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Theater der Gegenwart: Das große Warten auf den Autor

Von Peter Michalzik

Theatergruppe Rimini Protokoll auf der Bühne: Wirklichkeitsanbeter, die keinen Autor sehen Zur Großansicht
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Theatergruppe Rimini Protokoll auf der Bühne: Wirklichkeitsanbeter, die keinen Autor sehen

Die Dramatikerin Kathrin Röggla hat sich in ihrem klugen Buch "Die falsche Frage" auf die Suche nach dem Autor im Theater von heute gemacht. Das war offenbar schwierig. Aber was bedeutet das?

Eines wenigstens hat sich in den vergangenen 50 Jahren nicht geändert: Alle wollen, dass das Theater wirklichkeitsgesättigt, aufregend und kritisch ist. Wer vom Theater träumt, der will, dass es die Gegenwart durchdingt, Widerspruch herausfordert, Widerstand ermöglicht - und am Ende auch noch Spaß macht.

Oder, wie Kathrin Röggla es ausdrückt: "Nein, es geht auch um den Aufbau eines widerständigen symbolischen Netzwerks gegen die faktenschaffende Macht des realen Herrschaftssystems, das mehr und mehr mit Fiktionen gegen unsere realistische Haltung arbeitet, um den eigenen Herrschaftsraum zu erhalten." Die Lage ist unübersichtlich, das Vokabular verflüchtigt sich, die Sehnsucht bleibt.

Röggla, 44, denkt über ihr Metier nach: das Theater. Sie ist eine der klügsten Dramatikerinnen, die es zurzeit gibt, aber sie bekommt das Ding einfach nicht zu fassen. Sie hat sich in Saarbrücken hingestellt und in drei Vorlesungen über ihre Position als Autorin - im Theater, in der Welt - nachgedacht. Der Vorlesungstext, jetzt als Buch erschienen, ist eine Suchbewegung. So ist das mit der Poetik 2015. Es sind nicht nur wir, die nicht wissen, in welcher Welt wir leben, es ist auch die Autorin, die nicht weiß, in welcher Welt sie schreibt. Und sie macht keinen Hehl daraus.

Heiner Müller lebt

In der ersten Vorlesung sind die Dinge noch halbwegs klar. Auf der einen Seite stehen die Event-Gläubigen und Autorenverabschieder des Performativen und Postdramatischen, zu deren Agentur sich die Bundeskulturstiftung gemacht hat. Hier kann Röggla, als Autorin, ihren Platz nicht finden. Auf der anderen Seite stehen die Wirklichkeitsanbeter der Gruppe Rimini Protokoll und Theaterdokumentaristen wie Milo Rau. Da gibt's zwar viel Realität, aber auch keinen Autor.

So bleibt die Autorin, seit diesem Jahr auch Vizepräsidentin der Akademie der Künste in Berlin, irgendwie an Adorno, Alexander Kluge und vor allem Heiner Müller hängen: Ein Theatertext ist dann gut, wenn er dem Theater Widerstand entgegensetzt, wenn er nicht zu machen ist, hatte der mal dem Theater in die Dramaturgiekladde geschrieben; die letzte bündige Formulierung einer dramatischen Position. So ist Heiner Müller, seit 20 Jahren tot, der letzte lebende Dramatiker.

Das ist interessant, weil Röggla selbst dem Postdramatischen und Dokumentarischen nahesteht oder -stand. Sie schreibt ihre Stücke, nachdem sie zugehört hat, über gesellschaftlich relevante Themen. Sie entwickelt für die Bühnen daraus dauerredende Kollektive, die sich verbünden und streiten, sprechende Gesellschaftsgruppen, die offenlegen, wie die Dinge liegen. Das war mal reine geschriebene Postdramatik.

Wir wissen nichts

Mittlerweile aber fühlt sich Röggla, ohne sich selbst geändert zu haben, auf die Position des Autors zurückgeworfen. Sie sucht nach der Position des Bewusstseins, das Dinge durchdenkt, verarbeitet, kritisiert - und findet sie nicht. Vorlesung zwei und drei wandern durch einen Wald, den sie, wie sie immer wieder beteuert, vor lauter Bäumen nicht übersehen will.

Aber es hilft nichts. Im medialen Dschungel, der von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden ist, in der beschleunigten Gegenwart und der durcheinandergewirbelten Zeit verschwimmt das kritische Bewusstsein, löst sich die Position des Autors auf. Da geht es Röggla nicht anders als anderen, nur dass das bei ihr ein bisschen offener und intelligenter und reflektierter ist.

Selbst die Technik des schreibenden Journalismus, der steile, klare Satz, kann sie da nicht retten. "Es ist gleichzeitig alles bekannt und unsichtbar", sagt sie. Ja! Na, und? Oder: "Revolution ist eine langgepflegte deutsche Feuilletontradition." Ja, aber noch mehr des Theaters. Oder, gleich darauf: "Ist das Publikum noch gut? Wir wissen es nicht." Nein, wir wissen nichts. Trotz solcher gut eingeschlagener Satzpflöcke bleibt die Unklarheit. Und das Theater wartet weiter auf den Autor.

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1. Bücher wie dieses
jürgendurden 10.08.2015
...und Artikel wie dieser über Bücher wie dieses bestärken mich immer wieder in meiner Meinung,dass deutsches Theater nichts als ein Elfenbeinturm ist , der seine Berechtigung nur in sich und aus sich zieht, mit der echten Welt jedoch rein gar nichts zu tun hat.
2. Sehr richtig,
sapperstein 10.08.2015
ich kann mich jdurdens Meinung nur anschließen. Ich habe das Theater geliebt, seit vielen Jahren ist es weitgehend einfach nur noch eine Frechheit. Die ganze Sache würde sich sehr schnell ändern wenn Theater wieder Geld an der Kasse einnehmen müsste. Daher: Subventionen radikal weg.
3. Die subventionierten Theatermacher ...
achzy 10.08.2015
... interessieren sich nicht für das Publikum, sondern nur für sich selbst. Die ganze subventionierte Theaterszene ist ein durch und durch inzestuöser Betrieb. Diese Theatermacher sind besoffen von dem Gefühl, im Besitz der Wahrheit zu sein und so sind sie nur von einem ergriffen: Von sich selbst. Handwerk? Schauspielkunst? Tolle Geschichten, dramaturgisch raffiniert gebaute Texte mit Spannung, kluger Reflektion, mit Geist und Humor? Und Regisseure, die sich nicht selbst inszenieren sondern sich in den Dienst des Textes eines Autors stellen? Das alles gibt es doch kaum noch auf deutschen subventionierten Bühnen. Zum Glück ist Theater unkaputtbar. Die Generationen nach uns werden mal kopfschüttelnd auf diese Zeit zurückblicken und sie zum Tiefpunkt in der mehrtausendjährigen Geschichte des Theaters erklären.
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