Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Gewalt mit System

Der Papst twittert zwar von "Scham und Bedauern" - diese Reaktionen aus dem Vatikan auf die Missbrauchsfälle in Pennsylvania sind aber eine Farce. Tatsächlich ist hier niemandem an Aufklärung gelegen.

Papst Franziskus
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Mindestens 1000 Kinder sind in Pennsylvania von mehr als 300 katholischen Priestern missbraucht worden. Die Kirche hat die Täter über Jahrzehnte geschützt, ihre Taten vertuscht. In der öffentlichen Debatte tauchte der neue Bericht aus Pennsylvania eher am Rande auf, denn man hat sich daran gewöhnt: Wieder ein paar (na ja) Fälle mehr.

Der Papst oder der Roboter, der für ihn twittert, erklärte zunächst fröhlich: "Der Glaube nährt sich von der Erinnerung: wie viele schöne Dinge hat Gott für jeden von uns gewirkt! Wie großzügig ist unser himmlischer Vater!" Wenige Tage später dann doch ein Statement vom Vatikan, dass das mit dem Missbrauch natürlich alles schlimm ist, es gebe lediglich zwei Worte dafür: "Scham und Bedauern".

Scham und Bedauern, das mag auf den ersten Blick menschlich klingen, ist aber allerspätestens auf den zweiten eine Farce, wenn man bedenkt, dass da auch hätte stehen können: Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern, sofortige finanzielle Entschädigungen, flächendeckende Präventionsmaßnahmen in allen Einrichtungen und das Versprechen, sämtliche Fälle unverzüglich so weit aufzuklären wie möglich und die Verantwortlichen, wenn sie denn noch leben, aus dem Dienst zu entfernen.

Tatsächlich hat der Papst dann aber doch mehr gesagt als zwei Worte. Die Kirche solle den Opfern zuhören, um gegen den "tragischen Horror, der das Leben der Unschuldigen zerstört" vorzugehen. Man kann davon ausgehen, dass auch der vermeintlich so lässig-weltoffene Papst Franziskus seine Worte halbwegs abwägt und sich hat beraten lassen von ganz oben und seinen Mitarbeitern.

"Tragischer Horror", das ist eine weitere Farce, denn es gibt zwar Leute, die "tragisch" synonym zu "schrecklich" verwenden (das wiederum wäre durch "Horror" schon abgedeckt), aber die eigentliche Bedeutung von "tragisch" kommt ohne Bezug aufs Schicksal nicht aus.

Gebete allein reichen nicht

Es war allerdings nicht das unvermeidbare Schicksal dieser mehr als 1000 Kinder, vergewaltigt oder anders misshandelt zu werden, und auch nicht das Schicksal von den Tausenden anderen Menschen, denen in den vergangenen Jahrzehnten von Mitarbeitern der katholischen Kirche Gewalt angetan wurde.

Ein paar Tage später schob Papst Franziskus dann noch einen längeren Brief an die Gläubigen hinterher, der sich etwas besser liest. Darin ist die Rede von den Schmerzen der Opfer und von Solidarität, das klingt sinnvoll. Aber auch von einer durch die Verbrechen entstandenen "Ohnmacht (...…) in der gesamten Gemeinschaft", und von der Idee, "mit Maria mehr im Gebet zu verharren", und das klingt schon wieder nicht so, als würde da gerade ein großer Aktionsplan geschmiedet.

Von Rechten lässt sich Gewalt durch Christen schlecht instrumentalisieren

Nach Anschlägen von islamistischen Attentätern oder anderen Fällen von Gewalt zum Beispiel in islamischen Ländern gibt es immer wieder Forderungen, die Muslime, die hier leben, mögen sich von diesen Taten distanzieren. Wenn Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufgedeckt werden, gibt es diese Forderung nicht.

Von Rechten lässt sich Gewalt durch Christen schlecht instrumentalisieren, weil sie sich oft selbst als christlich verstehen. Von Linken hört man zu der Frage auch nicht mehr viel, und von der Mitte ebenso wenig, vielleicht weil sie ahnt, dass da einiges in die Brüche gehen könnte: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind keine Einzelfälle und keine Zufälle, sondern Gewalt mit System.

Die katholische Kirche ist erst seit Allerneuestem gegen die Todesstrafe. Man hat sich daran gewöhnt, dass diese Institution dem gesellschaftlichen Fortschritt entweder hinterherhinkt oder ihn aktiv verhindert, aber diese Gewöhnung trägt dazu bei, die extreme Unterskandalisierung von sexualisierter Gewalt in der Kirche weiterzutragen. Es gibt Menschen, die aus der Kirche austreten, weil sie dieses System nicht mehr mittragen wollen, und es gibt Gläubige, die wütend sind und mehr Aufarbeitung fordern, aber sie sind definitiv nicht lauter als diejenigen, die sich darüber totlachen, wie Markus Söder jetzt in Behörden Kreuze an die Wand hängt. Als wäre nicht auch das ein Ausdruck davon, wie extrem weitreichend die Macht der Kirche ist, auch dort, wo sie nicht hingehört.

Das katholische System ermöglicht sexualisierte Gewalt

Die katholische Kirche ist aufgebaut wie ein sehr großes, über lange Zeit optimiertes Menschenexperiment zur Frage, wie man möglichst gut schutzlose Menschen missbrauchen kann. Es tut mir ein bisschen leid, das so hart zu sagen, und ich glaube, dass man trotzdem Respekt haben sollte vor dem Glauben einzelner Menschen, denn Religiosität ist nichts, was man Leuten an sich vorwerfen sollte.

Das System aber, das zum katholischen Glauben gehört, ist prädestiniert dafür, sexualisierte Gewalt nicht nur zu ermöglichen, sondern auch ungestraft zu lassen: Eine Sexualmoral, die menschliche Bedürfnisse auf extrem wenige lebbare Varianten beschränkt oder ganz verbietet, dazu harte Hierarchien, innerhalb derer einzelne Männer mit lächerlich viel Macht ausgestattet werden und denen gleichzeitig mitunter sehr viele Kinder und Jugendliche anvertraut werden, und zur Sicherheit noch die Möglichkeit, Vergehen zu beichten und dann guten Gewissens weiterzumachen in einem Netzwerk organisierter Kriminalität.

Seit in den vergangenen Jahren unzählige Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden, hat sich zwar einiges verändert und verbessert. Es wurden Missbrauchsbeauftragte (eigenartiger Titel, wenn Sie mich fragen) ernannt, Hotlines eingerichtet und Entschädigungen gezahlt. Allerdings weigern sich auch immer noch Bistümer, für eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz zur Aufarbeitung ihre Archive zu öffnen. "Es darf nicht mehr nur um den Schutz und das Ansehen der Kirche gehen", hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung vor Kurzem gesagt.

Um Aufklärung radikal voranzutreiben, müsste man das System umbauen

Um Ansehen geht es bei der ganzen Sache natürlich die ganze Zeit schon. Jetzt wird es kurz persönlich. Ich weiß besser, wovon ich rede, als mir lieb ist, weil der Mitarbeiter einer katholischen Einrichtung, der mich vergewaltigte, als ich gerade 16 geworden war, mich nicht so gut hätte zum Schweigen bringen können ohne das System der katholischen Kirche im Rücken. Er erklärte mir, ich dürfte nie mit jemandem darüber sprechen, weil er sofort seinen Job verlieren würde, seine Familie dann kein Einkommen mehr hätte - und in seinem katholischen Umfeld - Ehefrau, Kinder, Engagement in allen möglichen kirchlichen Dingen - wüssten dann sofort alle Bescheid.

Und tatsächlich empfand ich damals eine Art irrsinnig verkehrtes Mitleid und die Pflicht, die Klappe zu halten, für Jahre. Auch in dem Glauben, ich wäre am Ende diejenige, die bestraft würde, wenn ich sprechen würde. (Ich habe einen dieser Nachmittage und die Zeit danach in meinem Buch Untenrum frei geschildert.) Es dauerte Jahre, bis ich darüber redete und ihn anzeigte und er letztlich seinen Job verlor. Von der katholischen Einrichtung, um die es ging, gab es kein Wort der Unterstützung, lediglich die sehr formale Mitteilung des Bistums, dass der Täter nun nicht mehr dort arbeite.

Einzelne Vertreter der katholischen Kirche beteuern immer wieder, es läge ihnen viel daran, alles aufzuklären, aber es sieht offen gestanden im Großen und Ganzen nicht danach aus. Es hat in den vergangenen Jahren für die Obersten in der katholischen Kirche genügend Chancen gegeben - sprich: Tausende Fälle, die aufgedeckt wurden gegen ihren Widerstand -, die Aufklärung so radikal voranzutreiben, wie nötig wäre. Aber um das ernsthaft zu tun, müssten sie ihr ganzes System umbauen, und wenn sie jetzt von "Scham und Bedauern" sprechen, muss ich leider sagen: Ich glaube ihnen nicht.

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insgesamt 65 Beiträge
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muskat51 21.08.2018
1. Auch das muss vielleicht mal gesagt werden:
Die Grundlage der Kirche, Gott, ist nach rechtsstaatlichen Prinzipien nicht greifbar. Die gesamte kirchliche Lehre muss in einem Rechtsstaat als ein von Menschen erdachtes Werk betrachtet werden, in dem durchaus auch gesellschaftlich nützliche Komponenten enthalten sein können. Trotzdem kann die Kirche - von Außerirdischen betrachtet, denen der Gott der Kirche fremd ist - auch als Tarnorganisation für Geldwäscher und Kinderschänder angesehen werden. Mitglieder dieser Organisation, die sich wider unsere rechtsstaatliche Ordnung verhalten, müssen vor den "weltlichen" Richter gestellt und von diesem wie jeder andere auch beurteilt werden. Innerhalb der Organisation ist das genauso unmöglich wie in Sportverbänden oder in Dieselkonzernen. Wir sollten glücklich sein, einen Rechtsstaat zu haben und wir sollten ihn das Recht durchsetzen und bewahren lassen.
benchok 21.08.2018
2. System Kirche
Das System als ursächlich für den massenhaften Missbrauch zu bezeichnen halte ich für verkehrt. Längst nicht alle Priester vergehen sich an Kindern, mancher Fußballtrainer trotz zölibatsfreien Lebenstil schon. Darin kann es also nicht liegen. Perverse Einzeltäter denen weltliche Strafverfolgung drohen müsste, sind für Ihr Handeln selbst verantwortlich. Die Kirche deckt mit ihrer Struktur diese Grausamkeiten und verhindert Aufklärung. Insofern trägt das System dazu bei, ok. In Summe betrachtet, ist Kirche, ist Glaube, nur ein Instrument antiquierte Allmachtsphantasien auszuleben und zu erhalten. Gott braucht kein Mensch und erschuf ihn selbst zum Selbstzweck. Ich brauche keine Kirche und Religion zur Wertevermittlung. Werte sind immanenter Bestandteil sozialer Wesen. Es lebe die Wissenschaft - Amen!
Sonia 21.08.2018
3. Und, werden sie damit aufhören?
Ich sage: Nein. Eltern haben in völliger Ahnungslosigkeit diesen Leuten, wo sie ihre Kinder in Sicherheit wägten und davon ausgingen, dass Kirchenmänner an das glauben, was sie predigen, ihre Kinder anvertraut. Wir wissen aus unserem eigenen Land, was auch hier in kirchlichen Einrichtungen möglich war. Sehr schnell war das Ungeheuerliche aus den Schlagzeilen, allerdings haben in Deutschland die Kirchen Hunderttausende Mitglieder verloren. Die richtige Antwort.
steppenwolf81 21.08.2018
4. Laizismus - weiterhin Wunschtraum
Die Gesellschaft im Ganzen, die sich dieser beschämenden Vorfälle ausgesetzt sieht, ist gleichzeitig Schlüssel dazu, das System im System - wie es mit den Kirchen immer noch gegeben ist - am Leben zu halten. Missbrauch von Menschen, Geldern, Einflussnahme in rein nicht-kirchliche Entscheidungen und Diskussionen, Gerichtsbarkeit... All das ist in der Welt, wie wir sie weltlich heute geformt haben und entwickeln nur möglich, weil Religion und Staat/Sozialgesellschaft keine eindeutige Trennung haben. Es geht dabei nicht um die Abschaffung oder Verfolgung von Glauben sondern nur das eindeutige Verschieben dessen nebst seiner Strukturen in den rein persönlichen Bereich. Der Staat muss die Hoheit behalten, in ihm agierende Organisationen bei Verstößen gegen Recht sanktionieren und verfolgen zu können. Damit sich ein verfehlendes System nicht selbst decken und unbestraft lassen kann. Besteht nicht schon ein Interessenkonflikt, wenn die regierende Partei offen das Wort 'christlich' im Namen trägt? 'Christliche Werte' wäre bereits Abgrenzung genug, aber bitte eben kein Stellvertretertum. Ob hierzulande oder in den erstarkenden Tendenzen fundamentalistischen Glaubens weltweit, westlich oder östlich: es wäre angebracht, den Laizismus ganz unaufgeregt und urteilsfrei voranzubringen, um nicht mittelalterlichen Strukturen in einem Zeitalter wie dem unsrigen oder kommenden verhaftet zu bleiben.
glastrompete 21.08.2018
5. Diesem Beitrag...
...kann ich nur (bzw. muss ich leider) zustimmen. Ist mir noch immer zu still das Ganze. Wo bleibt der GROSSE Aufschrei? Wo bleiben die rigorosen Konsequenzen? Sowohl durch die Angestellten der Institution als auch der Gläubigen? Früher einmal hatte ich großen Respekt vor der kath. Kirche. Inzwischen bin ich quasi ziemlich vom Glauben abgefallen und unterscheide zwischen dem Glauben an sich und der Institution. Auch wenn das jetzt ein (vermutlich ungerechtfertigter) Rundumschlag ist: Ich stelle mir mittlerweile die Frage, wie Eltern so unbekümmert ihre Kinder allein in die Kirche gehen lassen können (Messdiener z.B.). Das ganze Thema kann und darf nicht unter den Teppich gefegt werden.
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