Karikaturen-Ausstellung Dem Sultan eine lange Nase drehen

Satire und Islam - das klingt nach Ärger. Und was ist erst los, wenn die Zeichner selbst Muslime sind? Muslimische Karikaturen, geht das überhaupt? Natürlich, und zwar seit über hundert Jahren. Zu sehen in einer Frankfurter Ausstellung.

Von Birgit Frank


Wenn es um seine Nase ging, hörte der Humor von Sultan Abdülhamid II. (1842-1918) schlagartig auf. Er untersagte jede Anspielung auf sein Riechorgan und verbot schließlich gar das Wort "Nase". Ein Satiriker verewigte seine Nase daraufhin in einer Karikatur, weshalb der Sultan im Jahre 2008 zu neuen Ehren kommt: "Die Nase des Sultans" heißt eine Ausstellung türkischer Karikaturen, die gestern Abend im Frankfurter Museum der Weltkulturen eröffnet wurde. Dort werden 44 Zeichnungen von 26 Zeichnern gezeigt, darunter sind auch vier Frauen.

Die Kombination von Karikaturen und Islam hat seit den Mohammed-Karikaturen den Beigeschmack brennender Fahnen und wuterfüllter Protestmärsche. Karikaturen, die von Muslimen gezeichnet wurden, scheinen da erst recht unmöglich. Aus diesem Grund war das Interesse in Deutschland an der Ausstellung groß, so die Kuratorin Sabine Küper-Büsch. Auch von türkischer Seite stieß sie auf viel Zustimmung: "Viele wollten zeigen, dass die Türkei nicht humorlos ist."

Tatsächlich darf der Humor vieles, was andere nicht dürfen. Trotz mangelnder Pressefreiheit könnten Satirezeichner in der Türkei gerade politische Themen deutlich schärfer kritisieren, als das schreibenden Journalisten möglich sei, so Küper-Büsch. Und diese Freiheit nutzen sie. Häusliche Gewalt, Kopftücher oder EU-Beitritt - Alltagsleben findet in der Satire ebenso statt wie die große Politik.

Verhüllte Frauen und nackte Haut

Karikaturen haben in der Türkei Tradition: Schon im 19. Jahrhundert wurde Kritik aufs Blatt gezeichnet, politische oder gesellschaftliche Konflikte satirisch aufgegriffen. Heute thematisieren die Zeichner gerne das Verhältnis von Mann und Frau oder die Rolle des Islam. Zwar sind die meisten Karikaturisten in der Türkei männlich, die zeichnenden Frauen aber dafür besonders populär. Auch sie nehmen den Kampf der Geschlechter mit dem Stift auf. "Es gibt einen Trend zur positiven Grenzüberschreitung", sagt Küper-Büsch. So gebe es die Figur des bösen Mädchens, das mit gesellschaftlichen Tabus breche, dabei aber positiv dargestellt werde.

Die Ausstellung ordnet die Karikaturen in den jeweiligen politischen und geschichtlichen Hintergrund ein. Viel nackte Haut ist dabei ebenso zu sehen wie tief verschleierte Frauen. Bei Kemal Aratan geht es bunt zu: "Der Strand Lemanyak" ist in grellen Farben gezeichnet, am Strand wird eine Orgie gefeiert, die Menschen tanzen in der gleißenden Sonne. "Hochhaus und Minarett" aus dem Jahr 2006 dagegen ist puristisch, mit wenigen Strichen in schwarzweiß thematisiert Tan Oral das sich verändernde Bild der Metropole Istanbul.

Ministerpräsident Erdogan als Frosch

Fast jede Tageszeitung in der Türkei druckt Karikaturen. Nun ist die Türkei keine Nation, in der besonders viel Zeitung gelesen wird. Aber Satirezeitschriften sind beliebt und erreichen laut Küper-Büsch eine Gesamtauflage von rund 200.000 Exemplaren. In den türkischen Karikaturen funktioniere der Humor oft allegorisch, man schaffe gleichnishafte Figuren, so die Kuratorin. Diese Figuren seien entweder idealisiert oder stellten ein stark übertriebenes Anti-Bild dar.

Doch auch die Satire hat Grenzen: Staatsgründer Atatürk negativ zu karikieren ist tabu. Militär und Regierung werden dagegen nicht verschont. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wurde wegen seiner Wirtschaftspolitik schon als riesige blutsaugende Zecke dargestellt. Dagegen wirken andere Karikaturen nahezu harmlos: Erdogan als eine in ein Wollknäuel verhedderte Katze beispielsweise. Auch als Kamel oder Frosch wurde er schon gezeichnet. Oft fühlte sich der Regierungschef durch die Karikaturen beleidigt, klagte immer wieder auf Schadenersatz. Die Gerichte entschieden jedoch meist zugunsten der Zeichner.

Angst, dass die Karikaturen-Ausstellung Protest hervorruft, hat Küper-Büsch nicht. Zumal nicht von muslimischen Fanatikern: "Die meisten Zeichnungen stammen ja von muslimischen Karikaturisten."

Die Ausstellung "Die Nase des Sultans" läuft in Frankfurt bis zum 16. November und ist im Anschluss auch in Wien zu sehen. Sie gehört zum offiziellen Sonderprogramm, mit dem sich die Türkei als Ehrengast auf der Buchmesse präsentiert.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.