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Karikaturist Deix: "Mir ging's nur um die Weiber"

Spießer sind gezeichnet - vom Scharfsinn des Karikaturisten Manfred Deix. Seit Jahrzehnten nimmt der Künstler bürgerliche Unarten aufs Korn. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Provokationslust, Sex als kreativen Motor und das Grauen des Alterns.

Seltsames Österreich. Einerseits gilt man als konservativ und konfliktscheu, andererseits werden in keinem anderen europäischen Land Künstler so geschätzt und gefördert wie in der Alpenrepublik. Sogar passionierte Nestbeschmutzer werden mit Ehren überhäuft, die meisten, wie Thomas Bernhard, nach ihrem Ableben, einige, wie Manfred Deix, schon zu Lebzeiten.

Der Karikaturist aus St. Pölten zieht seit 40 Jahren über seine Landsleute her: antiautoritär und antiklerikal bis zum Äußersten. Und dafür lieben sie ihn. Im Karikatur-Museum von Krems an der Donau wurde vor kurzem Deix' 60. Geburtstag mit einer großen Werkschau gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Deix, wie ist das Älterwerden?

Deix: Schmerzhaft. Hanns-Dieter Hüsch hat immer gesagt: Ein Tag mehr ist ein Tag weniger. Aber ich hab keinen Grund, mich zu beschweren. Ich bin auf die Butterseite des Lebens gefallen, weil ich Talente hab, von denen ich gut leben kann. Die meisten haben ja schwere Jobs, Bankangestellte zum Beispiel, die müssen nach der Uhr leben, und ich hab das Glück des Künstlers, ich hab keine Uhrzeit und keine Vorgesetzten, nach denen ich mich richten muss.

SPIEGEL ONLINE: Aufgewachsen sind Sie in einem gutbürgerlichen österreichischen Elternhaus.

Deix: Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater ein Angestellter in einem Lebensmittelgroßhandel. Er war Kriegsinvalide, ist aus Russland mit einem abgetrennten Arm zurückgekommen, hatte nur so einen Stummel auf der linken Seite. Dadurch hat er alles nur mit der rechten Hand gemacht, und der rechte Arm wurde im Laufe der Zeit so stark wie ein Oberschenkel. Ich hab immer gedacht, dass die anderen Kinder missratene Väter haben, weil die immer geradeaus geschwommen sind. Die haben zwei Arme, wie schaut denn das aus?

SPIEGEL ONLINE: So haben Sie schon früh die Relativität des Normalen erfahren.

Deix: Ja, und davon leben meine Arbeiten bis heute. Meine Erinnerung reicht lange zurück, bis in das Alter von zwei Jahren. Wenn meine Eltern einkaufen gegangen sind, haben sie mich immer zu den Nachbarn gebracht. Das war ein lesbisches Paar.

SPIEGEL ONLINE: Es gab vor 60 Jahren Lesben in St. Pölten?

Deix: Klar! Und diese Lesben haben sich in mich verliebt, weil ich so ein liebes Kind war. Und da hab ich zum ersten Mal eine halbnackte Frau gesehen. Den großen Busen, den hab ich mir gemerkt. Die Frau war Lastwagenfahrerin, kräftig gebaut, soooolche Schultern. Später hab ich dann als Sechs-, Siebenjähriger für die aufgeweckten Buben in meiner Klasse Frauen mit großen Dutteln gezeichnet. Die sind mit roten Ohren um mich gestanden. Da hab ich meine ersten Bestellungen aufgenommen und am nächsten Tag um 15 Groschen das Stück verkauft. Von dem Geld hab ich mir Bonbons gekauft. Mit sieben Jahren war ich schon Pornohändler. Und da ich nicht gewusst hab, wie die Frauen untenrum aussehen, hab ich denen auch Zumpferl dazugemacht. Oben große Dutteln, unten kleine Zumpferl. Ich hab ordentlich verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Das war der Anfang der Karriere?

Deix: Ja, dann ist auch den Lehrern aufgefallen, dass da einer ist, der besser zeichnen kann als andere. Als ich elf war, ist der Religionslehrer an mich herangetreten. Er sagte, er hätte einen irre interessanten Pfadfinderroman gefunden, den ich illustrieren sollte. Es ging um eine deutsche Pfadfindergruppe, die fährt nach Nordafrika, um dort Abenteuer zu erleben. Dabei entdecken sie einen kleinen Buben, der von den Tuaregs gefangen gehalten wird. Und was machen die? Befreien den kleinen Akmadur, bringen ihm Deutsch bei, und am Schluss sagt er dann: "Ich möchte Priester werden." Ich bekam den Auftrag, daraus einen Comic zu machen, der ein Jahr lang jede Woche in Fortsetzung erscheinen sollte, in der Niederösterreichischen Kirchenzeitung. Die hatte damals 200.000 Abonnenten, jeder Bauer hatte sie auf dem Küchentisch. Und damit bin ich bekannt geworden. Die Geschichte hieß: "Unter der Sonne Afrikas, gezeichnet von Manfred Deix (elf Jahre)". Die Bauern sind in das Wirthaus meiner Eltern gekommen und wollten wissen: "Das ist der Manfred?"

SPIEGEL ONLINE: Gab's zum Zeichnen eine Alternative? Wollten Sie nie Polizist oder Lokführer werden?

Deix: Gott behüte! Boxer wollte ich werden. Das hat mich fasziniert, das ganze Drumherum. Wie die durch den langen Gang zum Ring gehen, in einem Bademantel mit einer Kapuze über dem Kopf. Wie dann die Frauen mitleiden, wenn sie zusammengeschlagen werden, und jubeln, wenn sie siegen. Mir ging's eigentlich immer nur um die Weiber. Mit elf, zwölf Jahren wollte ich Frauenarzt werden. Ich hab mir vorgestellt, wie die Patientin sagt: "Da tut's weh, Herr Doktor, können Sie mir bitte helfen?"

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie diesen Traum aufgegeben?

Deix: Als ich eines Tages beim Arzt gesessen bin und gesehen hab, was da für Frauen waren. Und dann gab's zum Zeichnen keine Alternative. Allerdings bin ich nach zweieinhalb Jahren aus der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt rausgeflogen, weil ich immer geschwänzt hab. Die haben mich ausgeschult, dann hab ich mich in der Akademie der Bildenden Künste angemeldet. Das konnte man auch ohne Abschluss, wenn die einen haben wollten. Ich hab's getan, um meine Eltern zu beruhigen. Ich hab denen gesagt: "Ich bin jetzt auf einer Hochschule, das ist viel besser." Worauf mein Vater wissen wollte: "Wann ist dort der Elternsprechtag?" Mir war das Studium wurscht, ich blieb nur auf der Akademie, um nicht zum Militär zu müssen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Mir ging's nur um die Weiber"
james592, 28.02.2009
Der fehlt hier in der BRD mit seiner Durchschlagskraft. Leider sterben die guten Karikaturisten meher und mehr aus, ganz ähnlich wie die Kabarretisten. Hat wahrscheinlich eine Menge mit dem politgesteuerten Medien zu tun. Si. Koch, Merkel, ZDF.
2. Pinsel und Feder, ora et labora
dasky 28.02.2009
Zitat von sysopSpießer sind gezeichnet - vom Scharfsinn des Karikaturisten Manfred Deix. Seit Jahrzehnten nimmt der Künstler bürgerliche Unarten aufs Korn. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Provokationslust, Sex als kreativen Motor und das Grauen des Alterns. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,610482,00.html
Wie das? Wenn er den Pinsel schwingt oder ordentlich bürstet, dann ruht die Feder.....
3. Herzlichen Glueckwunsch!
CattomBXL 28.02.2009
Manfred Deix ist neben Gerhard Haderer einer der besten Karikaturisten im deutschsprachigen Raum. Glueckwunsch zu dem gelungenen Interview, und alles Gute fuer Herrn Deix in den naechsten Jahrzehnten!
4. was mir gefehlt hat
bonus 01.03.2009
waren ein paar worte über seine vielen katzen. ansonsten hat schon der richtige das interview geführt. die beiden passen zusammen. der eine mit dem pinsel und der andere mit der feder. köstlich! :-)
5. na, das ist nicht ganz so zu beklagen . . .
lalito 02.03.2009
Zitat von james592Der fehlt hier in der BRD mit seiner Durchschlagskraft. Leider sterben die guten Karikaturisten meher und mehr aus, ganz ähnlich wie die Kabarretisten. Hat wahrscheinlich eine Menge mit dem politgesteuerten Medien zu tun. Si. Koch, Merkel, ZDF.
. . . die BZ (Badische Zeitung) bemüht sich hier im Süden redlich hin und wieder auch mal derbere und echt schräge Karrikaturen zu bringen, und das im Ländle, alle Achtung, da zieh ich den Hut . . .
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