Katholisches Wochenblatt Bischöfe wollen "Rheinischen Merkur" entsorgen

Sterbehilfe durch Geldentzug? Die katholische Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" soll an die "Zeit" verkauft werden und künftig nur noch als Beilage erscheinen. Die Pläne werden wirtschaftlich begründet - doch konservativen Kirchenmännern war das Blatt schon länger ein Dorn im Auge.

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Verlagsgebäude des "Rheinischen Merkur" in Bonn: Ist der schwarze Block am Ziel?
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Verlagsgebäude des "Rheinischen Merkur" in Bonn: Ist der schwarze Block am Ziel?


Die einst als Kampfblatt der Kirche gegründete katholische Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" wird wegen mangelnder Linientreue und hohen Defiziten von den deutschen Bischöfen fallengelassen. Auf der am Montag beginnenden Bischofskonferenz in Fulda soll ein Beschluss über das Ende der kirchlichen Subventionierung und den Verkauf des publizistischen Flaggschiffs der katholischen Kirche an die Hamburger "Zeit" gefällt werden.

An die rund 12.900 verbliebenen Abonnenten soll dann von der "Zeit" künftig nur noch eine Art Beilage mit religiösen Themen angeboten werden - mehr bleibt am Ende von der 1946 in Koblenz entstandenen Wochenzeitung (Erstauflage: 220.000) nicht übrig; wahrscheinlich bedeutet es über kurz oder lang den Tod des Blatts. Damit ist der schwarze Block in der Bischofskonferenz an sein Ziel gelangt: Die Zeitung erschien einigen Bischöfen schon seit Jahren als zu liberal und eigenständig.

Insbesondere der Kölner Kardinal Joachim Meisner hatte sich immer wieder über die Berichterstattung des "Merkur" geärgert. Es heißt, Meisner habe nicht persönlich, sondern gelegentlich einen Gefolgsmann in der Redaktion anrufen lassen, um seine Kritik anzubringen. Es begann schon vor Jahren, als der Konflikt um die Schwangerschaftsberatung in der Kirche tobte und das Blatt nicht einfach Meisners fundamentalistischen Kurs des Ausstiegs aus der staatlichen Beratung verteidigte, sondern darüber kritisch berichtete. Meisner und etlichen anderen erzkonservativen Bischöfen passte vieles nicht an der von ihnen so hoch subventionierten Zeitung: wie die evangelische Bischöfin Margot Käßmann darin auftauchte, wie das Thema Ökumene stattfand oder dass selbst der Papst mitunter nicht gut weg kam, etwa bei dem Konflikt um die Piusbrüder und den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson.

Zuletzt gingen den erzkonservativen Bischöfen die Berichte über sexuelle Missbrauchsfälle auf die Nerven, der Umgang mit dem Fall Walter Mixa und dass der "Merkur" dem von ihn ungeliebten Berliner Canisius-Direktor, dem Jesuitenpater Klaus Mertes, sehr viel Platz widmete. Doch der langjährige Generalvikar des Erzbistums Köln, Norbert Feldhoff, hielt bis zu seinem Abgang 2004 die schützende Hand über das Blatt - weil er Meisners inhaltliche Kritik nicht teilte. Wenn die Bischofskonferenz jetzt durch Geldentzug Sterbehilfe leistet, werden auch nicht alle Bischöfe begeistert sein. Gottesmänner wie der Mainzer Kardinal Karl Lehmann oder der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sollen gegen den Verkauf sein.

Angela Merkel hielt die Festrede

Das Erzbistum Köln gilt als größter Finanzier unter allen deutschen Bistümern, die Träger des "Rheinischen Merkur" sind. Rund zwei Drittel der Anteile liegen bei den fünf nordrhein-westfälischen Bistümern, die Bischofskonferenz selbst ist an dem Blatt nur geringfügig beteiligt. Den Verkauf an die "Zeit" arrangiert die in München ansässige Consulting-Firma Medien-Dienstleistung GmbH MDG, die jedoch Details über den Deal nicht verraten mochte. Auf einer Betriebsversammlung in Bonn will die Geschäftsführung des Verlags am Montag den zwei Dutzend verbliebenen Redakteuren und etlichen Angestellten ihre Zukunft erläutern.

Die Zeitung war traditionell auch mit der CDU verbunden. Zur Feier des 60-jährigen Bestehens des Blattes war noch Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Bonner Petersberg als Festrednerin aufgetreten. Kritisch, konservativ, christlich orientiert - das war die Selbstbeschreibung der Blattmacher um Michael Rutz, dem langjährigen Chefredakteur. Die Auflage des "Merkur" ist aber seit Jahren dramatisch gesunken, die tatsächlich frei verkauften Exemplare sollen derzeit gerade mal 15.000 betragen, die offizielle Statistik gibt 64.000 an, inklusive 12.900 Abonnenten, und viele beziehen das Blatt vergünstigt oder umsonst. Vor fünf Jahren wurden noch 105.000 Exemplare gemeldet.

Was tatsächlich aus diversen Kirchenkassen, vornehmlich aus Kirchensteuereinnahmen, über den Verband der Diözesen Deutschlands an den "Rheinischen Merkur" floss, gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Bischofskonferenz. Von jährlich bis zu sieben Millionen Euro war die Rede, ohne dass diese Zahl dementiert wurde. Zuletzt sollen es drei Millionen jährlich gewesen sein. So hat der schwarze Block im Katholikenreich es leicht, sein ungeliebtes Kind endlich loszuwerden. Denn offiziell wird der Verkauf nicht mit Kritik an den Inhalten begründet, sondern "allein aus finanziellen Erwägungen" heraus.

Mit dem Ende des "Merkur" steht es nicht gut um die katholische Publizistik in Deutschland. Und die Geschichten wiederholen sich: Schon 1972 musste die liberale, von den Bischöfen herausgegebene Zeitschrift "publik" sterben. Die Mehrheit der Bischöfe hatte das Blatt liquidiert, weil es ihnen zu teuer und vor allem zu progressiv geworden war. Der "Merkur" mit seiner rheinisch-katholischen Orientierung hinterlässt eine publizistische Lücke im Printbereich. Katholische Berichterstattung wird zunehmend ins Internet verlagert. Hier tummeln sich bereits zahllose konservative bis reaktionäre und ultra-rechte Online-Portale, die mehr und mehr das publizistische Bild von Kirche prägen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Hythlodeus 20.09.2010
1. Leertaste..
Schade,, ein Blatt mit sehr fundierten Beiträge, die abseits des mainstream tieferen Einblick ermöglichte wird verschwinden. Die Presselandschaft wird eine konservative Stimme verlieren. Aber ob in Deutschland eine Stimme verloren geht, kümmert eh niemanden. Hauptsache es geht kein Bonus verloren.
Katzenfreund, 20.09.2010
2. Na und?
Wer wird den Rheinischen Merkur schon vermissen?
udo46, 20.09.2010
3. xxx
Zitat von sysopSterbehilfe durch Geldentzug? Die katholische Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" soll an die "Zeit" verkauft werden und künftig nur noch als Beilage erscheinen. Die Pläne werden wirtschaftlich begründet - doch konservativen Kirchenmännern war das Blatt schon länger ein Dorn im Auge. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,718415,00.html
Die Einstellung des Blattes als eigenständiges Organ hat zwei Gründe: 1. der Niedergang der kath. Kirche in D im allgemeinen 2. das sich Durchsetzen der reaktionären Fraktion im kath. Klerus in allen Bereichen im besonderen - als Reaktion auf ersteres
zweimalhamburg 20.09.2010
4. Kirchenberichterstattung wie man sie vom Spiegel kennt
Typisch Spiegel. Wenn es nichts zu schreiben gibt, ist man auf der Suche nach dem katholischen Feindbild. Daraus hat sich noch immer eine Story kreieren lassen. "Erzkonservative Bischöfe", "Gottesmänner", "schwarzer Block", "ultra--rechte Online-Portale". Wer sich auch nur eine Stunde mit der katholischen Kirche in Deutschland beschäftigt, merkt, dass das alles abgedroschene Phrasendrescherei ist. Das größte katholische Online-Portal www.kath.net etwa ist ein ganz hervorragendes Portal, in dem auch die schrillsten Gegenstimmen aus Spiegel und Süddeutscher Zeitung immer zum Lesen bereitstehen. Eine solche Meinungsvielfalt würden Linksliberale nie zulassen (brauchen sie auch nicht, denn sie haben ja immer Recht). Dass sich eine Zeitung wirtschaftlich nicht mehr trägt, soll ja nicht nur in der katholischen Kirche vorkommen. Warum ist dann eine Schließung oder ein Verkauf so falsch? Wenn linksliberale Zeitgeist-Journalisten wie Herr Wensierski der Meinung sind, es gebe eine konservative Kirchenleitung und einen Willen an der Basis zur Käßmannisierung, dann ist das falsch. Auch wenn es immer gerne wiederholt wird: Die katholischen Kirchengänger fühlen sich nicht unterdrückt und schätzen die Glaubensfestigkeit ihrer Religion und des Papstes. In 100 Jahren wird die katholische Kirche noch bestehen, der Spiegel ist aber dann auch nur noch ein Online-Portal.
chriswiss 20.09.2010
5. Typisch
Typischer Spiegelbericht. Vielleicht liegt es ja wirklich mal daran, dass immer mehr aus der Kirche austreten und die Kirche dadurch immer weniger Kirchensteuer einnimmt. Da muss nun mal gespart werden. Die Millionen, die in ein Blättchen mit kleinem Abostamm gesteckt werden, könnten doch von der Kirche sinnvoller verwendet werden. Etwa für humanitäre Projekte.
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