Eine Kolumne von Georg Diez
Was ist das eigentlich für eine Brille, die der neue Papst trägt? Die sitzt ihm irgendwie schief auf der Nase, oder? Ist die ihm nicht auch zu klein, die Bügel reichen ja nicht mal ganz bis hinters Ohr? Und ist die Brille nun getönt oder nicht? Und warum? Und überhaupt: Gab es das schon mal, ein Papst, der Brille trägt? Ist das jetzt eine "Sensation"?
Und was ist das mit seiner Stimme? Müssen Priester so reden, dieses Leiern, als würden sie über rohe Eier laufen? Lernt man das im Priesterseminar? Oder kommt das erst nach und nach, mit jedem "Kyrie eleison" ein bisschen mehr? Der vorherige Papst hatte ja eher ein Stimmlein. Dieser Papst hat einen Singsang, bei dem ich einschlafen könnte, wenn er mir nicht auch etwas Angst machen würde. Was ist das für ein Mann, der so redet?
Verletzen diese Bemerkungen jetzt eigentlich schon religiöse Gefühle, weil der Papst ja so ein heiliger Mann ist und 1,2 Milliarden Katholiken auch nicht nichts sind? Ich hoffe jedenfalls nicht. Aber wenn es so wäre, gibt es denn auch nichtreligiöse Gefühle, die verletzt werden können? Zum Beispiel dadurch, dass ich mir in den letzten Tagen dauernd anhören muss, das sei nun eine Chance oder ein Neubeginn oder ein Zeichen - für was genau?
Nichtreligiös, das könnte man auch übersetzen mit vernünftig: Ist es also vernünftig, mantrahaft zu wiederholen, dass sich dieser Papst so sehr um die Armen, die Bedürftigen, die Schwachen sorgt - wo er doch gleichzeitig gegen Abtreibung ist und gegen Verhütung. Was ja nicht nur moralische, sondern soziale Fragen sind, die ganz elementar damit verbunden sind, ob die Armen, die Bedürftigen, die Schwachen eigentlich irgendwann aus dem Teufelskreis ihrer Not entfliehen können.
Populismus des Guten
Ist es auch vernünftig, einen Papst als moralische Figur zu sehen, als jemanden, dessen Worte auch nur ansatzweise einen ethischen Impetus ausdrücken, als den obersten Priester einer weltweit agierenden Riesenorganisation - wo er damit doch automatisch ein politischen Akteur ist unter anderen politischen Akteuren, so wie Johannes Paul II. als Schlüsselfigur im Kalten Krieg gegen den Kommunismus: Und was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass auch der Stellvertreter des Teufels auf Erden, der neue chinesische Staatspräsident Herr Xi, an diesem Freitag seinen "first day in the job" hatte? Wie eben Herr Bergoglio?
Ist es überhaupt vernünftig, so etwas wie Gerechtigkeit von einer Institution zu erwarten, die seit so langer Zeit schon ein Instrument der Macht ist? Aus den ersten Worten dieses Papstes spricht ja genau der Populismus des Guten, der keine Konsequenzen haben wird und sich mit der bekannt reaktionären Haltung gegenüber so ziemlich allen wesentlichen Errungenschaften der Moderne auszeichnet, Freiheit, Selbstbestimmung, Individualität. Wie kann auf dieser Grundlage so etwas wie Hoffnung erwachsen?
Das sind halt so die Fragen, die ich mir stelle, wenn ich zum Beispiel die Brille von Franziskus betrachte: Eine billige Brille, da bin ich sicher, vielleicht ein Kassengestell, ohne dass ich wüsste, bei welcher Krankenkasse der Papst eigentlich versichert ist. Aber so eine schlecht sitzende, hässliche Brille ist natürlich auch ein politisches Zeichen: Seht her, ich bin einer von euch, auch wenn ihr wisst, dass das nicht stimmt.
Wüsten des Zweifels
Ist das jetzt alles zu oberflächlich? Verpasse ich irgendwie die spirituelle Dimension des Ganzen? Meine Freunde, die Katholiken, sagen mir ja immer wieder, es sei die Wucht der Zeichen und Symbole, es sei die Schönheit der Inszenierung, die sich hier so angenehm absetzt vom vergeistigten Protestantismus, von diesem Grübeln und Gründeln. Es ist also gerade die Oberflächlichkeit, der crazy Pop, der so eigen ist, die heldenhaft scharf geschnittene Papst-Soutane, die immer leicht zu schimmern scheint, die ganze Sache mit dem Rauch, die Sixtinische Kapelle - Inszenieren können sie, auch wenn es nicht mein Stil ist.
Wo mich das lässt? Ich werde mal wieder ein wenig Pascal lesen, Blaise Pascal, der schwankende, suchende Aufklärer, der so schön und klar über die Widersprüche von Oberfläche und Verborgenem geschrieben hat:
"Gott wollte die Menschen erlösen und das Heil eröffnen denen, die es suchen würden. Aber die Menschen machen sich dessen so unwürdig, dass es gerecht ist, wenn er einigen wegen ihrer Verstocktheit versagt, was er den andern zusagt, aus einer Barmherzigkeit, die er ihnen nicht schuldig ist. Hätte er wollen die Hartnäckigkeit der Verstocktesten überwinden, so hätte er es gekonnt, wenn er sich ihnen so deutlich offenbart hätte, dass sie an der Wahrheit seines Daseins nicht hätten zweifeln können, und so wird er am jüngsten Tag erscheinen mit einem solche Glanz von Blitzen und mit einer solchen Zerstörung der Natur, dass die Blindesten ihn sehen werden. Aber nicht so wollte er erscheinen, als er kam sanftmütig und von Herzen demütig, denn weil so viele Menschen sich seiner Gnade unwert machen, so beschloss er sie zu lassen in der Entbehrung des Guts, das sie nicht wollen."
Willkommen in den Wüsten des Zweifels.
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