Karl-Lagerfeld-Ausstellungen Coco light

Karl Lagerfeld allerorten: Gleich drei Ausstellungen in Hamburg und Essen widmen sich dem Schaffen der Modeikone - die eben nicht nur Mode entwirft, sondern auch fotografiert und Produkte kreiert. Im Vordergrund aber steht wie so oft: die Inszenierung seiner selbst.


Karls Mutter war wenig duldsam. Als sich ihr Sohn mit zehn Jahren am Klavier beweisen wollte, soll sie ihn mit den Worten gestoppt haben: "Hör auf damit. Zeichne. Das macht weniger Lärm." Aus Mamas Worten, aus denen bereits der "Mutterwitz" des Sohnes spricht, wurden Taten. Taten, für die Lagerfeld längst berühmt ist. Inzwischen kreiert der Modeschöpfer auch Fotoerzählungen, Bücher, Hoteleinrichtungen oder Schmuck. Sogar an einem Rolls-Royce-Entwurf soll er derzeit arbeiten.

Seine zahllosen Aufträge erledigt Lagerfeld meist morgens, an einem seiner diversen Zeichentische mit Wachsmalkreide malend. Und das noch immer, obwohl der Titan des Zeichenstifts nach eigenen Angaben 75 oder 78 Jahre alt sein will, nach 2013 aufgetauchten Dokumentenfunden aber 80 Jahre alt sein soll.

Letzteres ist plausibel, denn derzeit sieht es in deutschen Ausstellungshäusern ganz nach Festspielen für einen altersmäßig rundenden Jubilar aus: In der Hamburger Kunsthalle bekommt Lagerfeld museale Weihen, wenn er die neueste seiner fast schon keck manierierten Fotoinszenierungen neben die Gemälde des Malers und Antike-Adepten Anselm Feuerbach (1829-1880) hängen darf.

Lieblingsmodel Baptiste Giabiconi neben Daphnis

Der Star in Lagerfelds auf silbernem und goldenem Gewebe gedruckter Idylle um Daphnis und Chloe ist sein Lieblingsmodel Baptiste Giabiconi. Noch kurz bevor Karls Kamera ab 2008 dessen "makellose" Schönheit ans Licht der Welt brachte, hatte der junge Franzose noch in einer Marseiller Fabrik gearbeitet.

Ebenfalls in Hamburg präsentiert das Museum für Kunst und Gewerbe Ende Februar die zuvor in Mettingen und Den Haag gezeigte Schau zum "Mythos Chanel" und feiert dabei laut Pressetext auch "die geniale Weise, mit der Karl Lagerfeld seit 1983 dieses Erbe mit den Strömungen des Zeitgeistes verbindet".

Und seit diesem Samstag zeigt das Essener Museum Folkwang einen erhaben inszenierten Mix seines gestalterischen Schaffens. Zum ungeliebten Pressetermin am Freitag um 17 Uhr rauschte Kaiser Karl, der sich bekanntlich nur seinem eigenen Zeitdiktat beugt, mit halbstündiger Verspätung an, um die Wartenden dann doch mit seinem Esprit zu verzücken.

Gezeigt werden in Essen etliche Werbe- und Produktkreationen: Lustige Trash-Liebesromane, produziert für Dom Pérignon, in denen sich Liebesglück nie ohne Champagner einstellt. Und dass, obwohl der Kerl namens Karl bekanntlich keinen Alkohol, sondern Tag und Nacht Cola light süffelt.

Oder ein Flügel, den der Meister trotz oder wegen seines frühen Klavierdebakels für Steinway & Sons entworfen hat und dessen Deckel beim Öffnen so rot aufblitzt wie die Sohle eines Louboutin-Pumps. Noch schräger ist sein als Spiegelobjekt getarnter Safe, in dem teure Uhren vor Dieben verborgen und zugleich von unsichtbaren Motoren sanft bewegt werden, damit sie nicht stehenbleiben.

Hauskatze Choupette und Steiff-Teddy mussten draußen bleiben

Seine zahllosen Devotionalien wie T-Shirts mit seinem Konterfei, Handy-Hüllen mit dem seiner Hauskatze Choupette oder ein für Steiff entworfener Teddy im Karl-Outfit mussten in Essen leider draußen bleiben. Da man sich bei all dem Gedöns ohnehin fragt, warum der Modemillionär diese Diversifikation nötig hat, ist das zu verschmerzen.

Lagerfelds Fotos erinnern generell sehr an Vorläufer wie Wilhelm von Gloeden, den Fotografen arkadischer Akte, an die sportiven Aufnahmen des George Hoyningen-Huene, an den Stil von Helmut Newton oder Peter Lindbergh. Zwei Arbeiten aber ragen im Folkwang trotzdem heraus: Eine traumschöne Studie setzt die verzweigten Stahlstreben des Eifelturms in Bezug zum Astwerk großer Bäume. Und das Schwarzweißpanorama "Metamorphosis of an American" zeigt das Gesicht des Models Brad Kroenig in Hunderten unterschiedlicher Mimiken und Rollen: etwa als Elvis, Truman Capote oder Gustav Gründgens' Mephisto.

Am ehesten spüren aber lässt sich das Genie des Meisters im Raum seiner Chanel-Kreationen. Architekturmodelle vergegenwärtigen dort die kapriziös-aufwendigen Kulissen seiner Modeschauen. Im Spannungsfeld der Entwurfskizzen und der fertigen Roben der Haute Couture vom Herbst/Winter 2013/2014 wird die Präzision seiner gezeichneten Entwürfe anschaulich. Und vor den Videos der Kollektionspräsentationen mag man sich an seinem überbordenden, das Markenimage aber nie sprengenden Einfallsreichtum gar nicht satt sehen.

Letztlich ist diese Form der Kreativität aber auch Lagerfelds Schwäche. Seine Modeentwürfe sind stupend gute Variationen, Interpretationen und Verschnitte des Gestrigen mit dem Zeitgeist von heute. Zu den visionären Erneuerern des Modekosmos' - zu Coco Chanel, zu Lagerfelds langjährigem Rivale Yves Saint Laurent oder zu der Japanerin Rei Kawakubo - gehört er aber nicht. An die Stelle der Entwicklung eines ikonischen Stils hat er die Ikonisierung seiner eigenen Erscheinung und Person gesetzt. Die Silhouette des Meisters mit dem Pferdeschwanz überstrahlt alles.


Parallele Gegensätze: Fotografie - Buchkunst - Mode: bis 11. Mai 2014 im Museum Folkwang, Essen

Mythos Chanel: vom 28. Februar bis 18. Mai 2014 im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

Feuerbachs Musen - Lagerfelds Models: vom 21. Februar bis 15. Juni 2014 in der Hamburger Kunsthalle

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
solaris111 16.02.2014
1. lagerfeld
ist der letzte DANDY
neu_ab 16.02.2014
2.
Sympathischer Kerl, dieser Lagerfeld.
kantundco 16.02.2014
3. Sympathisch? Kann nicht nachempfinden.
Dafür aber: arrogant, talentiert bis genial, hoch intelligent und ehrlich.
radiogaga 16.02.2014
4. supertyp
wer solch einen fraglichen Bekanntheitsgrad hat, muss nicht zwangsläufig gute Bilder machen, um sie zu verkaufen. Lagerfeld könnte genausogut in einem Fotoclub knipsen, denn sein fotografisches Niveau wird leider an seinem Namen gemessen, nicht an seinen Ergebnissen.
neu_ab 16.02.2014
5.
Zitat von kantundcoDafür aber: arrogant, talentiert bis genial, hoch intelligent und ehrlich.
Ja, das macht ihn doch gerade so sympathisch. ;)
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