlagen. Das geht bis zum eigenen Handy. Ob Sie es glauben oder nicht: Seit der Nokia-Vorstand über die Presse mitteilen ließ, dass 2300 Mitarbeiter in Bochum demnächst ihre Sachen packen können, reagiert mein Nokia-Handy nicht mehr korrekt auf den Tastendruck. Da wehrt sich was. Zum Verschicken von SMS muss ich manchmal minutenlang auf dem verfluchten Ding rumfingern, bis es weitergeht. Trotzdem werde ich es nicht einfach wegschmeißen. Das reparieren die mir noch schön, so kurz vorm Untergang.

ZDF-Talk mit Maybrit Illner: Die Fäden in der Hand
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ZDF-Talk mit Maybrit Illner: Die Fäden in der Hand

Auch bei "Maybrit Illner" ging es gestern Abend letztlich um die Frage: Wegschmeißen oder Reparieren? In den elegischen Worten der Redaktion: "Kapital brutal, Jobs egal – zählt nur noch die Rendite?"

Zwar stellte niemand ausdrücklich die Frage nach dem kapitalistischen System insgesamt, alle aber zeigten sich emotional "betroffen" von der Kaltschnäuzigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der Nokia das Prinzip von Profit und Börsenwert vollzieht. Da kam die Kunde vom Rekordgewinn im Jahr 2007 gerade recht: 7,2 Milliarden hat Nokia im vergangenen Jahr, also auch mit der tatkräftigen Hilfe der Bochumer Mitarbeiter, weltweit verdient, ein Gewinnsprung von satten 67 Prozent.

Damit könnte man locker die rumänischen Karpaten samt Draculas Schloss mit Mensch und Maus erwerben, und selbst Guido Westerwelle, das Gesicht des deutschen Neoliberalismus, ließ sich zu der Äußerung hinreißen, das Ganze sei "wirklich eine Sauerei gewesen". Auch der Vorstandschef von AWD, Karsten Maschmeyer, bekannte, "das tut mir ganz doll leid", und es klang durchaus nicht zynisch. Er hätte eine solche Entscheidung, wenn überhaupt, in anderer Form getroffen und vermittelt, sagte er. Schließlich seien die Mitarbeiter, neben dem Markenimage, das "größte Kapital" der Unternehmen. Das Image von Nokia aber, so Maschmeyer, werde nun nachhaltig Schaden nehmen. Andererseits verwies er auf die unerbittlichen Gesetze des globalen Wettbewerbs. Ihn fairer zu machen, müsse das erste Anliegen sein.

Eigentümliche Macht der Konsumenten

Da konnte Oskar Lafontaine nur müde lächeln und die Oberlippe schürzen. Das wusste er alles viel viel besser - und natürlich schon vor allen anderen: So ist er eben, der "irre weltweite Finanzkapitalismus". Der kriegt nie genug Profit. "Die wollen immer mehr!", rief der Linke-Chef in die Runde. Das Schlimmste aber: Das "asoziale Verhalten wird im Raubtierkapitalismus auch noch belohnt". Während der gesamten Talkshow wiederholte Lafontaine, diese Mischung aus Rosa und Radio Luxemburg, sein Drei-Punkte-Mantra wieder und wieder: Kampf dem Lohndumping, nieder mit dem globalen Steuerdumping und weg mit der Leiharbeit!

Dass diese gerade Hunderttausenden den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglicht hat, ist ihm egal. Auch sein Plädoyer für "europaweite Mindestlöhne" ist bizarr: Was hätte wohl ein rumänischer Mindestlohn an der Entscheidung von Nokia geändert, selbst wenn er 400 Euro pro Monat betrüge, 100 Euro mehr als das, was Nokia dort jetzt zahlt?

Viel mehr Aufmerksamkeit verdiente da der Aspekt, wo denkbare Grenzen für die weltweite Suche nach immer profitableren Investments liegen könnten, wenn der Personalkostenanteil, wie bei Nokia, um lächerliche fünf Prozent der Gesamtkosten pendelt. Immer häufiger werden Investoren durch hohe staatliche Subventionen angelockt, die ein paar Jahre später schon verfrühstückt sind. Und weiter zieht die Karawane zum nächsten, noch billigeren Standort.

Auf die eigentümliche Macht der Konsumenten verwies der ZDF-Journalist Michael Opoczynski ("Wiso"): Zwar befinde sich der finnische Handy-Hersteller mit 40 Prozent Anteil am Weltmarkt zur Zeit auf dem Zenit seiner ökonomischen Stärke, doch die Gefahr des Abstiegs dieser einst so nordisch hell strahlenden Marke sei durchaus gegeben. Wer so mit Menschen umgehe und wie Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo allein die "Sprache des kalten Managers" pflege, müsse sich über eine folgenreiche Gegenreaktion von Millionen Verbrauchern nicht wundern.

Allgemeine Ratlosigkeit

Maybrit Illner hielt die Fäden der Diskussion sehr gut in der Hand, auch wenn der linkspopulistische Obernarziss Oskar Lafontaine es körperlich kaum ertragen konnte, wenn Guido Westerwelle seinem Mantra von der durchregulierten Weltwirtschaft widersprach: "Die Österreicher werden uns den Vogel zeigen, wenn wir ihnen unser bürokratisches Steuersystem aufdrücken wollen!"

Auffallend häufig setzte Illner kurze Erklär-Einspieler ein. Hier hat wohl die harte, aber faire Konkurrenz von Plasberg und Co. gewirkt. Doch anders als in der ARD verlor man vor lauter "Wir haben da mal eine Frage"-Getue gestern Abend nicht den Überblick. Im Gegenteil: Selten schälte sich die allgemeine Ratlosigkeit, politisch wie gesellschaftstheoretisch, so klar heraus.

Wenn selbst eine hoch flexible, gewinnträchtige, motivierte und zu persönlichen Einschränkungen bereite Belegschaft wie bei Nokia Bochum ihre Arbeitsplätze nicht retten kann, was soll man dann noch tun? Auf die Tatsache hinweisen, dass Deutschland insgesamt von der Globalisierung profitiert und gerade einen historischen Höchststand in Sachen offizieller Arbeitsverhältnisse vermelden kann? Wie Westerwelle auf den Mittelstand setzen, der 80 Prozent der Jobs schafft? Bildung und Qualifikation, moderne Infrastruktur, Erfindungsreichtum und Geschick stärken, die einzigen deutschen Rohstoffe der Zukunft? Oder auf die weltweite Zähmung des volatilen Kapitals durch ein großes Regelwerk, am besten gleich mit einer kompletten Weltregierung? Keiner weiß es im Augenblick genau.

Nur eines wurde ziemlich deutlich: Der Wahlspruch von Bill Clintons erster Präsidentschaftskampagne – It's the economy, stupid!" – klingt hier und heute ein bisschen anders. Es ist leider viel komplizierter.

Und jetzt bringen wir unser Handy zur Reparatur. Kostenlos selbstverständlich.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
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1. Kapitalismus und Alternativen
Norbert Rost 25.01.2008
Natürlich: Die Eigenheit eines kapitalistischen Wirtschaftssystems ist es nunmal, aus Kapital mehr Kapital zu machen. Das ist quasi Grundgesetz. Das aus dem "immer mehr" ein "über den ganzen Globus" wird ist nur folgerichtig. Und einerseits ist es wünschenswert, wenn auch die Menschen in Rumänien irgendwie profitieren. Aber nachhaltig ist diese Art des Wirtschaftens ganz sicher nicht, wenn eine Gruppe Menschen gegen eine andere Gruppe Menschen ausgespielt wird. Zukunftskonzepte? Ich bin kein Freund von Planwirtschaftsspielen des "realen Sozialismus". Ich finde den Markt ein sehr nützliches Instrument. Aber es muß selbst den großen Firmen klar sein: An wen wollen sie ihre Produkte teuer verkaufen, wenn sie die Menschen, die die Produkte kaufen sollen, nicht mehr am Wertschöpfungsprozess beteiligen? Der Lohn, den ein Unternehmen zahlt ist letztlich die Kaufkraft, um die es sich "am Markt" bemüht. Lohndrückerei ist mittelfristig Einnahmendrückerei - dass das nicht gesund ist, wird selbst Nokia erkennen. Als Zukunftskonzept bleibt mir da nur zu empfehlen, die globalen Strukturen um regionale Strukturen zu ergänzen. Regionale Strukturen, aus denen es keinen Sinn macht, zu verlagern, sondern die durch regionale Wirtschaftskreisläufe Produktionsstandort und Absatzmarkt zugleich sind: Regional ergänzt Global: http://www.regionales-wirtschaften.de/4.24.0.0.1.0.phtml
2. Ohnmacht des Staates
turkisharmy 25.01.2008
Der einfache Bürger steht niemals über dem Gesetz. Die großen Kapitalgesellschaften immer. Wenn das so weiter geht leben wir bald in "Logoland". Die Rumänen, Chinesen, Weißrussen, Inder etc. werden nicht ewig für nichts arbeiten wollen. Irgendwann werden die "Heuschrecken" kein Futter mehr haben. Dadurch dass NOKIA - Handys in Rumänien produziert werden, werden sie in Deutschland auch nicht billiger.
3. Und die Konsequenz?
kurt klemm, 25.01.2008
In Deutschland wird es einen nennenswerten Zuwachs von Arbeitsplätzen nur im qualitativ höherstehenden Arbeitsbereich geben. Das Problem in unserem Land ist die aufgehende Schere zwischen Lebenshaltungskosten und Billiglöhnen. Mit Lohndumping müsste ein Mietpreisdumping, ein Energiepreisdumping und ein allgemeines Lebenshaltungkostendumping einher gehen.
4. Nokia, nur ein Beispiel
Thwege, 25.01.2008
Man kann den Wegzug von Nokia nach Rumänien bedauern. Fakt ist aber, dass dies in Zukunft noch viel häufiger geschehen wird. Wann begreifen wir endlich, dass einfache Produktionsarbeit in Deutschland keine Chance hat? Noch immer ist der Anteil des produzierenden Gewerbes viel zu hoch. Handy's oder Autos zusammenschrauben können die in anderen Länder auch und zwar wesentlich billiger als in Deutschland. Entwickeln ist schon eine andere Sache. Wir müssen uns viel mehr konzentrieren auf den modernen standortgebundenen Dienstleistungssektor und auch auf Innovationen. Hierzu gehört zunächst einaml ein wesentlich besseres Bildungssystem. Eines sollte man bei all dem noch bedenken: der eigentliche Grund für den globalen Turbokapitalismus ist der Konsument und Anleger. Die "Geiz ist geil"- Mentalität sorgt für immer grösseren Druck, um noch billiger zu produzieren. Es sind auch nicht nur die grossen Bonzen-Anleger mit der Sucht nach Rendite. Jeder kleine Bürger ist Teil des Räderwerks, er braucht ja nur eine Versicherungspolice zu haben oder ein paar Kröten auf dem Sparkonto. Wer will den nicht mehr Zinsen dafür? Wie können Banken höhere Zinsen anbieten? Indem sie am Kapitalmarkt investieren und auf hohe Renditen der Unternehmen schauen. Dieses gejammer bei jeder werksverlegund bin ich echt satt. Den standortgebundenen Mittelstand konkurrenzfähig machen und unterstützen ist da schon viel sinnvoller. Zwei Dinge noch zum Trost: Konsumgüter werden immer billiger, wodurch sich selbst der Arbeitslose mehr und mehr leisten kann. Zweitens: nachdem Rumänien ein paar Jahre profitiert hat (wodurch auch dort die Löhne steigen) zieht die Karawane nach Indien oder sonstwohin weiter. MFG
5. Umdenken erwünscht
Dunedin, 25.01.2008
Ich lass mich mal zur Träumerei hinreissen und vermute das Nokia´s brutale Massententlassungen zu einem Umdenken in der Politik , vielleicht sogar mehr führt ? Was bleibt war der letzte und beste Satz des SPON Artikels: "Und jetzt bringen wir unser Handy zur Reparatur. Kostenlos selbstverständlich."
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