Kommentar zur Katholischen Kirche Show-Profi in der Sexfalle

In Rom diskutieren die katholischen Glaubenshüter über die Sexualmoral der Kirche. Macht sie sich locker? Bleibt sie eisern? So oder so: Gewinnen kann sie nicht.

Ein Kommentar von

AFP

Die Katholische Kirche, das muss man selbst als Protestant zugestehen, weiß, wie man eine große Show inszeniert. Wenn prunkvolle Gewänder wallen, wenn Blattgold blinkt, die Orgel tiefe Töne anschlägt und der Weihrauch die Sinne benebelt, dann ist das schon beeindruckend - und man kann gut nachvollziehen, dass sich bei vielen Menschen ein frommes Gefühl einstellt, wenn sie eine katholische Messe besuchen. Oder vielmehr: besucht haben.

Denn ähnlich wie "Wetten, dass..?" kämpfen auch die Show-Profis aus Rom heute mit wachsender Konkurrenz: Was früher allein sie anzubieten hatten, gibt es jetzt auch anderswo - das Seelenheil, aber wesentlich einfacher zu konsumieren. Und zunehmend stellt sich das einst so treue Publikum die Frage: Was hat das, was die da in Rom veranstalten, eigentlich noch mit mir zu tun?

Immerhin scheint zumindest der aktuelle Papst Franziskus eine Ahnung davon zu haben, dass die von seiner Kirche angebotene Lehre nicht mehr viel mit dem tatsächlich gelebten Leben der Katholiken zu tun haben könnte. Er will das genau wissen und hat einen Fragebogen in alle Welt schicken lassen, auf dass alle katholischen Völker ihn beantworten. Jetzt debattieren die Glaubenshüter in Rom die Ergebnisse dieser Erhebung - und also ernsthaft die Frage, ob junge Menschen tatsächlich Sex haben, bevor sie vor den Traualtar treten? Ob die strikte Ablehnung von Homosexualität noch zeitgemäß ist, wenn Menschen, die nicht heterosexuell veranlagt sind, in der Kirche eine Heimat haben sollen? Ob es womöglich eine weit verbreitete Praxis ist, ehelichen Geschlechtsverkehr zu haben, ohne ein Kind zeugen zu wollen? Und ob man das dann beichtet? Ob Geschiedene vollwertige Mitglieder der Gemeinde sein können? Und sogar für sie arbeiten dürfen?

Man könnte jetzt länglich darüber spotten, wie weltfremd eine Institution ist, die diese Fragen überhaupt stellen muss - aber geschenkt. Franziskus' Initiative erregt Aufsehen als Schritt zur Modernisierung der katholischen Kirche. Man könnte fast meinen, der Hirte in Rom würde ernsthaft Schluss damit machen, seine Katholiken wie Schafe zu behandeln.

Aber mehr als Aufsehen erregen wird Franziskus mit seiner Initiative nicht. Denn mit welchem Ergebnis auch immer die Sondersynode in Rom diskutiert, schwerlich wird sie sich zu echten Änderungen bekennen können - steckt sie doch in einer teuflischen Zwickmühle.

Macht sich die Kirche endlich locker, akzeptiert sie Lebensentwürfe außerhalb der kirchlichen Ehe zwischen Mann und Frau, dann bekommt sie zwei Probleme: Eines mit ihren ultrakonservativen Anhängern, die den Markenkern ihrer Organisation verraten sehen und sich wohl schnell in einer Betonfraktion abspalten würden. Und noch eines mit allen anderen, die zu Recht anmerken würden, dass es genau diese gelockerte Variante des Christentums doch bereits gibt - man nennt sie reformiert, oder auch: evangelisch.

Bleibt die katholische Kirche jedoch bei ihrer strengen Lehre, verweigert sie sich dem Leben vieler ihrer Mitglieder, dann wird sie diese spätestens in der nächsten Generation endgültig verprellt haben, dann wird sie unweigerlich den Anschluss verloren haben an die Realität, wird zwar noch eine Weile kirchensteuerfinanziert und auf Latein pompöse Messen zelebrieren, aber mit immer weniger und schließlich dann gänzlich ohne Einfluss in etlichen Teilen der Welt - auch ohne ihren guten Einfluss wohlgemerkt, denn die Kirche lehrt ja nicht nur rigide Moral, sondern auch so etwas wie Nächstenliebe.

Das Ergebnis dieser Sondersynode in Rom steht also bereits fest: Es wird keines geben. Bis auf dieses: Papst Franziskus wird damit seinen Ruf weiter festigen als einer, der ernsthaft Reformen versucht, als ein Mann am Puls der Zeit, als der sympathische Typ aus Buenos Aires, der seiner Kirche mit einer grandiosen PR-Offensive noch ein paar gute Jahre verschafft hat. Ein wahrer Show-Profi vor dem Herrn.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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see_it with_your_own_eyes 06.10.2014
1. Gottes Wort und Gottes Werte
Ich wußte gar nicht, wie dehn- und drehbar der Wille dieses Gottes ist. Wie leicht es doch zu sein scheint ihn davon zu überzeugen, daß heute gut ist was gestern noch Sünde war. Ich wußte aber immer schon, wie manipulierbar Menschen sind. Und ich bin sicher in meinem Glauben daran, dass es viel Leid und viel Unglück auf dieser Welt nicht gäbe, wenn diese Sekten - egal ob Christen, Moslems, Hindi, Juden, Scientologen und wie sie sich alle nennen - nicht die Macht und die Bedeutung hätten, die sie leider haben. Fest steht, keiner von denen ist in irgendeiner Form Heilsbringer. Ganz im Gegenteil.
beggagsell 06.10.2014
2.
Die Kirche verkauft Hoffnungen - mehr nicht. Von Veränderungen will keiner etwas wissen.
adelsexperte 06.10.2014
3. Tip: 72 Jungfrauen
im Paradies versprechen. Den Frauen wie gehabt nichts. Ansonsten mehr zurück zum frühen Mittelalter. Da war nicht alles schlecht.
sitiwati 06.10.2014
4. natürlich wird
sich nichts ändern, denn entscheidend ist nicht der Papst in Rom, sondern die Leute vor Ort und die werden nach eigenen Vorstellungen handeln einen Tanker kann man auch nicht auf der Stelle wenden, natürlich ist der Papst ein Showman, ob von Natur oder aus Berechnung, wer weis, aber auch er kann nicht über die Vatikan Bürokratie allein hinwegendscheiden und klar, das Ganze in der RKK ist schon super, als Ministrant ( 10 Jahre) hat man oft diese Hochämter erlebt, das ist schon beeindruckend, aber aufgepasst, der Raum des Kirche ist geteilt, ob der Priester mit seiner Schar, an den Seiten dei Chorstühle für die VIPs und unten , getrennt durch eine Barriere das einfache Volk, so ists in der RKK, jeder hübsch auf seinem Platz!
freiheitverantwortungdenk 06.10.2014
5. Bitter
Das ist jetzt schon der zweite sogenannte Kommentar innerhalb weniger Tage im Spiegel, der nur eines kann: Polemisieren. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Respektlosigkeit und Bereitschaft zum Beleidigen, wenn hier von Show, etc., geschrieben wird. Kommentare gehen anders.
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