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Katja Eichinger als Thrillerautorin: "Ein Mann versucht, die perfekte Frau zu erschaffen"

Katja Eichinger: "Nicht von Beruf Witwe" Fotos
DPA

Der Fall Kampusch in Los Angeles - Katja Eichinger liefert mit "Amerikanisches Solo" ein Psychodrama mit Pulp-Fiction-Elementen. Sonst noch wichtig für ihren Thriller: Schlangen als Haustiere, Narzissmus in Hollywood und der Tod ihres Mannes Bernd Eichinger.

Katja Eichinger, Jahrgang 1971, studierte am British Film Institute in London. Danach arbeitete sie als Film-Journalistin und Autorin, sie schrieb ein Begleitbuch zum Spielfilm "Der Baader Meinhof Komplex". Von 2006 bis zu seinem Tod im Jahr 2011 war sie mit Bernd Eichinger verheiratet. "Amerikanisches Solo" ist ihr Debütroman. Das Buch spielt in L. A., Hauptfigur ist ein durchgeknallter Jazz-Musiker, der eine junge Frau begehrt. Um sie zu ganz besitzen, sperrt er sie in einen Panic Room ein, den gesicherten Schutzraum seines Hauses. Die Autorin lebt in München und Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Giftschlangen, ein Panic Room und ein geladener Revolver. Bei den Requisiten Ihres Romans sind Sie ja nicht gerade zimperlich.

Eichinger: Finden Sie das so heftig? Ich kenne einige Leute, die sich Schlangen als Haustiere halten. Außerdem haben Schlangen eine sehr schöne Symbolik, sei das nun bei C. G. Jung, Sigmund Freud oder in der Mythologie. Nachdem ich das Buch fertig hatte, kam ein Entführungsfall ans Licht, in dem die Opfer über Jahre hinweg von ihren Entführern mit Schlangen eingeschüchtert wurden. Es war schon seltsam, sich in seiner Phantasie so durch die Realität bestätigt zu sehen. Und was den Revolver betrifft: Er ist ja nicht nur Requisite, sondern kommt zum Einsatz. Das ist ein klares Gesetz der Dramaturgie: If you put the gun on stage, you have to fire it.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf den Panic Room gekommen?

Eichinger: Eine Freundin von mir hat in L. A. ein Haus gesucht. Sie hat sich viele Häuser angeschaut. Dann hat sie mir von einer Villa in Beverly Hills erzählt, die einen Panic Room hat, wir fanden das total absurd. Da will jemand die eigene Angst kontrollieren und baut sich selbst ein Gefängnis.

SPIEGEL ONLINE: Harry Cubs, Ihre Hauptfigur, hat zwar ständig Leute um sich, ist aber einsam. Hinter der Fassade seines Ruhms zeigt sich immer wieder seine Verletzbarkeit. Ist diese Konstruktion nicht etwas klischeehaft?

Eichinger: Ich bin häufig in Los Angeles und habe das genau so erlebt. L. A. ist der Motor einer großen Narzissmus-Kultur, und Harry ist der Prototyp dieser Welt. Die Menschen spiegeln sich ständig in den Augen der anderen, kontrollieren ihre Wirkung, gleichzeitig sind sie sehr verwundbar. Ruhm ist ein Wert an sich und wird überhaupt nicht in Frage gestellt. Ich hoffe, dass dieser übertriebene Narzissmus bald seinen Sättigungspunkt erreicht hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Roman geschrieben, um diese Botschaft zu vermitteln?

Eichinger: Nein, ich will überhaupt keine Botschaft vermitteln. Ich wollte etwas schreiben, das mich selbst unterhält. In erster Linie soll es eine gute Geschichte sein, die einen reinzieht, ein Pageturner. Ich habe kein Problem, wenn Leute sagen, das Buch sei Pulp Fiction.

SPIEGEL ONLINE: Im Roman gibt es Sätze wie: "Beim Anblick des Polizeiautos legte sein Herz eine Vollbremsung ein." Andererseits zitieren Sie aus den "Metamorphosen" des Ovid. Wie passt das stilistisch zusammen?

Eichinger: Die "Metamorphosen" in der Übersetzung von Ted Hughes ist mein Lieblingsbuch. Es geht an dieser Stelle um das Pygmalion-Motiv, das im Roman eine wichtige Rolle spielt. Ansonsten: Ich bin auf dieselbe Schule gegangen wie die Brüder Grimm, eine Bildungsbürger-Schule. Aber deshalb muss ich ja noch keinen Bildungsbürgerroman schreiben. Ich liebe Film Noir und die Art, wie Regisseure wie Otto Preminger oder Fritz Lang das Thriller-Genre und dessen immer wiederkehrende Figuren - die Femme Fatale, die Gangsterbraut, den einsamen Cop - mit deutschem Expressionismus verbanden. Mich fasziniert die Schnittstelle zwischen dem, was in Deutschland als E-und U-Kultur (ernste und unterhaltende Kultur, Anm. d.Red.) bezeichnet wird.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie Ihre Story für glaubwürdig?

Eichinger: Doch, ja. Sie hat ja schon stattgefunden - in meinen Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich an eine Verfilmung gedacht?

Eichinger: Beim Schreiben dachte ich: Im Buch gibt es so viel inneren Monolog, das wird nie verfilmt. Aber mittlerweile ist es in meinem Kopf zu einem Film geworden. Ich habe aber keine Ahnung, was damit passiert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Roman ist eine Entführungsgeschichte. Harry bunkert die schöne Mona in seinem Haus ein und will ihre Persönlichkeit formen, er leidet unter einem Messias-Komplex. Woher kam die Idee für den Plot?

Eichinger: Mein Mann hat bis zu seinem Tod an einem Drehbuch über die Geschichte von Natascha Kampusch gearbeitet, der Fall hat uns beide sehr bewegt und verstört. Darüber hinaus habe ich noch andere Entführungsfälle recherchiert. Faszinierend war für mich, dass man bei vielen Fällen Bezüge zu bekannten Mythen herstellen kann, wie etwa zur Geschichte von Pygmalion: Ein Mann versucht, sich die perfekte Frau zu erschaffen. Nach Bernds Tod haben diese Themen weiter in mir gearbeitet. Eine lange Unterhaltung mit Michael Haneke gab mir schließlich den Impuls, mich völlig vom Kriminalfall zu lösen und meine eigene Realität zu erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Warum mussten Sie diese Geschichte denn unbedingt abarbeiten?

Eichinger: Ich war selbst erstaunt, dass ich so besessen davon war. Wahrscheinlich hat es mit meinem größten Alptraum zu tun: die Vorstellung, eingesperrt zu sein. Ich bin extrem freiheitsliebend, deshalb ängstigt mich das wohl so sehr.

SPIEGEL ONLINE: Die Einsamkeit ist ein Leitmotiv Ihres Romans. Inwieweit ist Ihnen dieses Gefühl vertraut?

Eichinger: Nach Bernds Tod habe ich sie sehr stark erlebt. Ich hatte das Gefühl, nicht nur meinen Partner, sondern auch meinen besten Freund verloren zu haben. Mir war aber klar, dass ich nicht von Beruf Witwe sein wollte, sondern ein neues Leben beginnen musste. Die Arbeit hat mir sehr geholfen. Allerdings war der Roman dann ebenfalls eine einsame Angelegenheit. Ich saß in einem Bungalow in L. A. und habe den ganzen Tag geschrieben. Dadurch, dass ich mich der Einsamkeit gestellt habe, konnte ich mich davon befreien.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Roman zunächst auf Englisch verfasst und dann ins Deutsche übersetzt. Warum der Umweg?

Eichinger: Es war für mich kein Umweg. Ich fühle mich im Englischen sehr wohl, es ist wie ein zweites Ich. Direkt nach dem Abitur bin ich nach England gegangen, habe dort studiert. Durch meine Ehe mit Bernd kam ich zurück nach Deutschland, war also quasi auf Deutsch verheiratet. Das Buch auf Englisch zu schreiben, in Los Angeles, bedeutete für mich, in eine andere Welt zu wechseln - in meinem Kopf und ebenfalls räumlich. Sicher war das auch eine Flucht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jetzt Angst, wie das Buch von der Öffentlichkeit aufgenommen wird?

Eichinger: Natürlich exponiere ich mich als Autorin mit so einem Buch. Aber wer Angst vor Hitze hat, darf nicht in der Küche arbeiten.

Das Interview führte Franziska Wolffheim

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Wenig Talent ,aber Witwe !
spmc-122226439819235 08.03.2014
Besprecht nicht immer Minderleistungen von Leuten die durch Leute ,Papier verschwenden durften.Eine Büchner -Preiskuh macht dies gerade wieder vor.Eigene Leistung zählt und nicht das Journalistenkennen,die mit den gratis Karten!
2. Was
frautina 08.03.2014
ist das für ein frustierter Kommentar spmc? Vielleicht mal ausschlafen und noch einmal lesen.
3. Was spmc sagen wollte,
JKStiller 08.03.2014
allerdings ohne das Buch gelesen zu haben: Die Dame ist als Literatin unbekannt und taucht doch ganz flugs mal eben so auf Spiegel-Online auf. Wow, das wünschte sich so mancher unbekannter Schriftsteller. Aber wie kommt der zum Spiegel ohne Connections? Hätte spmc aber auch netter formulieren können, das gebe ich zu.
4. Mehr als nur Frau Eichinger
cybernic 09.03.2014
Ihre Bernd Eichinger Biografie "BE" war sensationell gut geschrieben. Das lässt für den aktuellen Roman hoffen. Sicher ist nicht jeder gleich gut in der Reportage wie im Geschichten erzählen. Aber KE ist auf jeden Fall weit mehr, als nur die Witwe eines bekannten Filmproduzenten. Schon in "BE" konnte man gut nachvollziehen, welche außergewöhnliche journalistischen und kreativen Potentiale sie hatte, bevor sie sich Frau Eichinger nennen durfte.
5.
rolfmueller 09.03.2014
Ich weiß nicht, was die Diskussion hier soll. Katja Eichinger ist eine anerkannte Autorin und war schon vor diesem Roman prominent. Darf nur noch über unbekannte Autoren berichtet werden oder was?
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