"Kasimir und Karoline" in Hamburg: Schwer in der Krise

Von Jenny Hoch

Es ist das Stück zur Finanzkrise. Stephan Kimmig verbrutalisierte Horvaths "Kasimir und Karoline" am Hamburger Thalia Theater - und bot trotz seines großartigen Ensembles nur Allgemeinplätze über die Folgen des Desasters für den kleinen Mann.

Immer, wenn die Kulturbranche ihren Problem-Verarbeitungsmotor anwirft, besteht die Chance, dass etwas Großes entsteht. Dass ein Buch, Film, Gemälde oder Drama herauskommt, das die jeweiligen zeitgeschichtlichen Vorgänge und Verwerfungen analysiert, reflektiert und kommentiert - und so zu einer tieferen Erkenntnis beiträgt.

Beklemmende Aktualität: Paula Dombrowski und Norman Hacker in Kimmigs "Kasimir und Karoline"
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Beklemmende Aktualität: Paula Dombrowski und Norman Hacker in Kimmigs "Kasimir und Karoline"

Die Theater haben mit ihren relativ flexiblen saisonalen Spielplänen und ihrem (allerdings nicht immer realisierten) Selbstanspruch, gesellschaftlich relevant zu sein, besonders gute Chancen, zu sensiblen Seismographen und wichtigen Instanzen beim Verarbeiten der Katastrophen der Gegenwart zu werden.

Als vor einigen Wochen die große Finanzkrise über die Welt hineinbrach, muss sich Regisseur Stefan Kimmig, einer gewissen zynischen Logik folgend, gefreut haben. Hatte doch das von ihm für das Hamburger Thalia Theater zu inszenierende Stück – "Kasimir und Karoline" von Ödön von Horvath – quasi über Nacht zu einer neuen, beklemmenden Aktualität gefunden.

Denn "Kasimir und Karoline" zeigt wie kaum ein anderes Drama den Einfluss einer globalen Finanzkrise auf die einfachen Menschen, ihre Lebenssituation und ihren Gefühlshaushalt. Der ungarisch-österreichische Diplomatensohn von Horvath schrieb es unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von 1929, als am so genannten Schwarzen Freitag die Börsen zusammenbrachen und die Große Depression folgte. Seine Figuren, die kleine Angestellte Karoline und der eben entlassene ("abgebaute") Chauffeur Kasimir, verlieren auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben alles, was sie noch besitzen: ihre Liebe zueinander und ihre persönliche Würde.

Ambivalente Persönlichkeiten

Stephan Kimmig packt das "Volksstück" klug an. Anders, als in den gängigen "Kasimir und Karoline"-Interpretationen, die das Pärchen stets als arme, unschuldige und naive Opfer der Verhältnisse zeigen, gönnt ihnen der Regisseur in dieser Inszenierung ambivalent schillernde Persönlichkeiten.

So will Paula Dombrowski als Karoline zwar vor allem den tristen Alltag vergessen, als sie mit ihrem Verlobten aufs Oktoberfest geht, und in Ruhe Eis essen und Achterbahn fahren. Aber ihr ist klar, dass mit dem arbeitslosen Kasimir kein Staat zu machen ist. Also hält sie die Augen nach einer besseren Partie offen und hängt sich auch prompt an alle Männer, die ihr ein finanziell besser gepolstertes Leben zu versprechen scheinen. Peter Moltzen leidet als Kasimir unter seiner Arbeitslosigkeit und mangelndem Selbstwertgefühl, doch steigert er sich dermaßen Ichbezogen und wütend moralisierend in diesen Zustand hinein, dass man nachfühlen kann, warum Karoline nichts mehr mit ihm zu tun haben will.

Die entfesselte Oktoberfest-Szenerie, in der Kasimir und Karoline ihrem Untergang entgegen taumeln, gleicht einem Teufelsrad. Die Bühnenbildnerin Katja Haß hat diese Jahrmarktsattraktion, die aus einer rotierenden Scheibe besteht, auf der die zahlenden Besucher sich krampfhaft festhalten müssen, um nicht hinuntergeschleudert zu werden, in einen sich unablässig drehenden Container mit abnehmbaren Seitenwänden verwandelt.

Gier nach einem besseren Leben

Auf diesem wackeligen Fundament finden die Figuren nie zur Ruhe, es gibt keinen Rückzugsort für sie. Also agieren sie ihre Ängste, an den Rand gedrängt zu werden und ihre Gier nach einem besseren Leben ungebremst aus. Der Kleinkriminelle Merkel Frank (alert und aggressiv: Daniel Hoevels) misshandelt seine Erna (herrlich komisch als zupackende Wuchtbrumme: Susanne Wolff) wo sie nur gehen und stehen. Und der scheinbar schüchterne Zuschneider Schürzinger (pointiert tapsig: Norman Hacker) verliert seine eigennützigen Ziele nie aus den Augen. Auch nicht, als die Vertreter des Kapitalismus in Gestalt des Vorstandsvorsitzenden Rauch (angemessen großkotzig: Stephan Schad) und seines Untergebenen (schön schmierig: Hartmut Schories) seine Pläne durchkreuzen.

In den besten Momenten des Abends inszeniert Kimmig diesen letzten Tanz auf dem Vulkan nicht allein als Abgesang auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt, der ein paar arme Teufel zum Opfer fallen, sondern als grausamen Überlebenskampf von bis zum Äußersten entschlossenen Kreaturen. Sie gurgeln am Bier wie am Leben, schlagen sich grobschlächtig Schneisen durch jedes Gefühlsdickicht und schleudern brutal ihre Sätze heraus wie bleischwere Munition.

Doch irgendwas läuft schief in dieser Inszenierung, die doch eigentlich alles mitbringt, um sich zu einem großen Wurf zu entwickeln - ein großartig aufgelegtes Ensemble, Sprach- und Situationskomik und eine überzeugende Regie-Idee.

Der Abend bleibt auf halbem Wege stecken. So, als habe Kimmig sein Konzept nicht über den (ja sehr gut funktionierenden) Ansatz hinaus durchdacht. Die Szenen, in denen sich der Text und die nicht minder beredten Pausen eigentlich zu einem kunstvollen Bedeutungsgeflecht verdichten sollen, wirken auf einmal hölzern. Der Rhythmus wird trotz Stimmungsmache mit Schlagern wie "Verdammt, ich lieb' dich" oder "Für mich soll's rote Rosen regnen" schnell lahm. Und die Nachdrücklichkeit, mit der Bierzelt-Anarchie und Grobschlächtigkeit der Figuren vorgeführt werden, wirkt irgendwann einfach nur noch penetrant.

Und so kommt es, dass der Satz "Vielleicht sind wir zu schwer füreinander", den Karoline ihrem Kasimir als Begründung für das Aus ihrer Beziehung hinwirft, auch auf die Beziehung des Publikums zu dieser Inszenierung angewendet werden kann. Denn dass die Liebe und das Leben im Allgemeinen schwer sind, ist bekannt. Ein bisschen mehr als diesen Gemeinplatz hätte man sich als Erkenntnis an diesem Abend schon gewünscht.

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