Karfreitagsverbote Das wird man doch noch zeigen dürfen!

Was haben "Schulmädchenreport" und "Das Leben des Brian" gemeinsam? Beide Filme dürfen an Karfreitag nicht öffentlich gezeigt werden. Doch es gibt Ausnahmeregelungen.

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Von Jan Russezki


Es ist eine der schönsten Szenen aus dem Monty-Python-Klassiker "Das Leben des Brian": Eine Menschenmenge hat sich vor einem Fenster versammelt, oben spricht ein Messias, der keiner sein will: "Ihr habt euch von niemandem sagen zu lassen, was ihr tun und... …" Bevor Brian seinen Satz beenden kann, wird er am Ohr davongezogen.

Brians Aufruf zu weniger Gehorsam bringt auch die Haltung von Martin Budich auf den Punkt: "Religion darf keinem aufgezwungen werden", sagt der 67-jährige Rentner. "Keine klerikale Bestimmung darf mir vorschreiben, wie ich mich verhalten soll." Seit Jahren zeigt Budich jeden Karfreitag Monty Pythons Komödie um einen Mann, der unfreiwillig verehrt wird, in Bochum. Und zwar nicht nur, weil er den Film so schätzt. Sondern aus Prinzip, weil der Film an genau diesem Tag in Deutschland nicht öffentlich vorgeführt werden darf.

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Karfreitagsverbote: Erlaubt oder nicht erlaubt?

Denn an Karfreitag - wie etwa auch an Allerheiligen und am Volkstrauertag - wird es in den meisten Bundesländern Deutschlands still. An einem der wichtigsten Tage der christlichen Kirche sorgen die sogenannten Feiertagsgesetze für Ruhe: Etwa ist in NRW bei Rundfunksendungen zu bestimmten Tageszeiten "auf den ernsten Charakter der stillen Feiertage Rücksicht zu nehmen", in anderen Bundesländern herrschen Verbote für Tanz- und Sportveranstaltungen.

Und die Freiwillige Selbstkontrolle Film (FSK), die sonst Altersfreigaben festlegt, pflegt eine Liste von Filmen, die bundesweit nicht öffentlich vorgeführt werden dürfen - wer sich nicht daran hält, muss mit einem Bußgeld von bis zu 1000 Euro rechnen. Neben Monty Pythons Religionssatire stehen derzeit noch rund 770 weitere Filme auf der Liste, die Einzelbegründungen sind dabei nicht öffentlich, die Richtlinie allgemein gehalten: "Filme, die dem ernsten Charakter der Feiertage so sehr widersprechen, dass eine Verletzung des religiösen und sittlichen Empfindens zu befürchten ist, erhalten keine Feiertagsfreigabe", sagt der Sprecher der FSK Stefan Linz. Die FSK selbst scheint zumindest lockerer damit umzugehen: In den Fünfzigern wurden 60 Prozent der erschienenen Filme verboten, während heute nur etwa 1 Prozent auf dem Index landen.

Teilerfolg errungen

In den Achtzigern kamen zum Beispiel der 13. Teil des "Schulmädchen-Reports" auf die Liste, auch der Erotikfilm "Verführung einer Nonne". Die turbulent-klamaukige Komödie "Louis, der Schürzenjäger" mit dem französischen Zappelphillip Louis de Funès ist ebenfalls verboten, auch die Astrid-Lindgren-Verfilmung "Die Brüder Löwenherz", "Heidi in den Bergen" und der deutsche Kifferkultfilm "Lammbock" sind indiziert.

Religionsfrei im Revier, "Das Leben des Brian" 2017
Daniela Wakonigg

Religionsfrei im Revier, "Das Leben des Brian" 2017

Ein Sprecher des Katholischen Büros Nordrhein-Westfalen sagt dazu: "Über die Sinnhaftigkeit eines Verbots von Filmen wie 'Heidi' oder 'Die Brüder Löwenherz' kann man sicherlich diskutieren." Aber das Zeigen von "Das Leben des Brian" verunglimpfe einen "wesentlichen Inhalt des christlichen Glaubens".

"Klerikale Bestimmungen haben in der Bevölkerung keinen Rückhalt mehr", findet Martin Burdich. Er kämpft für eine Reform des Gesetzes. So enthält das Feiertagsgesetz NRW eine Formulierung, die an jüdischen Feiertagen nicht das ganze Bundesland, sondern nur die Menschen in der Umgebung von Hauptgottesdiensten einschränkt, mit Bestimmungen zu Lärm und öffentlichen Versammlungen.

Ein ähnliches Modell solle auch für christliche Feiertage gelten, findet Budich - das Innenministerium NRW winkt aber ab: "Dass hinsichtlich des Stilleschutzes für den Karfreitag als hohem Feiertag sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche die weitest gehenden Einschränkungen normiert werden, erscheint angesichts der Verteilung der Religionszugehörigkeiten der Bevölkerung in NRW angemessen", sagt ein Sprecher.

Immerhin einen Teilerfolg hat Budich trotzdem schon errungen: Dieses Jahr können die Besucher seines Karfreitag-Filmabends Brian legal zuschauen, wenn er am Kreuze hängt und singt - einmalig und zum ersten Mal: 2014 bekam Budich ein Bußgeld von der Stadt Bochum - das bot ihm die rechtliche Möglichkeit, sich durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht zu klagen. Und tatsächlich: Aufgrund seiner Klage empfahl das Bundesverfassungsgericht, bei der Bezirksregierung einen Antrag auf Ausnahme zu stellen.

Martin Budich: nur ein Teilerfolg
privat

Martin Budich: nur ein Teilerfolg

Diesen formulierte Budich maximal provokant als Gegensatz zum Gesetzestext: Es gehe um eine "besonders unterhaltsame Veranstaltung im Rahmen eines antiklerikalen Kabarettprogramms" - er bekam die Ausnahmegenehmigung dennoch. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Sieg, verbucht Budich nur als Teilerfolg. Denn ein Zeichen für eine Veränderung ist es nicht: "Das Bundesverfassungsgericht hat sich vor einem inhaltlichem Entscheid über das Gesetz gedrückt, indem es eine Ausnahme ermöglicht hat", sagt Budich. Mit seinen "Brian"-Filmvorführungen kann er jetzt nicht mehr für eine Reform kämpfen. Denn die Ausnahmegenehmigung bekäme vermutlich immer wieder - um auf juristischer Ebene gegen die Feiertagsgesetze vorzugehen, taugen seine "Brian"-Vorführungen deshalb absurderweise nicht mehr.

Im nächsten Jahr will er dennoch einen neuen Anlauf am Bundesverfassungsgericht nehmen, um das Gesetz zu kippen - was genau er tun will, weiß er auch noch nicht: "Vielleicht probiere ich es mal mit einer illegalen Tanzveranstaltung."

In München wird schon dieses Jahr am Karfreitag getanzt. Dort hat sich der "Bund für Geistesfreiheit München" eine Ausnahmegenehmigung für die Tanzveranstaltung "Heidenspaß statt Höllenquallen" erklagt. Nun bietet er Klubbesitzern die nötigen Papiere für den Antrag auf Ausnahme an - der Bund nennt sie "Ablassbriefe".



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