Sprachforscher Göttert "Das Wort Blockbuster finde ich geschmacklos"

Wer relaxt, muss des Öfteren seine Erwartungen downgraden: Anglizismen machen zwei Prozent unseres Wortschatzes aus. Der Sprachforscher Karl-Heinz Göttert findet das nicht schlimm. Er hat etwas gegen Sprachpfleger und Chauvinisten.

Ein Interview von Lukas Ondreka

DPA

Karl-Heinz Göttert gilt als Kenner der Geschichte der deutschen Sprache - und versteht es, anschaulich darüber zu sprechen. Der frühere Kölner Germanistik-Professor, 70, hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt "Abschied von Mutter Sprache". Darin thematisiert er die Offenheit des Deutschen für fremde Einflüsse - und plädiert dafür, nicht von einer einzigen Sprache abhängig zu sein.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie über Deutsch in Zeiten der Globalisierung. Erleben wir die sprachlich nicht vor allem in Form einer Sintflut von Anglizismen?

Göttert: Nein, das wird zwar behauptet, ist aber von der Wissenschaft widerlegt worden. Ich gehe von einem Anschwellen und Abschwellen aus, der Gipfel aus dem Jahr 2000 liegt schon hinter uns. Inzwischen haben viele die Lust an englischen Lehnwörtern verloren, zum Beispiel die Deutsche Bahn.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist der Anteil des Englischen derzeit genau?

Göttert: Anglizismen machen weniger als zwei Prozent des deutschen Wörterschatzes aus. Da gab und gibt es ganz andere Fremdwortschwemmen. Das Englische selbst hat im Mittelalter ein Drittel aus dem Französischen entlehnt. Und die japanische Sprache hat aus dem Chinesischen 50 Prozent übernommen. Daran gemessen wirkt die heutige Aufregung komisch.

SPIEGEL ONLINE: "Commitment zeigen", "relaxen", "seine Erwartungen downgraden" - wann genießen Fremdwörter "Bürgerrechte" und wann hört für Sie der Spaß auf?

Göttert: Ein Mountainbike ist wirklich kein klassisches Fahrrad der Art, wie ich es zum Beispiel fahre. Das Wort ist also eine Bereicherung für die deutsche Sprache, die sich noch dazu faktisch durchgesetzt hat. Geschmacklos dagegen finde ich das Lehnwort Blockbuster, also Kinokassenschlager. Denn wir wissen, dass damit einmal Bomben bezeichnet wurden, die ganze Häuserblocks in Schutt und Asche legten.

Spiegel Online: Wie frei ist das Deutsche im Umgang mit dem Englischen?

Göttert: Anglizismen unterliegen einem Prozess der Einverleibung, sie bekommen einen Artikel und einen Genitiv. Das ist doch sehr schön. Wir bilden auch Anglizismen, die es im Englischen gar nicht gibt, wie den Oldtimer oder das Handy. Das ist in meinen Augen ein Beweis dafür, dass Nehmersprachen kreativ und nicht knechtisch mit dem Einfluss der Gebersprachen umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Angelsachsen beschweren sich mittlerweile über Übergriffe auf ihre Sprache. 80 Prozent des weltweit gesprochenen Englisch ist von Nicht-Muttersprachlern, oft verpönt als "Bad English". Wem gehört eigentlich Sprache?

Göttert: Wann ist eine Sprache eine Weltsprache? Eine gute Antwort ist: wenn sie der Welt gehört. Das bedeutet, dass sich diese Sprache von der Muttersprache löst. Beim Englischen ist das der Fall. Die Engländer geraten mittlerweile darüber ganz schön in Panik, und das zu Recht. Ihr Englisch ist in einem weltweiten Verkehr in unkontrollierbarer Weise Einflüssen ausgesetzt. Das kann man natürlich als Bad English diffamieren. Es ist aber auch der Versuch, für den Informationsaustausch eine reduzierte Sprache zu benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Der Mensch als Sprachmensch kennt also keine "Mutter Sprache"? Der Titel ihres Buches scheint das zu implizieren.

Göttert: Ja, das ist natürlich etwas provozierend formuliert. Es geht mir letztlich darum, dass wir die Muttersprache nicht mystifizieren. Der Abschied von Mutter Sprache will sagen, dass wir uns auf den Umgang mit vielen Sprachen einstellen und nicht von einer einzigen Sprache abhängig sind, die allein uns wie eine Mutter versorgt.

SPIEGEL ONLINE: Um was geht es den Kritikern dieser Entwicklung?

Göttert: Da wird eine Art Stellvertreterkrieg geführt. Als wirkliche Bedrohung erscheint die Globalisierung, vielleicht auch die Modernisierung insgesamt mit ihren Anforderungen und Verletzungen. Weil man dem schlecht beikommt, wird die Sprache ins Spiel gebracht. Nach dem Motto: Hier stoppen wir das Unheil, wo wir es wirklich greifen können. Aber dies läuft dann auf alte Rezepte hinaus: auf Abgrenzung und Reinhaltung. Sprachpflege wird dann problematisch, wenn sie ihr eigentliches Ziel überschreitet und in einen Nationalismus oder gar Chauvinismus mündet.

SPIEGEL ONLINE: Wie rein kann eine Sprache sein?

Göttert: Gerade Reinheit ist etwas, das der Sprache ganz unangemessen ist. Wir wissen gar nicht, was an unserem Wortschatz rein deutsch ist oder was das genau bedeutet. Beim Kernwortschatz, also jenseits jeglicher Entlehnung, geht man von wenigen Tausend Wörtern aus. Schon Jakob Grimm hat sich deshalb gegen den ärgerlichen Purismus gewendet. Es wäre besser, der Verein Deutsche Sprache würde sich auf die Grimm'sche Tradition besinnen, statt einen Grimm-Preis für Verdienste beim Anglizismen-Kampf zu vergeben.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist die Muttersprache nicht ein wichtiges Fundament von Staaten, heißt Staat nicht häufig auch Sprachgemeinschaft?

Göttert: Die Sprache ist natürlich ein wichtiges, ja entscheidendes Fundament. Jeder Staat muss ein Interesse daran haben, dass seine Bürger die Nationalsprache beherrschen. Aber dabei geht es nicht um eine Leitkultur, die über Mutter Sprache vermittelt wird, sondern um die Ermöglichung der Mitarbeit an der politischen Gemeinschaft.

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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
Trainspotter 21.11.2013
1.
Das ist ein schwieriges Thema. Während manche Leute den globalen Laptop abschaffen wollen, erfinden andere so dämliche Begriffe wie Shitstorm. Warum sollte man sich alles verkomplizieren? Jeder weiß was mit Laptop gemeint ist. Sogar meine Großeltern wissen das. Während Worte wie Shitstorm den Deutschen mal wieder als extrem dümmlich darstellen. Es ist fast schon traurig, dass kein 'Shitstorm' über das Wort selber ausgebrochen ist.
analyse 21.11.2013
2. nichts ist gegen die Eingliederung von Wörtern aus
Fremdsprachen einzuwenden,wenn sie sinnvoll sind und organisch erfolgen.Die "Flut" von Anglizismen ist aber eine Folge der Werbung,die in die deutsche Sprache hineingedrängt wird.Es liegt wohl auch daran,daß die Werbebranche zumeist vom Englichen dominiert ist,Oft merken sie gar nicht wie kontraproduktiv das wirkt .SALE !
rakasmies 21.11.2013
3. Aufgabe oder Aufgabe?
Es ist wirklich aeusserst reizvoll sich auf diese Weise mit unserer Mutter Sprache zu beschaeftigen. Ist es eigentlich eine Aufgabe gewissen Anglizismen gegenueber eine kritische Haltung zu entwickeln - oder ist es eine Aufgabe? Will sagen: Iste es eine lohnende Taetigkeit oder ist es eine Form der Resignation?
Peter Werner 21.11.2013
4.
Ich bemühe mich, auf Anglizismen weitestgehend zu verzichten. Warum soll ich "Kid" sagen anstelle von "Kind"? Auch für den genannten Laptop gibt es eine deutsche Entsprechung, wie wäre es mit Faltrechner oder Klapprechner? Oder warum soll ich zum Feierabendbierchen nun "after work party" sagen? Gerade im Geschäftsbereich ist dies teilweise bereits absurd. Da heisst nun auch in rein deutschen Betrieben die Personalabteilung auf einmal "HR". Eine Besprechung ist nun ein "meeting". usw. usw. usw. Wir können uns von unseren Nachbarn, den Franzosen, vieles abschauen.
ZehHa 21.11.2013
5. Schöner Artikel...
... und eine Bereicherung der oftmals doch sehr undifferenziert und flach erfolgenden Diskussionen. Sprache lebt! Das war so und wird solange bleiben, wie es Menschen gibt, die Kultur und Sprache nutzen mit Leben füllen und weiter entwickeln. Jede technische Innovation wird von Neologismen begleitet, die möglicherweise auch anderen Sprachen entlehnt sind. Wie hätten die armen Germanen denn die Neuerung "Fenster" bezeichnen sollen? "Mit Glas geschlossenes Windloch"? Hat sich nicht durchsetzen können, das lateinische "fenestra" hat schließlich das Rennen gewonnen. Das es sich bei "Fenster" um ein lateinisches Lehnwort handelt, dürfte dem meisten heutigen Deutschen gar nicht mehr bewusst sein. Und ob man statt "Handy" nun besser "mobile (phone)" oder "cellphone" sagen sollte, hängt auch schon wieder davon ab, auf welcher Seite des Atlantik man sich gerade befindet. So what?!
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