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Zum Tode Karlheinz Böhms: Ein gewaltiges Leben

Von Nikolaus von Festenberg

Zum Tode Karlheinz Böhms: Vom Filmhelden zum Volkshelden Fotos
AP

Als Sissis Kaiser bot Karlheinz Böhm dem Nachkriegspublikum einen blitzblanken Helden. Mit Skandalfilmen brach er mit seinem Saubermann-Image. Sein eigentliches Lebenswerk aber ist viel größer als seine Filme. Ein Nachruf.

Karlheinz Böhms Lebensreise zeigt, wie lang ein Weg zu sich selbst sein kann. Ein umsorgtes Einzelkind prominenter Eltern, ein unsicherer Jüngling auf Berufssuche, ein plötzlicher Kinokaiser, ein geläuterter Schauspieler, hinabgestiegen zu den Tiefen des Berufs, ein Besucher der 68er Revolte, ein Aussteiger aus dem Starrummel, ein wütend entschlossener Kämpfer gegen afrikanisches Elend, ein Ankommer in der Welt der Armen - das Leben ist gewaltig.

Wer der Vater des jetzt gestorbenen Karlheinz Böhm war, das hat sich auf historischen Aufnahmen erhalten. Der Dirigent Karl Böhm (1894-1981) trieb berühmte Orchester zu Höchstleistungen an, und Probenmitschnitte lassen einen unbestechlichen Zuchtmeister hören, der penibel und unangenehm werden konnte. Karlheinz Böhms Mutter, die Sopranistin Thea Linhard (gestorben 1981), hatte eine wunderbare Stimme, ihre Interpretation des Strauss-Liedes "Morgen" begleitete den Sohn sein Leben lang.

Vielleicht schwang in dieser Verehrung der Mutter Sehnsucht mit, denn Karlheinz Böhm war ein umhegtes Kind, das aber oft auf die Anwesenheit seiner Eltern verzichten musste. Mit List und Umsicht hatten es die Böhms geschafft, ihr Kind im Krieg mit gefälschten Attesten in einem Schweizer Internat im Engadin unterzubringen. So geriet der Sohn am Ende des Krieges nicht in den Wahnwitz von Hitlers gnadenloser Opferung der Jugend.

Reaktionäres Opium

Nach dem Krieg zog Karlheinz Böhm mit den Eltern nach Graz, machte 1946 das Abitur, studierte, eher lustlos, Philosophie, Anglistik und Kunstgeschichte in Graz und ein Semester in Rom. Sein musikalisches Talent reichte nach dem Urteil seiner fachkundigen Eltern nicht für eine Pianisten-Karriere. Ein mittelmäßiger Musiker in einer mittelmäßigen Stadt, davor warnte ihn sein Dirigentenvater eindringlich. Dass Karlheinz schließlich als Schauspieler zum Theater fand, stieß bei den Eltern nicht gerade auf Begeisterung. Aber Böhm lernte den Bühnenberuf immerhin an der Schauspielschule des Wiener Burgtheaters. An das berühmte Haus 1949 engagiert, debütierte er neben O. W. Fischer in dem Stück "Der junge Herr von vierzig".

Auf einen wie Böhm musste Opas Unterhaltungskino der Aufbaujahre geradezu zwangsläufig stoßen. Der junge Herr aus prominentem Haus strahlte aus, was die Menschen nach dem Krieg so lange vermisst hatten: ein Jungsein ohne ideologische Auflagen, eine natürliche Vernunft, jungenhaft und ohne traumatische Trübungen, als sähe man seinem Gesicht das Exil im Frieden der Schweiz an.

Nach belanglosen Vorübungen ("Und ewig bleibt die Liebe") kam Böhms Durchbruch: In der zwischen 1955 bis 1957 gedrehten "Sissi"-Trilogie von Ernst Marischka spielt Böhm an der Seite von Romy Schneider den österreichischen Thronprinzen und späteren Kaiser Franz Joseph. Er bezauberte das Publikum genauso, wie es seine Partnerin Schneider tat. Seine Karriere schien gemacht. Marischka hatte den restaurativ gesinnten Zeitgeist des deutschsprachigen Publikums getroffen. Da war ein integerer Held zu sehen. Das Publikum war süchtig nach einer solchen Figur. Aber war "Sissi" bloß Kitsch und reaktionäres Opium, wie später die 68er behaupteten?

Skandalfilm "Peeping Tom"

Wer sich "Sissi" genauer ansieht, entdeckt nicht durchgehend einen zu süßen Kaiserschmarrn, sondern einen hochprofessionellen Unterhaltungsfilm, der sich auch auf Schatten versteht. Gerade Böhm vermittelt in vielen Szenen einen Hauch von Resignation, eine Unerlöstheit vom Druck gesellschaftlicher und verwandtschaftlicher Autoritäten. Er spielt einen Monarchen, der im Grunde nicht sein darf, was er in seinem einsam-romantischen Herzen gern wäre. Seine schöne und zickige "Sissi" darf diese Anteile voller Übermut und Seufzer wenigstens andeuten.

Die Einsamkeit eines unsicheren Prominentenkindes auf dem Weg zu sich selbst hatten die "Sissi"-Macher mit der Besetzung Böhms genauso genial genutzt wie mit der Romy Scheiders, damals eine Muttersklavin und damit Seelenschwester des elterlich überwachten Dirigentensohns. Übrigens hat Böhm selbst bis ins hohe Alter darauf bestanden, dass "Sissi" nichts anderes verkörpere als sehr gute Unterhaltung. Noch als alter Mann in Äthiopien war er stolz darauf, dass dem Kaiserfilm in China große Verehrung widerfuhr. Er sei dort glänzend synchronisiert worden, sagte Böhm mit einem Augenzwinkern, überrascht, sich als schmucker Kaiser von der Leinwand herab chinesisch sprechen zu hören.

Das Eingemauertwerden im Sissischloss war Böhms Sache nicht. Er versank nicht im Dornröschenimage des ewig braven Schwiegersohns. 1960 schockte er das Publikums mit der Mörderrolle in Michael Powells Psychothriller "Peeping Tom" ("Augen der Angst"). Der Film über einen psychopathischen Fotografen, der seine Modelle töten muss, war ein Frontalangriff auf die Sehlust eines voyeuristischen Publikums, das seine unbewusste Gefräßigkeit in hermetisch schönen Bildern aus Opas Kino vor sich selbst versteckte. "Peeping Tom" wurde ein Skandal, boykottiert von der "Sissi"-Gemeinde. Nicht nur in Deutschland. Wer zu früh kommt, den bestraft das Kinoleben. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis die "New York Times" den schrecklichen Knipser "Peeping Tom" in die Galerie der zehn besten Meisterwerke aufnahm.

Völlig außer sich, dank Fassbinder

Karlheinz Böhm wurde ein früh gefallener Kinoengel und konzentrierte sich notgedrungen aufs Theater. Bis er Mitte der Siebzigerjahre dem Filmberserker Rainer Werner Fassbinder begegnete. Dem war ein zeittypisches Erweckungserlebnis vorausgegangen, das Böhm so geschildert hat: "1968 habe ich in Frankfurt Theater gespielt. Im Theater am Turm. Bis dahin war ich tatsächlich noch völlig unpolitisch gewesen. Aber dann habe ich mit Kollegen in einer Künstlerkneipe zusammengehockt, auch mit Leuten wie Joschka Fischer. Die hab' ich gefragt: Warum geht ihr eigentlich zum Demonstrieren auf die Straße? Ich begann zu begreifen, dass sie dagegen protestierten, dass sich ihre Eltern in keiner Weise, weder ethisch noch moralisch oder politisch, mit den Verbrechen der Nazi-Zeit auseinandergesetzt hatten."

Mit 40 Jahren erst politisiert - die Nachkriegszeit war eine Epoche der langen Wege zum Nachdenken. 1972 sah Böhm eine Studententheater-Vorstellung, "Das Kaffeehaus" von Goldoni in der Adaption von Rainer Werner Fassbinder. Wenig später traf er den Regisseur in der "Bavaria"-Kantine. "Ich war völlig außer mir." Er, der einstige Kinoliebling, würde am liebsten bei den Revoluzzerkollegen mitarbeiten. Faßbinder aber brummte nur. Böhm war über solche Arroganz gekränkt, wenig später meldete ihm die Filmagentur, Fassbinder habe ihm eine tolle Rolle für den TV-Psychothriller "Martha" angeboten. Daraus wurde ein vierjähriger Aufenthalt in der Filmfamilie des Regietyrannen, WG-Leben und Arbeit. Böhm, der "Sissi"-Traummann, spielte in "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel" einen Kommunisten, in dem brutal-niederbayerischen Ausländerhassfilm "Katzelmacher" wirkte er ebenso mit wie in Fassbinders "Faustrecht der Freiheit" und "Fontane Effi Briest"

Böhm lernt von dem 68er Protagonisten, welche Kraft politische Empörung besitzt und wie man sie für das eigene Leben einsetzen kann. Der Heimatlose entdeckt zugleich die Grenzen der theatralischen Kunst.

Äthiopien und "Wetten, dass..?"

Er wird zu neuen Ufern weiterziehen: zur Veränderung der politischen Wirklichkeit. Und er kennt den Ort für Veränderung: Afrika. Er kann nicht vergessen, was er in den Siebzigern in Kenia erlebt hatte. Der Theaterarzt der Münchner Kammerspiele schickte ihn wegen einer infektiösen Lungenentzündung in ein Neckermann-Hotel am Indischen Ozean. Böhm fragte den Kellner, wo der wohne. Der musste lachen über diese Frage. Der Schauspieler ging der Reaktion auf den Grund, radelte zum Dorf des Kellners in den Busch und war fassungslos über das Elend, das er dort sah. Ihm sei, wie er später sagte, ein Licht aufgegangen über den Kolonialismus.

Der Aufbruch des Nomaden in seinen neuen Lebensabschnitt verrät noch die Theatralik des gelernten Schauspielers. In Düsseldorf spielt er zum Finale seines Mimendaseins den jüngsten "König Lear" der deutschen Theatergeschichte. Sein letzter Auftritt auf den Brettern, die ihm nun nicht mehr die Welt bedeuten, zeigt ihn in Hofmannsthals "Der Schwierige".

Er versteht sich als Schauspieler auf dem Weg zum Dritte-Welt-Helfer - er hasste dieses Wort, weil in ihm eine Überlegenheitsattitüde mitschwingt - auf Massenwirksamkeit. In Frank Elstners "Wetten, dass..?" wettet Böhm, dass "nicht jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Franken oder sieben Schilling für Menschen in der Sahelzone" spendet. Die Wette auf die Knauserigkeit geht auf, trotzdem kommen 1,2 Millionen DM zusammen. Böhm besteht darauf, das Geld selbst zu überbringen. Nur Äthiopien ist dazu bereit und gestattet, dass Böhm das Geld ohne Vorbedingungen selbst vor Ort verwenden darf. Zugleich gründet er die Organisation "Menschen für Menschen", die den Bau von Krankenstationen, Kliniken, Schulzentren und Ausbildungsstätten fördert und die gegen Frauenbeschneidung und Kinderverheiratung kämpft.

In Afrika angekommen

Böhm, der Lebenswanderer, ist entschlossen anzukommen. Seine Organisation wächst. Und vermittelt nicht nur Hilfe von Reich zu Arm. Unermüdlich wirbt Böhm auf Interviewtrips nach Europa um Respekt für Äthiopien. 2003 verleiht ihm das Land als erstem Ausländer die Ehrenstaatsbürgerschaft. Böhm lebt, wenn er sich in Afrika aufhält, in keiner Villa, sondern in einem Haus wie jene, die seine Hilfsorganisation für die Nomadenansiedlung gefördert hat.

Dass er am Beginn seiner Hilfsarbeit dem brutalen sozialistischen Diktator Mengistu in die Karten spielt, weil er sich für Halbnomaden engagiert, die das Regime zwangsweise aus dem Norden in den Südwesten vertrieben hat und die Böhm im fruchtbaren Erertal ansiedelt, ficht ihn nicht an. Böhm pocht auf den grundsätzlich unpolitisch-humanitären Charakter seiner Hilfe. Rupert Neudeck, der Journalist und Dritte-Welt-Anwalt, bescheinigt Böhm später, er habe "nichts wirklich in den Sand gesetzt". Böhm lässt sich nicht mehr abbringen: "Verzweiflung kann ich mir nicht leisten. Ich bin glücklich über jeden, dem ich geholfen habe und dem ich noch helfen werde."

Er, der viermal verheiratet war und insgesamt siebenmal Vater wurde, legt 2011 die Leitung seiner Organisation in die Hand seiner letzten Frau, der 36 Jahre jüngeren äthiopischen Agrar-Expertin Almaz Teshome, die Böhm "Almi" nennt.

"Abbo", Vater, nennen ihn die Äthiopier. Der schöne Filmkaiser hat eine wirkliche Heimat gefunden. Im Herzen eines Volkes. Sissi wäre stolz auf ihn.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Ein gewaltiges Leben
Robin_of_Locksley 30.05.2014
Besser kann man kaum sein Leben wuerdigen. Wir alle muessen sterben, bei manchen empfinde ich so etwas wie: Menschen Dich braucht diese kaputte Welt. Danke, dass Du da warst.
2. Respekt und Danke
hdudeck 30.05.2014
Der Weg von Boehm beschreibt genau die gegenteilige Richtung wie der seiner ehemaligen "mitkaempfer" wie zum Beispiel J.Fischers. Leider werden solchemenschen nie mit dem Nobelpreis "belohnt".
3. Böhm spielte nicht in Katzelmacher mit...
j.wilhelm 30.05.2014
.. denn das war Fassbinders erster Film, da war er selbst noch unbekannt.
4. Goldene Spur
ehkroencke@t-online.de 30.05.2014
Karl Heinz Böhm hat eine goldene Spur hinterlassen....tausendmal DANKESCHÖN!
5.
j.wilhelm 30.05.2014
Zitat von j.wilhelm.. denn das war Fassbinders erster Film, da war er selbst noch unbekannt.
Hopsa, mein Fehler : Es war nicht Fassbinders erster Film, aber dennoch ein Film ohne Böhm
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