Karrierefrauen im Theater Platz da, Schwester!

Das ging schnell: Die Social-Freezing-Debatte ist im Theater angekommen. In ihrem neuen Stück "Herrinnen" fragt Theresia Walser, wie sich Frauen gegenseitig fertig machen.

Hans Jörg Michel

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Gleich beginnt die Gala. Hinter der Bühne begegnen sich fünf Frauen zum allerersten Mal, alle fünf haben beruflich einiges auf die Beine gestellt, alle fünf sind nominiert für den "Staatspreis für weibliche Lebensleistung". Und worüber sprechen diese fünf Karrieristinnen als Erstes? Nun, sie sprechen über eine Frage, über die wohl auch die Teilnehmerinnen einer Modelgala sprechen würden: "Was ziehst Du an?"

Die Frage beschäftigt etwa Rita Schuster, die mal als Sekretärin angefangen hat, die nie studiert hat, und die heute dennoch 27.000 Mitarbeitern vorsteht, in einer Firma für Mörtelmaschinen und Betonpumpen. Die Frage beschäftigt auch Tanja Kreuz, die den südamerikanischen Markt für Suppeninstantpulver aufgebaut hat, die 185 Tage im Jahr unterwegs ist und die dennoch vier Kinder hat, für die sie sich als Elternsprecherin einsetzt und für die sie auch schon mal viergängige Menüs kocht, mit selbstgerührtem Tonka-Bohneneis zum Dessert.

Und sie beschäftigt sogar Martha Menke, die am Stock geht, seitdem sie einen Badeunfall hatte, die also nicht "schönheitsbehindert" und "attraktivitätsdebil" ist, wie sie es nennt, und die eben deshalb Karriere als Juristin machen konnte, bis hinauf an den Obersten Gerichtshof.

Das Körperregiment der Karrieristinnen

Ausgedacht hat sich das Szenario die Theaterautorin Theresia Walser, die Tochter von Martin Walser, und zeigen will sie uns damit zunächst wohl zwei Dinge. Erstens: Frauen werden in unserer Gesellschaft nach Äußerlichkeiten beurteilt, egal was sie sonst noch so zu bieten haben. "Man kann ja als Frau nie so viel falsch machen, wie bei einer Preisverleihung falsch angezogen zu sein", sagt Katie, Gründerin eines inklusiven Kindergartens. Zweitens: Frauen unterwerfen sich diesem Gesetz allzu bereitwillig. Sie wollen angeschaut werden, bis hin zur Gefallsucht.

Das Körperregiment, das innerhalb der rein weiblichen Karrieristinnenrunde herrscht, steht dem Körperregiment der dumpfesten Chauvi-Runde in nichts nach. Die Frauen rezensieren ihr Aussehen gegenseitig, rücksichtslos, und ähnlich rücksichtslos haben sie auch Karriere gemacht. Sie sind zu "Herrinnen" geworden, wie Walser sie im Titel ihres Theaterstücks nennt, zu herrischen Frauen, was ein wenig klingt wie die feinere Variante des antifeministischen Kampfbegriffs Mannweiber. Und tatsächlich herrscht in dem Stück ein Frauenbild vor, wie es modernen Frauen nicht gefallen wird (und aufgeklärt-kritischen Männern auch nicht).

Walser zeigt Top-Managerinnen, die ein Managergehabe an den Tag legen, das gemeinhin als männlich gilt: Die eine hat ihre Familienplanung - frei von Emotionen - zunächst mal auf Eis gelegt, was ganz wörtlich zu verstehen ist, Stichwort Social Freezing, und entlässt nun ähnlich eiskalt einen Mitarbeiter nach dem anderen. Die andere hat den Mann an ihrer Seite regelrecht gecastet und spricht von der Geburt ihrer Kinder so derbe wie ein Stammtischbruder. Eine dritte fährt Maserati und blickt mit neokolonialistischer, hemdsärmeliger Überheblichkeit auf ihre chinesischen Geschäftspartner herab.

Sätze aus der dicken Hose

Die Uraufführung am Nationaltheater Mannheim besorgt der Intendant Burkhard Kosminski, so wie schon fünf Walser-Uraufführungen vorher. Er versucht, aus dem biederen Boulevardstück eine Farce zu machen, den lahmen Text also zu beschleunigen, indem er die Schauspielerinnen manche Sätze quietsch- und kreischgrell sprechen lässt, wie mit einem stimmlichen Tusch am Ende der raren Pointen, und sie andere Sätze aus der dicken Hose heraus anstimmen lässt, als karikierten sie männliches tiefes Sprechen. Sie stehen und sitzen stets offen frontal zum Publikum, so raumgreifend, wie Karrierecoaches es Frauen in Körperspracheseminaren nun einmal lehren.

Das passt natürlich ganz gut zum Text, könnte man loben, denn der ist so etwas wie der Hosenanzug unter den Theatertexten. Andererseits kitzelt der karikierende Stil die biederen Aussagen des Textes erst so richtig hervor. Wie plump das Stück ist, merkt man so erst richtig auf der Bühne. Zum Beispiel wenn man die transsexuelle Brenda Finke, eine der fünf nominierten Karrierefrauen, wacklig auf hohen Schuhen umherstaksen sieht - und die Zuschauer um sich herum lachen hört. Ja, die lachen tatsächlich darüber.

Zwar atmet man zwischendurch mal kurz auf, als klar wird, dass die Frauen auf der Bühne keine Karrieristinnen darstellen sollen, sondern Schauspielerinnen, die Karrieristinnen darstellen - dass Walser also Theater im Theater spielen lässt: Fünf Schauspielerinnen proben ein Stück, in dem fünf Frauen auf die Gala des "Staatspreises für weibliche Lebensleistung" warten. Aber dann merkt man doch recht schnell, dass die Schauspielerinnen genauso klischeehaft angelegt sind wie die Karrierefrauen: so missgünstig und gefallsüchtig, so zickig und kratzbürstig. Und dass sie ganz ähnlichen Konkurrenzmechanismen gehorchen: Wer ist jünger, wer ist schöner, wer ist sexyer? Wer ergattert welche Rolle? Und wie überzeugend verkörpert er diese dann?

Ja, ja, Geschlecht ist auch nur ein Rollenspiel - und Karriere sowieso: Jeder muss performen in unserer Leistungsgesellschaft, in der der Lebenslauf zur Managementaufgabe verkommen ist, jeder muss seine Identität inszenieren, jeder muss eine Rolle spielen. Die Schauspielerin muss eine Rampensau sein - und die Geschäftsführerin auch, sei es bei einem internen Meeting oder bei einer Aktionärsversammlung. Das ist nicht falsch, natürlich nicht, aber es ist auch nicht wahnsinnig hellsichtig, das im Jahr 2014 zu bemerken.

Mal ganz abgesehen davon, dass es für Frauen wie für Männer gilt.


Theresia Walser: "Herrinnen". Uraufführungsinszenierung von Burkhard Kosminski am Nationaltheater Mannheim. Nächste Vorstellungen 31. Oktober sowie 9., 21. und 30. November. Karten unter Telefon 0621 1680150.

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insgesamt 3 Beiträge
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family_guy 30.10.2014
1. Äußerlichkeiten
>>Frauen werden in unserer Gesellschaft nach Äußerlichkeiten beurteilt, egal was sie sonst noch so zu bieten haben.
roenga 30.10.2014
2. Was wird denn hier....
...eigentlich kritisiert? Das eine Frau andere Frauen nicht feminismustauglich idealtypisch darstellt, also als selbstlose, unabhängige und starke aber trotzdem engelsgleiche Wesen, die sich in heroischer Art und Weise gemeinsam solidarisch gegen das pöse, pöse Patriarchat verbünden und am Ende entweder triumphieren oder heroisch scheitern? Dass es denunziatorisch ist, Frauen mit menschlichen Schwächen darzustellen, also Neid, Missgunst, Konkurrenzdenken etc.?
endymion37 30.10.2014
3. es war die Plumpheit
die kritisiert wurde. Aber vielleicht war diese ja aus künstlerischer Sicht gewollt. Selbst hab ich es nicht gesehen, aber ich könnte mir vorstellen, trotz der echt miesen Besprechung, das Stück zu anzugucken.
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