Über die Zumutungen des Alters Berührungen ohne Hygiene-Handschuhe

Wenn Senioren zu "Investitionswidrigkeiten" werden: Die gefeierte Jungautorin Katja Brunner hat mit "Geister sind auch nur Menschen" eine deftige Wutrede gegen die Zumutungen des Alters geschrieben. Die Uraufführung in Luzern ist der Hammer.

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Szenenbild aus der Luzerner Uraufführung von "Geister sind auch nur Menschen"
Tanja Dorendorf/ T+T Fotografie

Szenenbild aus der Luzerner Uraufführung von "Geister sind auch nur Menschen"


Helles Holz hinten, helles Holz links und helles Holz rechts, helles Holz auf dem Boden: Ein rundum furnierter Bühnenkasten, mit einem Matratzenstapel in der einen Ecke und einem Klo in der anderen. In vier Metern Höhe ragt ein Brett aus der Wand, auf dem ein Mann liegt und sich nicht regt. Aus einer Luke gegenüber schaut eine Frau mit weißer Fuchskopfmaske heraus. Auf dem Boden windet eine Frau ihren grotesk verzerrten Körper, richtet mit den Beinen eine Leiter auf und steigt sie rückwärts empor.

Alle tragen weiße oder vergilbt-weiße Kleider, keiner spricht. Und doch passiert so viel in diesem Raum, der zunächst so sinnenkarg wirkt: Man kommt minutenlang mit dem Mitschreiben kaum hinterher. Der Musiker Malte Preuss sitzt vorne rechts in einer Ecke und sendet nervöses Gitarren-Gezitter in die Szene. Vom Band kommt eine Stimme dazu, monoton leiernd: Ein Wort nach dem anderen fällt dem Sprecher aus dem Mund und wabert langsam durch die Luft. Als würden die Worte im Raum festhängen, wie Geisterstimmen.

"Geister sind auch nur Menschen" heißt das Stück von Katja Brunner, in dem Senioren sehnsüchtig durch unsere Gesellschaft spuken: Sie sind noch nicht weg, aber auch nicht mehr richtig da. Am Luzerner Theater hat die Regisseurin Heike M. Goetze den Text im Bühnenbild von Ricarda Beilharz uraufgeführt.

Sex und kleine Süchteleien

Brunner, geboren 1991, hat eine Wutrede geschrieben gegen die Zumutungen des Alters, deftig und derbe und auch mal ordinär. Sie lässt wirre Gedanken emporwirbeln, aus den Tiefen gelebter Leben. Und doch ist ihr Text nicht depressiv, er steckt voller Sehnsucht: Sehnsucht nach dem Tod, aber auch Sehnsucht nach dem Leben, nach Sex und kleinen Süchteleien, Alkohol und Kippen, nach Berührungen ohne Handschuhe, "ohne den Geschmack von Funktionalität".

Sie reiht Monologe aneinander, verzichtet aber meist auf eine klare Figurenzuordnung und immer auf eine Handlung. Wild mäandernde Metaphern und wuchtige Wortkomposita sprengen die Grenzen der Sprache: Statt Pflegefachkraft heißt es "Pflegefachschwäche", statt notgeklingelt "kotgeklingelt". Senioren erscheinen als "Investitionswidrigkeiten", als "dem Sozialstaat auf den Möglichkeitstaschen herumfläzende, gerade noch durchblutete Skelette". Brunner macht Textrandale, zündet bitterböse Wörtergewitter, die an Jelinek erinnern und auch schon mal an Thomas Bernhard.

Katja Brunner: Jüngste Gewinnerin des Mühlheimer Dramatikerpreises
Ingo Höhn

Katja Brunner: Jüngste Gewinnerin des Mühlheimer Dramatikerpreises

"Katja ist eine Sprachmalerin", sagt die Regisseurin Goetze; in Brunners Texten fühle sie sich wie Alice im Wunderland. Und so fühlt sich auch der Zuschauer im Luzerner Theater: Wie in einem Altenheim hinter den Spiegeln. Goetze betont das Groteske und Fantastische der Vorlage, ganz ähnlich wie sie es schon 2013 getan hat, in ihrer genial-surrealen Version von Brunners Missbrauchstück "Von den Beinen zu kurz". Die Hannoveraner Inszenierung trug damals ihren Teil dazu bei, dass Brunner in der Kritikerumfrage des Fachmagazins "Theater heute" zur Nachwuchsautorin des Jahres gewählt wurde und den Mülheimer Dramatikerpreis gewann, als jüngste Autorin aller Zeiten.

Zum Heulen schön

Brunners neues Stück ist vielleicht nicht ganz so stark wie ihr Debüt, trotz einiger Hammersätze. Aber die Inszenierung insgesamt: Sie ist der Hammer. Man sollte Brunners Texte künftig nur noch in Goetzes pflegende Hände geben.

Goetze inszeniert so assoziations- und anspielungsreich wie Brunner schreibt, kontert den Overkill sprachlicher Mittel mit einer Vielfalt szenischer Einfälle: Auftritte im Playback oder mit Handpuppe, Senden des Textes über Radios, Projektionen des Textbildes über die Szene, Tanz- und Gesangseinlagen.

Einmal schmalzt der Schauspieler Christian Baus, verkleidet als Greis, den Song "If You Leave Me Now" auf die Bühnenbretter, und Dagmar Bock tanzt dazu wie eine Eiskunstläuferin mit einem Rollator als Tanzpartner, Hebefiguren inklusive. Es ist zum Heulen, und es ist schön. "Geister sind auch nur Menschen" ist kein trauriger Abend, der nach unten zieht. Es ist ein Abend, der aufbegehrt gegen unser einseitig negatives Bild vom Alter und, ja, gegen das Alter an sich.

Dazu passt der wohl schönste Einfall Goetzes: Sie aktiviert eine Schar älterer Schauspiellaien und schickt sie, gekleidet in blassgelbe Feinripp-Unterwäsche, auf die Bühne. Dort packen sich die Senioren die Profi-Schauspieler, stecken sie in Rollstühle, füttern und waschen und kämmen sie.

Die Schauspieler ergeben sich schweigend in ihr Schicksal. Welche Zumutung doch in der Zuwendung liegt, wenn sie nicht abgewehrt werden kann.


Katja Brunner: "Geister sind auch nur Menschen". Uraufführungsinszenierung von Heike M. Goetze am Luzerner Theater, nächste Vorstellungen am 12., 14., 15. und 21.5. sowie am 2. und 7.6., Tel. 0041 41 228 14 14

Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
smartphone 11.05.2015
1. Zumutung = gelinde Untertreibung
Was Für "Dinger" in Krankenhäusern ablaufen ....: So sitzt eine ältere Dame in der stationären Aufnahme. Offene Wunde , soll geröntgt werden .... Da kommt eine Angestellte mitgipsverschmutzem Kittel und logiacherweise ungewaschenen Händen und meint den Patienten an relevanter Stelle anfassen zu können ........ Wir brauchen uns also garnicht um Standardhygiene im Umfeld von Antibiotikaresitenzgefahr zu unterhalten . Hier agieren höchst fahrlässig Angestellte, die man besser dauwerhaft entlassen sollte !!!
asentreu 11.05.2015
2.
Zitat von smartphoneWas Für "Dinger" in Krankenhäusern ablaufen ....: So sitzt eine ältere Dame in der stationären Aufnahme. Offene Wunde , soll geröntgt werden .... Da kommt eine Angestellte mitgipsverschmutzem Kittel und logiacherweise ungewaschenen Händen und meint den Patienten an relevanter Stelle anfassen zu können ........ Wir brauchen uns also garnicht um Standardhygiene im Umfeld von Antibiotikaresitenzgefahr zu unterhalten . Hier agieren höchst fahrlässig Angestellte, die man besser dauwerhaft entlassen sollte !!!
Ja, ja. Hauptsache schön auf die Kacke gehauen. Offene Wunden fässt man, allein schon aus Eigenschutz, nur mit behandschuhten Händen an.
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