Karikaturist Deix: "Mir ging's nur um die Weiber"

2. Teil: "Ich mache Fotorealismus!"

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie begonnen, mit dem Zeichnen Geld zu verdienen?

Deix: Als die Magazine entstanden. Oskar Bronner hat damals das "Profil" gegründet, das sollte so etwas wie der österreichische SPIEGEL sein. Dort hab ich mich beworben, die haben meine Sachen gedruckt, obwohl sich die Leser furchtbar aufgeregt haben, und dann ging's mit den Zeitungen weiter.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen haben Sie alles durch, von "pardon" bis SPIEGEL.

Deix: Ja, da hab ich einiges durchgemacht. Aber ich hab nur getan, was ich tun musste. Ich bin ein Produkt meiner Talente.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man in St. Pölten in ein Wirtshaus geht, hat man den Eindruck, in einer Zeichnung von Deix zu sitzen.

Deix: Ich zeige die Leute so, wie sie sind. Was ich mache, ist eine Art von Fotorealismus.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht immer so gefeiert worden wie vor kurzem, zu ihrem 60.

Deix: Kann man so sagen. Man hat mich gehasst, meine Blätter sind als abscheulich empfunden worden, es hat massenweise Abo-Kündigungen bei den Magazinen gegeben. Wenn ich mir das heute angucke, dann bin ich sprachlos, was ich mir damals erlaubt hab. Ich hab zum Beispiel einen Richter gezeichnet, der einen Delinquenten an der Nudel zieht und sie mit einem Beil abhackt. Und am Boden liegen die blutigen Schwänze. Alles in grellen Farben. Das war eine Doppelseite in "profil".

SPIEGEL ONLINE: Gab es damals in Österreich so etwas wie political correctness?

Deix: Den Begriff hat's nicht gegeben, die Sache selbst schon. Das war die Grundstimmung im Land, nur ohne den Begriff. Ich war richtig scharf darauf, die Leute zu provozieren. Das hat mir Spaß gemacht, weil ich gemerkt hab, wie aufgeregt die Leute reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Ein alter Freund von Ihnen, Klaus Eberhartinger, hat in der Laudatio auf Sie gesagt: "Manfred Deix hat noch nie jemand unabsichtlich verletzt."

Deix: Das hat er gut gesagt. Ich hab das auch als meine Aufgabe betrachtet, wenn man Karikaturen macht, dann muss man den Leuten auch wehtun. Die Leute, die es verdienen, denen muss man einen drüberziehen. Die tun mir auch weh, ich bin auch ständig beleidigt worden durch das Verhalten der katholischen Politiker, die damals das Land fest im Griff hatten. Ich musste zurückschießen, das war mein gutes Recht. Es waren Notwehrzeichnungen. Ich wurde sechsmal geklagt und verurteilt.

SPIEGEL ONLINE: Den internationalen Durchbruch hatten Sie mit dem Pferd von Waldheim.

Deix: Ja, das war wirklich gut. Aber die Idee war nicht von mir, die war von dem damaligen Kanzler Sinowatz. Der hat gesagt: "Ich nehme zur Kenntnis, der Waldheim war nicht bei der SA, das war nur sein Pferd." Das hab ich mir gemerkt, und daraus ist das Bild entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Heute sind Sie mit dem Landeshauptmann von Niederösterreich und ÖVP-Politiker Erwin Pröll befreundet.

Deix: Gut, ich mache nicht mehr so blutrünstige Bilder wie vorher, ich hab das ausgereizt und ausgekostet. Aber Österreich hat sich auch geändert. Es hat einen Generationswechsel gegeben, die alten Nazis sind weg oder halten den Mund. Ich behaupte, ich hab die Generation der jetzt 40- bis 50-Jährigen mit erzogen. Deren Eltern haben gesagt: Der Deix ist ein Schwein. Jetzt sitzen sie in den Führungsetagen. Die Empörung ist weg.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Sie denn nicht nervös, dass Sie inzwischen machen können, was Sie wollen?

Deix: Überhaupt nicht! Ich genieße den Zustand. Die harten Zeiten sind vorbei. Aber es ist noch immer genug los. Und die Herausgeber der Zeitungen brauchen mich. Ohne den Deix wäre es nur halb so lustig.

SPIEGEL ONLINE: Was kann aus dem Deix noch werden? Er hat für große Zeitungen gearbeitet, er hat ein eigenes Museum, er ist per Du mit dem Landeshauptmann von Niederösterreich ...

Deix: ... und mich hat sogar der Billy Wilder mal angerufen, vor über 20 Jahren, um mir zu sagen, dass er ein großer Verehrer meiner Kunst ist. Ich dachte, mich trifft der Schlag.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie sagen, wenn der "Osservatore Romano", die Zeitung des Papstes, Sie bitten würde, für das Blatt zu arbeiten?

Deix: Wenn die Kohle stimmt - jederzeit. Auch die Kirche hat sich verändert. Nur was hinter verschlossenen Türen passiert, das weiß niemand. Nach dem Sex-Skandal im Priester-Seminar von St. Pölten hab ich gejubelt! Dagegen ist San Francisco tiefste Provinz. Dann hab ich Bischof Kurt Krenn kennengelernt und festgestellt, das ist ein dicker, gemütlicher Mann, der saufen kann wie ein Büffel. Der hat mich freundlich wankend begrüßt und gesagt: "Vergessen Sie nie, vom wem Sie das Talent haben, von dem da oben! Sie dürfen das Talent nicht missbrauchen!" Und da hab ich ihm gesagt: "Das mach ich am liebsten!"

Das Interview führte Henryk M. Broder

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Mir ging's nur um die Weiber"
james592 28.02.2009
Der fehlt hier in der BRD mit seiner Durchschlagskraft. Leider sterben die guten Karikaturisten meher und mehr aus, ganz ähnlich wie die Kabarretisten. Hat wahrscheinlich eine Menge mit dem politgesteuerten Medien zu tun. Si. Koch, Merkel, ZDF.
2. Pinsel und Feder, ora et labora
dasky 28.02.2009
Zitat von sysopSpießer sind gezeichnet - vom Scharfsinn des Karikaturisten Manfred Deix. Seit Jahrzehnten nimmt der Künstler bürgerliche Unarten aufs Korn. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Sex als kreativen Motor... http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,610482,00.html
Wie das? Wenn er den Pinsel schwingt oder ordentlich bürstet, dann ruht die Feder.....
3. Herzlichen Glueckwunsch!
CattomBXL 28.02.2009
Manfred Deix ist neben Gerhard Haderer einer der besten Karikaturisten im deutschsprachigen Raum. Glueckwunsch zu dem gelungenen Interview, und alles Gute fuer Herrn Deix in den naechsten Jahrzehnten!
4. was mir gefehlt hat
bonus 01.03.2009
waren ein paar worte über seine vielen katzen. ansonsten hat schon der richtige das interview geführt. die beiden passen zusammen. der eine mit dem pinsel und der andere mit der feder. köstlich! :-)
5. na, das ist nicht ganz so zu beklagen . . .
lalito 02.03.2009
Zitat von james592Der fehlt hier in der BRD mit seiner Durchschlagskraft. Leider sterben die guten Karikaturisten meher und mehr aus, ganz ähnlich wie die Kabarretisten. Hat wahrscheinlich eine Menge mit dem politgesteuerten Medien zu tun. Si. Koch, Merkel, ZDF.
. . . die BZ (Badische Zeitung) bemüht sich hier im Süden redlich hin und wieder auch mal derbere und echt schräge Karrikaturen zu bringen, und das im Ländle, alle Achtung, da zieh ich den Hut . . .
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